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Asia TechonomicsUS-Hype um Chinas „kleines rotes Buch“

Das drohende Tiktok-Verbot in den USA lässt Nutzer in eine andere chinesische App wechseln mit Namen Xiaohongshu. Das begrüßt China und könnte sich doch Probleme einhandeln.Martin Benninghoff 15.01.2025 - 13:23 Uhr Artikel anhören
Xiaohongshu: Die Lifestyle-App erobert wird auch in den USA bekannter. Foto: LightRocket/Getty Images

Flüchtlinge willkommen? Was für Deutschland zumindest eine Zeit lang galt, ist in China kein Thema. Die Volksrepublik ist nicht dafür bekannt, Flüchtlinge oder generell Migranten in größerem Maße aufzunehmen.

So dürfte die Zahl der Ausländer weit unter einer Million liegen – bei einer Bevölkerung von 1,4 Milliarden ist das verschwindend gering. Die meisten Ausländer kommen zudem, um zu arbeiten. Flüchtlinge in Not, etwa aus Nordkorea, müssen dagegen fürchten, wieder zurückgeschickt zu werden.

Nun aber hat die staatliche Nachrichtenagentur Xinhua am Dienstag für einen ungewohnten Angela-Merkel-Effekt gesorgt. Es geht um ein digitales „Wir schaffen das“ mit ungewohnter Willkommenskultur: „Tiktok-Flüchtlinge wurden von Xiaohongshu-Nutzern herzlich empfangen“, hieß es in einer Mitteilung. Was steckt dahinter?

Der Hintergrund, der die staatlichen Propagandisten jubeln ließ: Tiktok-Nutzer in den USA sollten angesichts des drohenden Verbots des US-Ablegers des chinesischen Unternehmens Bytedance auf eine andere chinesische App, nämlich auf Xiaohongshu, ausweichen.

„Red Note“ – oder genauer übersetzt: „kleines rotes Buch“ – soll in dieser Woche zu einem der Download-Bestseller in den US-App-Stores avanciert sein.

Eine Mischung aus Pinterest und Instagram

Das ist ungewöhnlich für eine soziale Plattform, die zwar in China mindestens 300 Millionen Menschen pro Monat nutzen. Im Ausland ist sie aber so gut wie unbekannt. Das könnte sich nun ändern.

Am 19. Januar endet ein Ultimatum der US-Justiz gegenüber der chinesischen Tiktok-Mutterfirma Bytedance. Dann droht der Social-Media-Plattform eine Sperre in den USA. Hunderttausende US-Nutzer wechseln nun zum chinesischen Rivalen „RedNote“.

Xiaohongshu wurde im Jahr 2013 in Shanghai gegründet und wirkt wie eine Mischung aus Pinterest und Instagram. Anfangs posteten vor allem Frauen auf der Plattform zu Themen wie Reisen oder Mode.

Doch längst ist aus dem „kleinen roten Buch“ eine ernst zu nehmende Größe für alle Geschlechter geworden (auch wenn Frauen noch immer überwiegen). Relevant ist das Netzwerk zudem für den boomenden E-Commerce-Markt und auch für die selten gewordenen Debatten im chinesischen Internet.

Noch gilt das Netzwerk als etwas weniger zensiert

Noch gilt das Netzwerk als etwas freier als etwa das reichweitenstarke X-Pendant Weibo oder auch Wechat von Tencent. Letzteres nutzt zwar fast jede Chinesin oder jeder Chinese, es ächzt aber auch unter der allgegenwärtigen Zensur.

In der wöchentlichen Kolumne „Asia Techonomics“ schreiben Handelsblatt-Korrespondenten im Wechsel über Innovations- und Wirtschaftstrends in Asien. Foto: Klawe Rzeczy

Es gibt jedoch berechtigte Zweifel, ob die Tiktok-Flüchtlinge mehr sind als ein Hype in einer angespannten politischen Situation zwischen den USA und China. Es könnte auch einfach eine clevere PR-Nummer sein, die Peking für sich nutzt.

