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Gastkommentar – Homo oeconomicusVideokonferenzen erschweren Kreativität – auch wenn Gesprächspartner stärker angeschaut werden

Unser Wohlstand hängt von der Kreativität und der Innovation ab. Deshalb sollte die Zeit physischer Meetings vor allem für kreative Prozesse genutzt werden, meint Matthias Sutter. 10.07.2023 - 07:33 Uhr
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In Videokonferenzen wurde fast doppelt so viel Zeit direkt ins Gesicht der anderen Person geschaut als bei physischen Zusammenkünften.

Foto: E+/Getty Images

Durch die starke Zunahme von Homeoffice-Tätigkeit in der Coronapandemie ist die Frage aufgekommen, ob es für die Kreativität von Teams einen Unterschied macht, ob sie physisch zusammenkommen oder nur virtuell vor dem Bildschirm.

Das ist für Innovationsprozesse in Unternehmen von großer Bedeutung – und damit für den Wohlstand unserer Gesellschaft. Zwei Marketingexperten aus den USA haben diese Frage untersucht. Ihre Studie erschien 2022 im Magazin „Nature“.

Melanie Brucks und Jonathan Levav ließen etwa 1500 Mitarbeiter eines international operierenden Telekommunikationsunternehmens in Teams aus zwei Personen Lösungen für aktuelle Probleme im Unternehmen suchen. Dabei saßen die Personen entweder am selben Tisch und diskutierten von Angesicht zu Angesicht oder waren in verschiedenen Räumen, aber über eine Videokonferenz miteinander verbunden.

Die aufgezeichneten Gespräche wurden danach von mehreren Gutachtern im Hinblick auf die Anzahl der diskutierten Lösungen und deren Innovationsgehalt bewertet. Es zeigte sich, dass die Teams im direkten Kontakt ungefähr 15 Prozent mehr Ideen entwickelten, deren Kreativität auch um etwa 15 Prozent höher eingeschätzt wurde.

Offenbar beeinflussen Videokonferenzen die Wahrnehmung und damit auch die kognitiven Prozesse. Videokonferenzen führten dazu, dass sich die Teilnehmer auf die Kästchen auf ihrem Bildschirm konzentrierten und den Rest ihrer Umgebung ausblendeten.

Videokonferenzen erschweren offenbar kreative Prozesse

Beim persönlichen Treffen im selben Raum kam es demgegenüber viel häufiger vor, dass die Teilnehmer auch einmal den Blick im Raum herumschweifen ließen. Dabei ließen sie möglicherweise auch ihren Gedanken mehr freien Lauf, als ihnen das in Videokonferenzen möglich war. In diesen wurde fast doppelt so viel Zeit direkt ins Gesicht der anderen Person geschaut als bei physischen Zusammenkünften.

Matthias Sutter ist Direktor am Max-Planck-Institut Bonn und Autor von „Der menschliche Faktor oder worauf es im Berufsleben ankommt“.

Foto: ECONtribute/Dustin Preick

Tatsächlich ist es so, dass die Häufigkeit, mit der jemand den Blick im Raum herumwandern ließ, positiv zusammenhing mit der Anzahl der entwickelten Ideen. Sie sollten es also keinesfalls persönlich nehmen, wenn der Gesprächspartner beim nächsten Meeting nicht permanent auf Sie fixiert ist.

Brucks und Levav fanden auch heraus, dass die unterschiedliche Kreativität bei physischen oder virtuellen Treffen nicht davon abhängt, ob man den Gesprächspartner kennt oder nicht, wie stark man ihm vertraut oder welche verbalen oder nonverbalen Inhalte jemand sendet.

Es scheint vielmehr entscheidend zu sein, dass die Videokonferenzen es schwerer machen, über den Tellerrand – in diesem Fall den Bildschirmrand – hinauszuschauen, was bei kreativen Prozessen wichtig ist.

Daraus lässt sich für Unternehmen schließen, dass die Zeit physischer Meetings vor allem für kreative Prozesse genutzt werden sollte, weil diese im Rahmen von Videokonferenzen schwieriger zu gestalten sind.

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Matthias Sutter ist Direktor am Max-Planck-Institut Bonn und Autor von „Der menschliche Faktor oder worauf es im Berufsleben ankommt“ (2. erweiterte Auflage 2023).

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