Asia Techonomics: Wenn Handlinien die Zahlung freigeben
Shanghai. Wenn es nach Tencent geht, sollen Chinesen bald mit der Hand bezahlen. Im Showroom der Firmenzentrale im südchinesischen Shenzhen steht einer der Handscanner, die der Technologieriese derzeit in der Beta-Phase testet. Das Prinzip ist einfach: Eine Kundin hält ihre Hand über einen Sensor mit Infrarotkameras, die Software erkennt sie an ihren Handlinien und den durchscheinenden Venen.
Tencent verspricht, dass diese Methode einfacher, hygienischer und sicherer ist als andere Bezahlmethoden. Und bequemer, weil Smartphone, Bargeld oder lästige Kreditkarten zu Hause bleiben können. Für das Unternehmen ist das ein Zukunftsthema. Die Frage ist nur: Lassen sich die Chinesen überzeugen?
Schon jetzt ist Tencent eines der wertvollsten Unternehmen der Welt. 2011 ging seine Social-Media-Plattform Weixin online, die im Ausland als Wechat bekannt ist. Mittlerweile ist Weixin eine App für alles, bietet Nachrichten- und Sprachfunktionen ebenso wie Videokonferenzen und -spiele. Außerdem teilen Nutzer über sie Fotos, Videos und ihre Location. Über 90 Prozent der Chinesen nutzen sie mehrmals täglich.
Seit 2013 gibt es die Zahlungsfunktion Wechatpay, mit dem die Chinesen mehrheitlich bezahlen – bisher noch per Smartphone. Für die Nutzung der neuen „Weixin Palm Scan Payments“ müssen sich Wechatpay-Nutzer einmalig registrieren.
Die Technologie zum Auslesen der Handlinien und Venen ist aber bisher nur an ausgewählten Teststandorten verfügbar, etwa an der Flughafenbahn in Peking, im Olympic Sports Center in Hangzhou, an der Universität in Shenzhen, in Supermonkey-Fitnessstudios und in einigen Filialen der in Ostasien omnipräsenten Convenience-Store-Kette 7-Eleven in der südchinesischen Provinz Guangdong.
Warum das Smartphone weglegen?
Das Bezahlen per Hand ist nicht neu und keine Erfindung der Chinesen. Der US-Konzern Amazon hat 2020 ein ähnliches System eingeführt. In Japan kennt man schon länger Handscans, um beispielsweise Türen zu öffnen. Doch Tencent ist der Platzhirsch in China und will von Shenzhen aus den riesigen Markt der zweitgrößten Volkswirtschaft der Welt aufrollen. Wann und wie schnell, darüber schweigt sich das Unternehmen mit Verweis auf die Testphase aus.
Womöglich ist der Bedarf an einem neuen Bezahlsystem aber überschaubar in einem Land, in dem fast ausschließlich digital bezahlt wird. Bargeld ist zwar weiterhin offizielles Zahlungsmittel, aber praktisch ausgestorben. Kreditkarten spielen so gut wie keine Rolle, mit Ausnahme einiger internationaler Ketten, Hotels und Restaurants.
Zudem sind die Chinesen digitalen Produkten gegenüber sehr aufgeschlossen und verbringen – im Durchschnitt und über alle Altersgruppen hinweg – rund fünf Stunden täglich mit ihrem Smartphone. Digitales Bezahlen ist für sie kein neues Thema.
Warum also die Hand auflegen, wenn man mit Wechatpay oder dem Konkurrenten Alipay direkt mit dem Smartphone bezahlen kann? Code an den Scanner, fertig.
Selbst Obdachlose und Marktfrauen bevorzugen digitales Bezahlen und halten dem Gegenüber entsprechende Codes hin. Das geht schnell und problemlos, solange man das Handy nicht verliert oder der Akku nicht leer ist. Oder ist es einfach der nächste logische evolutionäre Schritt, das Smartphone abzuschaffen, um die Hände wieder frei zu haben?
Kritik am Überwachungsstaat
Womöglich ist das Interesse aber auch aus anderen Gründen überschaubar. Denn manche Chinesen sehen die Ausdehnung des digitalen Überwachungsstaats zunehmend kritisch. „Für Superunternehmen haben wir überhaupt keine Privatsphäre“, klagt ein Nutzer auf Weibo, dem reichweitenstärksten sozialen Medium.
Ein anderer meint: „Der Staat (die Regierung) sollte das regeln. Ist diese Praxis, ständig persönliche Daten zu sammeln, legal?“ Ein anderer schreibt auf Xiaohongshu, einer Art Mischung aus Instagram und Pinterest: „Um ehrlich zu sein, ich benutze so etwas nicht gern. Es ist ein großer Eingriff in die Privatsphäre, und die Daten können leicht gestohlen werden.“
Natürlich sind das nur einzelne Stimmen ohne Anspruch auf Repräsentativität. Studien dazu aus China gibt es nicht. Aber vielleicht schleicht sich angesichts all der Scans von Gesichtern, Händen, Fingerkuppen an Flughäfen, Bahnhöfen und in Ämtern sowie der permanenten Kameraüberwachung im öffentlichen Raum bei manchen eine gewisse Ermüdung ein. „Fingerabdrücke, Gesichter ... Wann scannen sie meinen ganzen Körper?“, fragt einer auf Weibo.
Tencent hat Überzeugungsarbeit nötig
Tencent greift diese Kritik in seiner Werbung für Weixin Palm Scan Payments auf. Es weist darauf hin, dass es den Menschen womöglich leichter falle, die Hand zu scannen als das Gesicht. Zudem behauptet das Unternehmen, Handscans seien sicherer als Gesichtsscans, bei denen Verwechslungsgefahr bestehe. So könnten etwa Zwillinge nicht eindeutig erkannt werden oder sogar Geschwister. Die menschliche Hand hingegen sei in ihrer Struktur einzigartig und daher zuverlässiger zu erfassen.
Dem Vernehmen nach plant Tencent sein Bezahlsystem zunächst nur für den chinesischen Markt, nicht aber für das Ausland. Bei der Bevölkerung von 1,4 Milliarden Menschen mit 2,8 Milliarden Händen dürfte trotzdem ordentlich Überzeugungsarbeit anstehen.