Der Fall zeige, zitierte Xinhua einen Mitarbeiter des regierungstreuen Instituts Center for China and Globalization in Peking, „dass die Unterdrückung normaler Geschäftsaktivitäten nicht-amerikanischer Unternehmen unpopulär ist, weil solche Maßnahmen von US-Politikern den unmittelbaren Interessen der amerikanischen Öffentlichkeit schaden.“

Allerdings stellt sich die Frage, welcher Amerikaner freiwillig in eine chinesische App wechselt, deren Betreiber in Shanghai sitzt. Das ist  und aus Datenschutzgründen wohl eher noch fragwürdiger als die US-Sparte von Tiktok.

Ob der Hype damit vorbei ist, hängt maßgeblich vom Ausgang der Tiktok-Verbotsdebatte in den USA ab – und auch von Gerüchten, dass Elon Musk die US-Sparte kaufen könnte. Vor allem aber dürften die „Tiktok-Flüchtlinge“ eine Herausforderung für die chinesische Regierung und alle Nutzer sein, die bislang die relative Freiheit auf dem Portal für sich zu nutzen wussten.

Die chinesische Zensur müsste noch schneller arbeiten

Sollten viele Ausländer die chinesische App nutzen, könnte dies die Regulierungsbehörden der Volksrepublik auf den Plan rufen. Bislang tut diese viel dafür, um ausländische oder auch nur regierungskritische Inhalte aus dem Inland zu verhindern.

Der chinesische Intellektuelle und Autor Wang Zichen, der den populären Newsletter „Pekingnology“ veröffentlicht, gibt zu bedenken: „Das bedeutet, dass Xiaohongshu angesichts der großen Menge an fremdsprachigen Inhalten, die im heimischen Internet auftauchen, einem enormen Druck auf seine Mechanismen zur Überprüfung von Inhalten ausgesetzt ist“.

Kommentar

Für China wäre der Verkauf von Tiktok an Musk ein bestechender Deal

Martin Benninghoff

Mit anderen Worten: Die chinesische Zensur (oder euphemistisch in China „Moderation“ genannt) muss einen Zahn zulegen, um aus ihrer Sicht kritische englischsprachige, womöglich jargongefärbte Inhalte überhaupt noch erkennen zu können.

Wenn „minderwertige oder gar gefährliche Inhalte auftauchen, könnte das für eine Content-Plattform wie Xiaohongshu der sprichwörtliche Tropfen sein, der das Fass zum Überlaufen bringt“, zitiert er das chinesische Magazin „PC Online“.

Debatte im chinesischen Netz

Chinesische Diskutanten, darunter der ehemalige Chefredakteur der nationalistischen „Global Times“, Hu Xijin, werben dagegen für die Chancen des Hypes: „Wenn Xiaohongshu erfolgreich ist, wird es eine neue Plattform für China und die Außenwelt bieten, um gemeinsame Ziele zu verfolgen.“

Die freundliche Einladung Chinas, Xiaohongshu zu nutzen, passt zu den Ankündigungen Pekings im Vorfeld der Amtseinführung von Donald Trumps, die Beziehungen zu den USA in angespannten Zeiten verbessern zu wollen. Wer sich offen zeigen wolle, müsse das auch im Digitalen tun.

Allerdings ist es China, das die Zweiteilung in ein offenes und ein chinesisches Internet vorantreibt. Bislang war das nicht die USA. So sind die US-Plattformen von Meta, Facebook, Instagram und Whatsapp in China nach wie vor gesperrt – auch viele deutschsprachige Nachrichtenseiten sind nur über einen VPN erreichbar. Diese sind aber für Privatnutzer in der Volksrepublik offiziell nicht nutzbar.

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Es ist also unwahrscheinlich, dass die Kommunistische Partei in Peking mit Xiaohongshu plötzlich das digitale Tor zur Volksrepublik weit aufstößt. Aber man wird ja noch träumen dürfen.

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