Asia Techonomics: Chinas KI stützt Xi Jinping
Immer mehr Chinesen nutzen KI-Chatbots. Am beliebtesten ist derzeit die kostenlose Plattform „Doubao“ der Tiktok-Mutter Bytedance. Die Branchenplattform AICPB vermeldete jüngst 51 Millionen monatlich aktive Nutzer von Doubao, zu Deutsch: „Hefekloß mit Bohnenfüllung“.
Wie das gesamte Internet sind generative KI-Angebote in China strengstens kontrolliert. Sie müssen von der Internetaufsichtsbehörde CAC genehmigt werden. Eine Freigabe erhält jedoch nur, wer seinen Algorithmus gegenüber den staatlichen Aufpassern offenlegt und sich damit der strikten Zensur der herrschenden Kommunistischen Partei (KP) unterwirft. Rund 40.000 sensible Begriffe stehen auf der roten Liste der Ideologiewächter.
Da sich kaum ein ausländischer Anbieter darauf einlässt, sind im Westen weitverbreitete Angebote wie OpenAIs ChatGPT in China offiziell nicht verfügbar. Lediglich über eine für die meisten privaten Nutzer illegale Tunnelsoftware können sie verwendet werden. Dominiert wird der Markt für private Nutzer deshalb von chinesischen Anbietern. Neben Doubao sind das etwa die Antwortmaschinen Wenxiaoyan des Suchmaschinenriesen Baidu und Kimi des KI-Start-ups Moonshot AI, zu dessen Investoren der Onlinehandelskonzern Alibaba und der Internetkonzern Tencent zählen.
KI lobt Politik der Staatsführung
Welche weitreichenden Auswirkungen die staatliche Kontrolle und Zensur hat, zeigt ein Test. Gefragt nach der aktuellen wirtschaftlichen Lage Chinas und den größten Herausforderungen, zählt Doubao zunächst „positive Aspekte der wirtschaftlichen Entwicklung“ auf, bevor es auf Herausforderungen eingeht. Das Fazit lautet: Chinas Wirtschaft habe trotz der Herausforderungen „viele positive Entwicklungen aufgewiesen“. Regierung und Gesellschaft arbeiteten daran, „die Probleme zu lösen und die wirtschaftliche Entwicklung auf einem stabilen und nachhaltigen Weg fortzusetzen“.
Fragt man dagegen ChatGPT, geht die US-Software ausführlich auf die chinesische Immobilienkrise, Jugendarbeitslosigkeit, Demografie und geopolitische Risiken ein. Der US-Anbieter kommt zu dem Schluss, dass Chinas Wirtschaft aufgrund zahlreicher struktureller Probleme 2024 „in einem fragilen Zustand bleibt“.
Auch die Frage, ob die von der Staatsführung angestoßenen Stützungsmaßnahmen ausreichen, wird von den beiden Diensten sehr unterschiedlich beantwortet. Doubao zählt zehn Gründe auf, warum die von der Staatsführung ergriffenen Maßnahmen „ausreichend sind, um das Wirtschaftswachstum zu stabilisieren“. ChatGPT attestiert der Staatsführung zwar Erfolge darin, insbesondere die Krise auf dem Immobilienmarkt „abzumildern“. Langfristig werde das Land jedoch „tiefere strukturelle Reformen vornehmen müssen“.
„Starke Führung von Präsident Xi Jinping“
Der Verweis auf die Kritik von Staatschef Xi Jinping nach dem dritten Plenum im Juli, dass Reformen zu langsam umgesetzt würden, weist Doubao brüsk zurück: „Diese Behauptung steht in völligem Widerspruch zu den Tatsachen“. Und: „China ist unter der starken Führung von Präsident Xi Jinping entschlossen, umfassende und tiefgreifende Reformen in einem festen Tempo voranzutreiben“. Schöner könnte es die Propaganda-Abteilung der KP nicht formulieren.
Immerhin ist eine Suche, bei der Xi erwähnt wird, nicht komplett gesperrt. Wie heikel der Name des Staatsführers für manche Anbieter ist, zeigt sich beispielweise in der Übersetzungsfunktion der omnipräsenten Chat- und Nachrichtenplattform Wechat. Überschriften oder Absätze, in denen Xi Jinping namentlich erwähnt wird, werden dort schlichtweg nicht übersetzt. Auch dann nicht, wenn es sich um Artikel staatlicher Medien handelt.
Dass auch bei Doubao manche Themen tabu sind, zeigt sich etwa bei Anfragen zum Tiananmen-Massaker. Danach gefragt, was am 4. Juni 1989 geschah, antwortet Doubao: „Diese Frage kann ich nicht beantworten.“ Auch das Warum bleibt unbeantwortet. Man könne gerne andere Fragen stellen. Gefragt nach einem Beispiel, schlägt Doubao unter anderem vor: „Welche Strände sind die besten für einen Urlaub in Thailand?“ oder „Wie macht man eine echte italienische Pizza?“
Die Antworten verdeutlichen, wie umfassend die staatliche Kontrolle und Zensur bei KI-Angeboten für Privatnutzer ist. Dies sollte aber nicht darüber hinwegtäuschen, wie schnell chinesische Konzerne wie Baidu oder Huawei industrielle KI-Anwendungen vorantreiben. Sie helfen dabei, die Realwirtschaft zu modernisieren und zu digitalisieren. Das wiederum ist ganz im Sinne der Staatsführung.