Newsletter Shift: Europa als Vorbild für den Tech-Standort Deutschland
Düsseldorf. Es ist schon ein paar Wochen her, da haben wir Sie gefragt, wie Ihnen der Newsletter Handelsblatt Shift gefällt. Und welche Themen Ihnen fehlen. An dieser Stelle zunächst ein herzliches Dankeschön an alle, die bei der Umfrage mitgemacht haben.
Mehr als die Hälfte derjenigen, die unsere Fragen beantwortet haben, wünschten sich mehr inspirierende Beispiele aus dem Ausland. Dicht dahinter kam der Wunsch, mehr Erfolgsgeschichten von heimischen Unternehmen zu lesen.
Dem wollen wir gern nachkommen. Und zwar vor allem in dieser und der nächsten Shift-Ausgabe, weil wir im Handelsblatt am Ende dieser Woche etwas Besonderes gemacht haben: Wir befassen uns digital und gedruckt intensiv mit Zukunftstechnologien, Deutschlands Chancen darin – und leuchtenden Vorbildern aus unseren Nachbarländern. Ich möchte Ihnen in diesem Newsletter heute einen kleine Auswahl daraus vorstellen.
Anlass für das besondere Handelsblatt zum Wochenende ist die TECH-Konferenz ab Sonntag in Heilbronn. Gemeinsam mit dem IT-Unternehmen Schwarz Digits und weiteren Partnern richtet unser Haus sie erstmals aus – und Sie können in Livestreams dabei sein, die ab Sonntag auf handelsblatt.com verfügbar sind.
Die einflussreichsten Köpfe aus Technologie, Industrie, Politik und Wissenschaft kommen in Heilbronn zusammen, um sich strategisch zu vernetzen und Europa als Tech-Standort zu stärken.
Die Eröffnungsrede hält der deutsche Ex-Außenminister Joschka Fischer, die amerikanisch-philippinische Friedensnobelpreisträgerin Maria Ressa spricht danach über das Verhältnis von Fakten, Wahrheit und Vertrauen. Michael Schöllhorn von Airbus, Bernhard Quendt von Thales und Cathryn Clüver Ashbrooke von der Bertelsmann Stiftung diskutieren über die Rolle von Spitzentechnologien für die europäische Sicherheit und Verteidigung.
Am Montag sprechen unter anderem Bundestagspräsidentin Julia Klöckner und Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann sowie die CEOs Bill Anderson von Bayer und Christian Sewing von der Deutschen Bank. Auch die KI-Unternehmensgründer Jonas Andrulis von Aleph Alpha und Peter Sarlin von Silo AI sowie sowie zahlreiche weitere Unternehmerinnen und Forscher sind bis Dienstag auf den Podien vertreten. Das ganze Programm finden Sie hier.
Was machen die anderen anders?
Eines der positiven Beispiele, das wir im Handelsblatt schon vor der TECH zeigen, ist Tschechien. Dort könnte es bald die größte ausländische Direktinvestition in der Geschichte des Landes geben; für den Ausbau einer Halbleiterfabrik, um die auch die USA und Südkorea geworben hatten. Den Weg dahin bereitet haben nicht nur eine lange Tradition in technischer Bildung und hochqualifizierte Arbeitskräfte.
Auch eine bereits 2019 festgelegte Innovationsstrategie spielt eine zentrale Rolle: So plant Regierung in Prag, die Ausgaben für Forschung und Entwicklung bis 2030 auf drei Prozent der Wirtschaftsleistung zu erhöhen (von 1,8 im Jahr 2019). Ziel sei, das Land zu einem der innovativsten in Europa zu machen, schreibt meine Kollegin Meret Baumann.
Ein weiteres Beispiel ist die Region rund um die niederländische Stadt Eindhoven. Dort, wo vor mehr als 230 Jahren der Tüftler Gerard Philips begann, Glühbirnen herzustellen, ist ein wichtiges Tech-Cluster für die Chip-Branche entstanden. Die Infrastruktur allerdings kommt kaum dem Wirtschaftswachstum hinterher; erste Unternehmen daher erwägen, Arbeitsplätze ins Ausland zu verlagern.
Um das zu verhindern, will der Staat 2,5 Milliarden Euro investieren, wie mein Kollege Joachim Hofer berichtet. Das Geld soll in Wohnraum, Bildungseinrichtungen, Verkehrsinfrastruktur und das Stromnetz der Region fließen.
Die praktische Anwendung von Künstliche Intelligenz (KI) spielt meist auch eine Rolle bei der Frage nach Innovationen. Daher beleuchtet mein Kollege Torsten Riecke in der Freitagsausgabe des Handelsblatt das KI-Start-up Wayve aus London.
Wayve hat eine Software für autonom fahrende Autos entwickelt, die aus realen Fahrsituationen lernt und unabhängig vom Fahrzeugtyp einsetzbar ist. Das macht sie preiswerter als die Lösungen der meisten anderen Anbieter im Bereich autonomes Fahren. Denn diese setzen auf das sogenannte „Geofencing“ mit Hilfe von detaillierten Umgebungskarten und komplexen Sensoren, um das Fahrzeug sicher zu steuern.
Das Spannende an Wayve ist nicht allein die KI, sondern auch, dass die amerikanische Mobilitätsplattform Uber zu den Investoren gehört und das Start-up mit Nissan kooperieren will. Zudem hat es vor einigen Wochen in der Nähe von Stuttgart ein Test- und Entwicklungszentrum eröffnet. Deutschlands automobiles Erbe und die hiesige technischen Kompetenz sollen dabei zentrale Faktoren gewesen sein.
Und was geht in Deutschland?
Neben weiteren Beispielen aus Europa finden Sie am Wochenende bei uns aber auch inspirierende Geschichten aus Deutschland. Meine Kollegin Annika Keilen beispielsweise hat sich an der Technischen Universität München (TUM) umgehört.
Keine andere deutsche Uni bringt so viele Gründer hervor wie die TUM. Die Lehrstühle seien kontinuierlich mit der Industrie im Austausch, schreibt sie. So fänden real existierende Probleme ihren Weg in Forschungsarbeiten der TUM, die dann häufig in Ausgründungen mündeten.
Ein Player, der solche Gründungswege fördert, ist die UnternehmerTUM, das größte Gründerzentrum Europas. Geschäftsführer und Mitgründer der UnternehmerTUM Helmut Schönenberger (der am Dienstag auf einem TECH-Podium sitzt) ist überzeugt:
Natürlich muss auch die Finanzierung passen. Der Risikokapitalgeber John Lange ist deshalb der Ansicht, dass Deutschland mehr mutige Investoren bräuchte, die Wachstumskapital für KI-Start-ups und andere junge Unternehmen geben. Die Gleichung sei simpel, sagt er im Interview mit unserem Finanzressortleiter Michael Maisch: „Wenn die Investments nicht fließen, können keine jungen Firmen entstehen.“
All das und noch mehr anregende Geschichten und Gedanken lesen Sie in weiteren Interviews, Branchen- und Unternehmensporträts sowie Gastbeiträgen, die Sie hier in der Übersicht finden.
Dieser Text ist zuerst am 19. Mai 2025 im Newsletter Handelsblatt Shift erschienen. Den Newsletter können Sie hier abonnieren.