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HandelNeuer „China-Schock“ bedroht Macht und Wohlstand des Westens

Für die USA geht es im Tech-Wettrennen um die geopolitische Vormachtstellung in der Welt. Für Europa geht es um mehr. Ein Spitzenökonom rät: China mit seinen eigenen Waffen schlagen.Torsten Riecke 24.07.2025 - 15:27 Uhr Artikel anhören
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen: Verhandlungen in Peking um den Abbau von Handelsungleichgewichten. Foto: via REUTERS

London. Als Ursula von der Leyen am Donnerstag in Peking von einem „Wendepunkt“ in den Beziehungen zu China sprach, meinte sie damit vor allem den Streit über Handelsungleichgewichte und Strafzölle. „Ein neues Gleichgewicht in unseren bilateralen Beziehungen ist unerlässlich“, sagte die EU-Kommissionschefin mit Blick auf ein Defizit der EU im Güterhandel, das allein in den ersten sechs Monaten 2025 den Rekordwert von 143 Milliarden Dollar erreicht hat.

Um das zu ändern, so von der Leyen weiter, sei es „für China und Europa entscheidend, unsere jeweiligen Sorgen anzuerkennen und echte Lösungen vorzuschlagen“.

Auch David Autor, Ökonom am renommierten Massachusetts Institute of Technology, sieht die Beziehungen des Westens inklusive Europas zum Reich der Mitte an einem Wendepunkt – allerdings befürchtet er eine Wende zum Schlechteren. Autor warnt vor einem „China-Schock 2.0“, ausgelöst vom rasanten Überholmanöver Chinas in Spitzentechnologien wie elektrischen Batterien, maschinellem Lernen und KI.

Die geoökonomischen und geopolitischen Ungleichgewichte, so der Ökonom, würden nicht geringer, sondern könnten sich noch verstärken.

Autor hat bereits den ersten „China-Schock“ für die USA früh vorausgesagt und analysiert. Gemeint ist damit der Eintritt von mehr als 100 Millionen chinesischen Industriearbeitern in den Weltmarkt zwischen 1999 und 2007. Nach Berechnungen des Experten habe dies damals rund ein Viertel aller Jobs in der US-Industrie „vernichtet“. Das betraf vor allem die arbeitsintensive Produktion von Bekleidung, Spielzeug, Elektroartikeln und Autozubehör.

Etwa 2015 ebbten diese Auswirkungen ab. Zurück blieb in vielen Regionen der USA ein industrielles Brachland, dessen wütende Bewohner heute zu den treuesten Anhängern von US‑Präsident Donald Trump zählen.

Rasante Aufholjagd in Hightech

Der neue China-Schock könnte noch größere Auswirkungen haben. China greift die Führungsposition der USA in zentralen Zukunftstechnologien an: Von KI und Quanten-Computing über Mikroprozessoren und Roboter bis hin zu Biotechnologie und Pharmaforschung sind chinesische Technologien innovativer als ihre Konkurrenz. In einigen dieser Schlüsselindustrien wie elektrische Batterien oder „Machine Learning“ haben die Chinesen die Amerikaner bereits überholt.

Nach Angaben der Denkfabrik Australian Strategic Policy Institute lagen die USA zwischen 2003 und 2007 bei 60 von 64 Spitzentechnologien vor China. Zwischen 2019 und 2023 kehrte sich die Rangfolge um: China führte in 57 von 64 Schlüsseltechnologien.

Setzt sich dieser Trend fort, müssen die USA nicht nur um ihre technologische und wirtschaftliche Dominanz fürchten, sondern auch um ihre geopolitische Vormachtstellung. Oft übersehen wird bei diesem Zweikampf der Großmächte, dass Europa in den meisten Technologien weit abgeschlagen an dritter Stelle liegt. Für Amerika geht es um die Macht, für Europa geht es um das selbstbestimmte Leben in Wohlstand, wie wir es kennen.

Was also tun? Für Autor ist der Wettbewerb durch ein Festhalten am Freihandel nicht zu gewinnen. Denn in China würden Unternehmen und der Staat gleichzeitig Hand in Hand arbeiten. Aber auch Trump führe mit seinen Strafzöllen auf Industriegüter nur die verlorenen Schlachten des ersten China-Schocks.

Stattdessen schlägt der Ökonom vor, dass die USA ihre Handelspolitik mit ihren wichtigsten Verbündeten wie der EU abstimmen, anstatt sie ebenfalls mit Strafzöllen vor den Kopf zu stoßen. So weit, so gut. Interessanter ist jedoch seine Idee, China mit seinen eigenen Waffen zu schlagen.

Umarmen statt ausgrenzen

Konkret meint er, chinesische Firmen nicht mit Investitionshürden abzuschrecken, sondern einzuladen, ihre Technologien in Fabriken in den USA und anderen Ländern einzusetzen.

Autor verspricht sich davon einen Wettbewerbs- und Technologieschub für die heimische Industrie. Ganz ähnlich ist China einst selbst vorgegangen, als es internationale Konzerne ins Land holte und von deren Know-how und Konkurrenz profitierte.

An der Industriepolitik Pekings könne sich der Westen darüber hinaus ein Beispiel nehmen, indem der Staat gezielt und massiv in kritische, aber riskante Technologien wie Kernfusion und Quanten-Computing investiere. „Wir müssen Branchen mit hohem Innovationspotenzial fördern, die durch gemeinsame Investitionen des privaten und des öffentlichen Sektors finanziert werden“, schreibt Autor. China habe das schon vor zehn Jahren erkannt.

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Das bedeute auch, seine Kämpfe klug zu wählen. „Wir müssen die Schlachten für uns entscheiden, die wir gewinnen können oder die wir uns einfach nicht leisten können zu verlieren“, so der Ökonom. Halbleiter gehörten zu der ersten Kategorie, seltene Erden zu der zweiten. Autor fordert deswegen, dort langfristige Investitionen zu tätigen.

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