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Globale TrendsMillionen Menschen in reichen Ländern fehlt Geld für Essen

Mangelnde Ernährung ist für viele Menschen in Europa und den USA ein Problem. Deutsche Behörden wissen nicht, wer hierzulande betroffen ist. Doch Umfragen zeichnen ein klares Bild.Thomas Hanke 20.12.2023 - 11:11 Uhr

Bei den Stichworten Essen und Weihnachten denkt man an übermäßige Kalorienaufnahme während der Festtage. Man kann sich kaum vorstellen, dass es in den reichen Industrieländern eine große Zahl Menschen gibt, die sich nicht einmal während der Feiertage den notwendigsten Bedarf an Lebensmitteln leisten können: Sie leiden unter „materieller Ernährungsarmut“, wie der Fachbegriff lautet.

Den offiziellen Zahlen des Statistischen Bundesamts zufolge, die das europäische Statistikamt Eurostat übernimmt, traf 2022 mehr als 9,6 Millionen Bundesbürger dieses Schicksal. Die Werte gelten allerdings als verzerrt. Seit der Covidpandemie ist die Zahlenreihe des Amtes erheblich in Unordnung geraten.

Der wissenschaftliche Beirat für Ernährung und Landwirtschaft beim zuständigen Bundesministerium spricht in einer Studie vom März 2023 von 3,5 Prozent oder rund drei Millionen Menschen, die sich in Deutschland nicht jeden Tag die für eine gesunde Ernährung notwendigen Produkte leisten können. Er bezieht sich auf Zahlen der Welternährungsorganisation (FAO) und kritisiert, dass es während der Pandemie „kaum gezielte Maßnahmen gab, um den Ausfall von Kita- und Schulernährung durch alternative Formen der Bereitstellung von Lebensmitteln oder einer warmen Mahlzeit aufzufangen“.

Großes Interesse findet dieses im wahrsten Sinne des Wortes existenzielle Problem in der deutschen Politik und Verwaltung offenbar nicht. Denn wie der Beirat weiter feststellt, verfügt Deutschland über „kein klares Indikatoren- und Zielsystem und kein Monitoring zur Ernährungsarmut“. Den Bestand und Zustand der Straßenbäume in der deutschen Hauptstadt kann man in einer perfekten Onlinedatenbank jederzeit überprüfen. Aber wie viele Kinder und Erwachsene zu wenig zu essen haben, wissen wir nicht genau.

Eigentlich wäre es Aufgabe der Opposition, hier nachzuhaken. Aber CDU und CSU sorgen sich mehr wegen einer angeblich zu starken Anhebung des Bürgergelds und zu gut versorgter Flüchtlinge als um die mangelernährten Menschen im Land. Kann man sich da noch wundern über gute Umfragewerte für die AfD?

Kein Frühstück vor der Schule

Im soeben fertiggestellten Bericht an die UN über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte stellt das Bundesarbeitsministerium wortreich fest, wie wichtig vor allem die Kinderernährung sei und dass bis 2030 alles noch besser werde. Doch man findet in dem Dokument nicht eine Zahl zur Mangel- und Fehlernährung Minderjähriger. Dabei weiß man, dass sie dramatische Folgen haben kann, bis hin zur mangelnden Ausbildung des Gehirns.

So muss man sich mit anderen Daten behelfen. Laut einer repräsentativen Befragung in sieben Ländern im Auftrag des Lebensmittelherstellers Kellogg vom März 2023 kommen in der Bundesrepublik 26 Prozent der Schüler ohne Frühstück in die Schule: „In keinem anderen der in der Studie untersuchten Länder ist der Anteil der Befragten, die Schwierigkeiten sehen, ihre Familien zu ernähren, zuletzt so stark gestiegen wie in Deutschland.“

Der Bundesverband der Tafeln in Deutschland gab Mitte des Jahres an, dass 36 Prozent der Mitgliedsorganisationen seit Beginn des russischen Überfalls auf die Ukraine bis zu 50 Prozent mehr Kunden haben. Ein Fünftel zählt bis zu doppelt so viele, weitere 16 Prozent mehr als doppelt so viele Menschen, die Essensspenden nachfragen.

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Während der Covidpandemie haben Schulschließungen und Jobverlust die Ernährungslage in prekären Familien verschärft. Seit 2022 dagegen sind es die steigenden Nahrungsmittelpreise. Laut Eurostat lag der Verbraucherpreisindex für Nahrungsmittel in der EU 2022 um 19 Prozent über dem Wert von 2018. In Deutschland betrug die Zunahme sogar mehr als 21 Prozent.

Da die Preise für Lebensmittel immer noch weit schneller zulegen als die allgemeine Inflationsrate, ist für die von Mangelernährung Betroffenen keine Entspannung in Sicht – Weihnachten hin oder her.

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