Anti-Woke-Bewegung: Trump setzt den gesunden Menschenverstand außer Kraft
Donald Trump unterzeichnet Berge von Dekreten. Um die Wirtschaft anzukurbeln, setzt er erst einmal alles Mögliche außer Kraft. Auch den gesunden Menschenverstand und das gesellschaftliche Wohl. Die Chefetage des Big Business ist Feuer und Flamme. Noch ehe die Tinte trocken ist, machen die Unternehmenslenker eine mentale und moralische Kehrtwende.
Diversity, Inklusion, Nachhaltigkeit und Co. werden mit halbherzigen Begründungen aus der Welt geschafft. Auch die persönlichen Versprechen, mit gemeinsamen Anstrengungen die Erde zu retten und die CO2 Bilanz auf null zu bringen, werden kurzerhand außer Kraft gesetzt. Alles, was nicht nach Umsatz, Wachstum und Profit riecht, findet ein jähes Ende.
Die Regenbogenflagge weht auf halbmast. Jahrelang musste die Wirtschaftselite bei ihren Entscheidungen Rücksicht auf Natur und Minderheiten nehmen, jedes Wort wurde auf die Goldwaage gelegt. Die Trump‘schen Dekrete wirken wie ein Laubbläser, der alles das vom Tisch fegt.
Die Chefs der wertvollsten Unternehmen der Welt stehen mit breitem Grinsen in erster Reihe und können ihr Glück kaum fassen. Der Meta-CEO schreitet mit breiter Brust und dicker Lippe vor die Kameras und lässt die Welt wissen: „My apologizing days are over.“ Dabei haben uns die großen Unternehmen zuletzt Hoffnung gemacht. Wenn die Politik die Probleme schon nicht in den Griff bekommt, dann vielleicht die Wirtschaft.
Die Finanzwelt hatte sich zusammengeschlossen und die Net-Zero-Banking-Allianz gegründet. 144 Großbanken haben sich verpflichtet, die Emissionen ihrer Portfolios bis 2050 auf netto null zu senken. Die Banken waren entschlossen, nichts mehr zu finanzieren, was nach fossilen Brennstoffen riecht und der Welt den Atem raubt. Doch in dem Moment, als Trump der Wahlsieg nicht mehr zu nehmen war, machte die Financial World auf dem Absatz kehrt.
Von Klimazielen zu Ölprofiten
Noch ehe Trump im Weißen Haus Platz genommen hatte, marschierten Goldman Sachs, JP Morgan, Morgan Stanley, Wells Fargo, Bank of America und Citigroup strammen Schrittes Richtung Vergangenheit und holten Argumente aus den achtziger Jahren hervor. „Ihre Aufgabe sei nicht die Politik, sondern das Wohlgefallen der Aktionäre und Kunden“, ließen sie uns wissen.
Milton Friedmans Shareholder-Value ist back in town. Mitarbeiter, Gesellschaft und Umwelt rutschen wieder nach hinten auf der Prioritätenliste. Diese sechs Banken haben im Jahr 2023 zusammen 121 Milliarden Dollar Gewinn gemacht.
Selbst die abgeschriebenen fossilen Industrien wittern Morgenluft. Über 60 Milliarden Dollar Wiedergutmachung hatte The British Petroleum Company (BP) zahlen müssen, nachdem die Bohrinsel Deep Horizon 2010 explodierte, das Leck monatelang nicht geschlossen werden konnten und über drei Millionen Barrel Öl (159 Liter) in den Golf von Mexiko flossen und das Image ebenso verseuchte wie zweitausend Kilometer Küste.
Daraufhin gelobte der Konzern Besserung und erfand sich von Grund auf neu. BP war nicht länger ein Name, sondern ein Zukunftsprogramm: Beyond Petroleum. Das Unternehmen wollte der Vorreiter bei Klimaschutz werden. Beyond Petroleum war das Versprechen, die Emissionen aus der Ölproduktion um 40 Prozent zu senken – bis 2030.
Jeder Topmanager weiß, dieses Jahrzehnt ist entscheidend, um der Klimakatastrophe zu begegnen. Jetzt will BP davon nichts mehr wissen, die Investitionen in grüne Energien werden gekürzt, um ein neues Bohrfeld – wir ahnen es – im Golf von Mexiko, oder Golf von Amerika, zu bauen. 156 Millionen Liter Öl täglich sind das Ziel.
Die Manager wollen die Gunst des Moments nutzen, um im Chaos und Informationsüberfluss der ersten Trump-Tage Fakten zu schaffen, in der Hoffnung, dass sie in der Menge der unvorstellbaren Botschaften und der allgemeinen Erregung sang- und klanglos untergehen, und sich damit aus der gesellschaftlichen Verantwortung stehlen.
Es wird die Unternehmen teuer zu stehen kommen. Unternehmen, die ihren Beitrag für Mensch, Natur und Gesellschaft bei erstbester Gelegenheit abstellen, machen vierfach Verlust. Sie verlieren Vertrauen, Mitarbeitende, Kunden und Ansehen. Die Unternehmenslenker unterschätzen diesen Effekt, weil er leise und schwer messbar ist, aber der Schaden ist langfristig und massiv.
Robert Bosch hatte ein Gespür dafür: „Die Unantastbarkeit meiner Versprechungen, der Glaube an den Wert meiner Ware und an mein Wort standen mir stets höher als ein vorübergehender Gewinn.“ Der Treibstoff der Wirtschaft ist nicht Geld, er ist Vertrauen.