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Kolumne „Kreative Zerstörung“Generative KI: Alles überall auf einmal

Auch in puncto Kreativität können KI-Systeme mittlerweile den Menschen schlagen und lassen sich zu umfassenden Produktivitätstools machen. Das birgt allerdings auch Herausforderungen.Miriam Meckel 08.12.2022 - 16:14 Uhr Artikel anhören

Generative KI macht den Umgang mit vielen alltäglichen Erledigungen leichter, meint Miriam Meckel.

Foto: dpa

Es ist mehr als acht Jahre her, dass ich das Vergnügen hatte, den Festvortrag zum 25. Jubiläum der Georg-von-Holtzbrinck-Journalistenschule zu halten. Der Titel lautete: „Biojournalismus“. Und in dieser Rede habe ich gesagt: „Es bleibt uns keine Zeit für Stillstand, automatisierter Journalismus ist im Kommen.“ Auf diesem Satz könnte ich mich jetzt ausruhen und mir gönnerhaft selbst auf die Schulter klopfen: richtig vorhergesagt.

Aber das stimmt nicht, und man muss auch mal in der Lage sein, einen Irrtum einzugestehen. Ich habe damals nämlich auch gesagt: „Unser großes Alleinstellungsmerkmal – unsere Unique Selling Proposition (USP) – ist Biojournalismus: Journalismus von Menschenhand und Menschenkopf gemacht.“ Gemessen an der Entwicklung, die wir im Feld der generativen Künstlichen Intelligenz („generative AI“) in den vergangenen 18 Monaten beobachten konnten, muss ich zugeben: zu forsch gebrüllt, Löwin.

Die Automatisierung beginnt uns Menschen auch im Feld der Kreativität zu schlagen – in Ausmaß, Präzision und vor allem Schnelligkeit. Was große Sprachmodelle, wie GPT-3, LaMDA, Stable Diffusion, Bild- und Videogeneratoren, wie Dall-e, oder Codegeneratoren, wie GitHubs Copilot, schaffen, hätte ich mir vor einigen Jahren so nicht vorstellen können. Um das gleich abzuräumen: Nicht alles, was da kommt, ist perfekt.

Gerade musste der Techkonzern Meta sein Sprachmodell „Galactica“ nach nur drei Tagen wieder vom Markt nehmen. „Galactica“ produzierte fiktive Forschungspapiere, versah sie aber mit den Namen existierender Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler und spuckte falsche Fakten als Zusammenfassungen aus.

Andere Systeme, wie Stable Diffusion, kämpfen immer wieder mit sexistischen und rassistischen Inhalten, weil die Milliarden von Trainingsdaten aus dem Internet eben auch die neu geschaffenen Inhalte beeinflussen.

Miriam Meckel ist deutsche Publizistin und Unternehmerin. Sie ist Mitgründerin und CEO der ada Learning GmbH. Außerdem lehrt sie als Professorin für Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen.

Foto: Klawe Rzeczy

Und doch wird das, was in diesem Feld der KI-Entwicklung passiert, unsere Arbeit mit Inhalten grundlegend verändern. Dieser Tage hat das Forschungsunternehmen OpenAI das Konversationsmodell ChatGPT als Demoversion veröffentlicht.

Das System kann gut formulierte Entschuldigungen schreiben, Designentwürfe für die Innenausstattung des eigenen Hauses liefern, die sich dann mithilfe von Dall-e in visuelle Varianten verwandeln lassen. Das Besondere an dem System aber ist, dass es im Dialogmodus zu einem Sparringspartner für Business-Development werden kann.

ChatGPT schreibt Gedichte, akademische und journalistische Artikel

So können Nutzer ChatGPT bitten, eine App für eine Anwendung zu entwickeln. Das System schlägt dann zunächst die Schritte vor, nach denen dabei vorzugehen ist. Fragt man die KI dann, ob sie helfen könne, den Code für die App in der Programmiersprache Python zu schreiben, legt sie los – und fertig ist der Code.

Genauso lässt sich ChatGPT nutzen, um Gedichte zu schreiben, akademische Artikel oder eben auch journalistische Beiträge. Das Ergebnis mag nicht in allen Fällen umwerfend sein. Aber das ist ja auch nur der Anfang aller Kompetenzen generativer KI.

Solche KI-Systeme lassen sich zu umfassenden Produktivitätstools machen, die uns helfen, alles überall auf einmal zu tun. Ob das wünschenswert ist? Es wird dazu führen, dass wir uns als Menschen immer mehr der Logik von Maschinen anpassen. Denen sind Zeit, Ruhephasen oder Überlastung ziemlich egal. Bei uns Menschen ist das anders. Ob es gut ist für eine Gesellschaft und ein Wirtschaftssystem, das längst gelegentlich am Anschlag operiert, wenn wir diese Grenzen systematisch bröckeln lassen?

Aber generative KI macht den Umgang mit vielen alltäglichen Erledigungen leichter. Wenn ich ChatGPT bitte, mir einen Vorschlag zu machen, wie sich ein Buch über „Produktivität im digitalen Zeitalter“ gliedern lässt, dauert es keine 20 Sekunden, bis diese Gliederung vor mir steht. Auch sie ist nicht aller Weisheit letzter Schluss und kann mich doch einen Schritt weiterbringen.

Mit den Vorschlägen der KI kann ich weiterarbeiten, meine eigenen Gedanken und Ideen einbringen – eine schrittweise Veränderung und Veredelung, die Kern fast jeden kreativen Prozesses ist. Mithilfe von Sprachmodellen betreten wir endgültig das Zeitalter der Mensch-Maschine-Emergenz.

Generative KI wird uns auch in unserem Menschenbild herausfordern

Was aber bedeutet all das für die Idee der Originalität, der Autor- und Urheberschaft? Viele Herausforderungen, mit denen sich unsere Gesellschaft offen auseinandersetzen muss. Gegen GitHubs Copilot läuft derzeit die Sammelklage einer Gruppe von Programmierern, weil die Software urheberrechtlich geschützten Code ohne Nennung oder Lizenz für den eigenen neu generierten Code nutzt.

In solchen Fällen gibt es für die menschliche Kommunikation klare Vorgaben: Man zitiert die Originalquelle. Die zahlreichen aberkannten Doktortitel der vergangenen Jahre zeigen allerdings: Auch beim Menschen klappt das nicht immer verlässlich.

Generative KI wird uns auch in unserem Menschenbild herausfordern. Die bisherigen Götter und Göttinnen der Kreativität („Menschen“) werden vom Thron gestoßen. Das tut weh. Auf Twitter hat ein Nutzer ChatGPT gefragt, was der Philosoph Karl Popper wohl über den Essayisten und Statistiker Nassim Nicholas Taleb gedacht hätte. Die Antwort der KI ist differenziert und lesenswert.

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Noch lesenswerter ist Talebs Reaktion auf Twitter. Er beklagt sich über die „schweren Defekte“ der KI, das „flache Denken“, die Buzzwords und Wortklaubereien. Es ist eine schwere narzisstische Kränkung für die Menschheit, dass Technologie nun können soll, was bislang uns allein vorbehalten war. Sich alleine auf menschliche Biodominanz zu verlassen, könnte allerdings fatal sein. Daraus wird vielleicht einer der schwarzen Schwäne, vor denen Taleb immer gewarnt hat.

In dieser Kolumne schreibt Miriam Meckel 14-täglich über Ideen, Innovationen und Interpretationen, die Fortschritt und ein besseres Leben möglich machen. Denn was die Raupe Ende der Welt nennt, nennt der Rest der Welt Schmetterling. ada-magazin.com

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