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Homo oeconomicus Katharina Pistor: Der neue Daten-Kapitalismus bietet verheißungsvolle Kontrollmöglichkeiten

Big Tech und Big Data scheinen nun möglich zu machen, woran der Sozialismus gescheitert ist. Tatsächlich steht Kapitalismus mehr für Kontrolle als für Freiheit.
22.09.2020 - 19:00 Uhr Kommentieren
Katharina Pistor ist Rechtsprofessorin an der Columbia-Universität in New York. Quelle: Barbara Alper / Columbia Law School
Die Autorin

Katharina Pistor ist Rechtsprofessorin an der Columbia-Universität in New York.

(Foto: Barbara Alper / Columbia Law School)

Die zentralstaatliche Planung als Alternative zur Organisation der Wirtschaft über Märkte hat sich im vordigitalen Zeitalter als nicht überlebensfähig herausgestellt. Durch den Aufstieg von Big-Tech-Firmen und Big Data tut sich eine neue Alternative auf: Lenkung mit Daten. Dabei sind Daten nicht allein Objekt von Transaktionen, sondern Werkzeug für Private, um andere in einer Größenordnung zu regieren, die mit Nationalstaaten konkurriert.

Ronald Coase stellte 1937 die Frage: Wenn Märkte die beste Form der wirtschaftlichen Organisation sind, warum gibt es dann Firmen? Seine Antwort: Wegen sonst übermäßig hoher Transaktionskosten finden einige Transaktionen besser innerhalb hierarchisch organisierter Unternehmen statt.

Heute sind Transaktionskosten viel geringer. Wir können in Sekunden mit fast jedem auf der Welt kommunizieren und Milliarden Menschen automatisiert überwachen. Facebook allein hat über 2,3 Milliarden Nutzer. Wir sollten also Zeuge des Verschwindens von Firmen und eines Siegeszugs der Märkte werden.

Zwar gibt es gewisse Auflösungserscheinungen was die Arbeitnehmerseite angeht, bis hin zur ausgelagerten, einzeln abgerechneten Klickarbeit. Zugleich haben aber Big-Tech-Megaunternehmen Wege gefunden, sich das Eigentum an unseren Daten kostenlos anzueignen. Wenn sie diese Daten auf einem Datenträger speichern, wird ihnen Immaterialgüterschutz zugesprochen und sie sind gegen Diebstahl geschützt. Hierfür wurden eigens Regulierungen erlassen.

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    Mit diesen staatlich verbrieften Rechten können sie die Daten selbst gewinnbringend ausschlachten und Zugangsrechte an Dritte verkaufen. Da Daten ständig neu produziert werden, hat sich eine schier unerschöpfliche Gewinnquelle aufgetan.

    Kapitalistisches Wirtschaften hat schon immer mehr auf Kontrolle als auf freie Märkte gesetzt

    Die Hauptattraktion des Zugangs zu großen Datenbanken ist aber nicht der Handel mit Daten, sondern die Kontrollmöglichkeit, die diese verkörpern. Big Tech macht daraus Steuerungsinstrumente, die das Verhalten von Personen und Gruppen vorherzusagen oder zu gestalten erlauben. Durch das Absaugen alltäglichen Verhaltens von Konsumenten werden Informationen extrahiert, die es Anbietern von Waren und Diensten leicht machen, diese an Mann und Frau zu bringen und zu Waren und Dienstleistungen zu verarbeiten.

    So wird der Verkauf vom Marktvorgang zum Endpunkt eines Geschehens, das von einer Seite kontrolliert wird. Shoshana Zuboff spricht von „Überwachungskapitalismus“, doch erfasst dies nur einen Teil des Problems, die Überwachung, nicht aber die Abschaffung von Märkten. Tatsächlich hat die kapitalistische Wirtschaftsweise schon immer mehr auf Kontrolle als auf wirklich freie Märkte gesetzt.

    Im klassischen Kapitalismus beruht die Kontrolle auf der Instrumentalisierung staatlicher Macht in Form von Eigentumsrechen, Aktiengesellschaften und anderen Institutionen des Privatrechts zum Zwecke der Gewinnmaximierung einiger. Im digitalen Zeitalter beruht sie auf Daten und dem digitalen Code mit dem diese von privaten Akteuren ohne Rechenschaftspflicht nutzbar gemacht werden.

    Mehr: US-Ökonom Glen Weyl sieht eine noch nie da gewesene Technologie-Abhängigkeit der Gesellschaft. Er hofft auf einen positiven Ausgang der Coronakrise.

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