Asia Techonomics: Chinas Antwort auf die US-Prozessoren von Nvidia und AMD
Shanghai. Wenn etwas in China politisch gewollt ist, kann es unglaublich schnell gehen: Gerade 88 Tage dauerte es, bis das 2020 gegründete chinesische Start-up Moore Threads die Erlaubnis für seinen Börsengang am STAR Market, Shanghais Nasdaq-ähnlicher Technologiebörse, erhielt. In dieser Woche folgte dann die Zeichnung, erneut in Rekordtempo.
Die Geschwindigkeit dieses Vorgangs ist Zeichen einer immer selbstbewussteren Nation. Moore Threads soll Chinas Antwort auf die hochentwickelten US-Prozessoren von Nvidia und AMD werden; ein Booster für Shanghais und Pekings technologische Unabhängigkeit in der Halbleiterindustrie. Solche GPUs – spezialisierte Hochleistungsprozessoren – sind heute die Schlüsseltechnologie für Künstliche Intelligenz, da sie riesige Datenmengen verarbeiten können.
Moore Threads wirkt wie der ideale Kandidat für Chinas strategisches Streben im Wettstreit mit der US-Tech-Industrie. Gegründet von Zhang Jianzhong, dem früheren Chinachef von Nvidia, verbindet das Unternehmen internationale Erfahrung mit dem nationalen Ehrgeiz Chinas. Zhang kennt die Branche aus dem Effeff, er bringt ein Netzwerk aus Nvidia- und AMD-Alumni mit und konnte so nicht nur Topingenieure, sondern auch chinesische Tech-Unternehmen wie Tencent als Investoren gewinnen.
Dementsprechend hoch sind auch die Erwartungen an den Börsengang. Der Ausgabepreis lag bei 114,28 Yuan pro Aktie, knapp 15 Euro; 70 Millionen Anteilscheine sollen es sein. So will das Start-up knapp acht Milliarden Yuan, etwa eine Milliarde Euro, einsammeln. Damit stieg die Unternehmensbewertung beim Börsengang auf knapp 54 Milliarden Yuan, sieben Milliarden Euro.
Der Festpreis steigerte den Wert der Anteile bestehender Investoren erheblich: Gründerplattformen, Mitarbeiterbeteiligungen und Zhang selbst profitieren mit mehreren Milliarden Yuan. Gleichzeitig wird gewarnt, dass Moore Threads weiterhin nicht profitabel ist; das ist wenig überraschend für ein Tech-Start-up, das zwar hohe Umsätze erzielt, aber viel Geld für Forschung und Entwicklung verbrennt.
Der Erfolg ist umso erstaunlicher, da die Unternehmensgeschichte Rückschläge kennt. Ende 2023 landete Moore Threads auf einer US-Blacklist, was den Zugang zu Schlüsseltechnologien abrupt stoppte. Manche sahen dies als Bedrohung für Chinas GPU-Industrie, doch das Unternehmen nutzte die Zäsur offenbar für interne Reformen: Umstrukturierungen und Fokussierung auf GPU-Entwicklung.
Zwei Jahre später meldet Moore Threads ein rasantes Umsatzwachstum. Zugleich demonstriert das Unternehmen, dass ein heimisches GPU-Ökosystem möglich ist – zumindest innerhalb Chinas, das technologisch durch die Sanktionen der westlichen Welt isoliert wird. Die US-Sanktionen wirken so paradoxerweise als Katalysator für Innovation und nationale Eigenständigkeit in Chinas Tech-Umfeld.
Aber was können die Prozessoren? Tech-Experten sehen Moore Threads technologisch noch hinter Nvidia und AMD. Seit 2020 hat Moore Threads vier GPU-Generationen entwickelt. „Sudi“, „Chunxiao“, „Quyuan“ und die „Pinghu“-Serie, die laut dem chinesischen Technikmagazin „21jingji“ für Training und Inferenz von KI-Modellen ausgelegt ist. Die Grafikkarte „MTT S90“ soll nach Einschätzung des Magazins „Wccftech“ teilweise eine Leistung bringen, die der von Nvidia ähnelt. Trotzdem bleibe Moore Threads in Chipleistung, Softwarereife und Fertigungskapazität (noch) hinter der internationalen Konkurrenz zurück, heißt es weiter.
Aber: Vier GPU-Prozessoren wurden innerhalb weniger Jahre auf den Markt geworfen, wobei die industriepolitische Unterstützung für Künstliche Intelligenz im Land die Nachfrage erst so richtig angetrieben hat. Vor allem der Hype um lokale Anbieter von Large-Language-Modellen wie Deepseek bereitet das Terrain, bislang allerdings ausschließlich auf dem heimischen Markt.
Typische Wachstumsschmerzen
Finanziell zeigt Moore Threads die typischen Wachstumsschmerzen: explosive Wachstumsraten bei hohen Verlusten. Der Umsatz stieg von 0,46 Milliarden Yuan 2022 auf 4,38 Milliarden Yuan 2024. Die Verluste summieren sich derweil auf mehrere Milliarden Yuan, vor allem durch massive R&D-Investitionen, die der Börsengang weiter finanzieren soll.
Laut Prospekt sollen die Mittel vor allem in die Entwicklung der nächsten Generation integrierter KI-Chips fließen. Das IPO selbst gilt laut chinesischen Medien als „Meilenstein an der Börse“, offiziell als „erste inländische GPU-Aktie“. Kontrolle und Strategie bleiben eng verzahnt, Gründer Zhang hält mehr als ein Drittel der Anteile.
Hinter dem Börsengang steht mehr als ein einzelnes Unternehmen: Die schnelle Zulassung durch den STAR Market zeigt, dass Kapitalmärkte in China zunehmend als Instrument der Industriepolitik eingesetzt werden. Doch die Realität bleibt anspruchsvoll. Moore Threads muss nach all den Vorschusslorbeeren technologisch aufholen und die Industrie überzeugen. Denn selbst wenn der Staat die Unternehmen auffordert, heimische Technologien einzusetzen – am Ende zählt Leistung auch im gelenkten Kapitalismus à la China.