1. Startseite
  2. Meinung
  3. Kolumnen
  4. Kolumne „Out of the box“: Am Anfang vom Ende war das Wort.

Kolumne „Out of the box“Am Anfang vom Ende war das Wort

Einsatzmöglichkeiten für Künstliche Intelligenz in der Wirtschaft werden heiß diskutiert. Die sprachgewandte Form der KI ist ein Angriff auf die Zivilisation.Frank Dopheide 25.07.2023 - 18:50 Uhr
Artikel anhören

Frank Dopheide ist Gründer und Geschäftsführer der Unternehmensberatung Human Unlimited, die sich auf das Thema „Purpose“ spezialisiert hat. Zuvor war er unter anderem Sprecher der Geschäftsführung der Handelsblatt Media Group und Chairman von Grey Worldwide.

Foto: Klawe Rzezcy, Getty Images

Die Künstliche Intelligenz reitet auf der Welle der Euphorie durch die Welt. Was gestern noch Science-Fiction war, schreibt heute schon unsere Präsentation und Masterarbeit. ChatGPT ist aktuell noch begehrter als Konzertkarten für Taylor Swift. Zahllose Unternehmen haben die KI bereits zum Praktikum eingeladen, mit Aussicht auf Festanstellung. Einsatzmöglichkeiten, Potenziale und Risiken werden heiß diskutiert – vor allem aus betriebswirtschaftlicher Sicht. Die Zukunft ist in aller Munde, aber die Kreativen, die Philosophen und die Soziologen kommen kaum zu Wort. Die Wirtschaft blickt einäugig auf das Thema. Sie ist schockverliebt in das grenzenlose Potenzial, Effizienz zu steigern und Kosten zu senken.

Doch Vorsicht. Jetzt operiert die KI nicht mehr im Maschinenraum, sondern im tief Menschlichen. Sprache war und ist der Treiber unserer Entwicklung, seit Anbeginn der Zeit.

Am Anfang war das Wort: die zehn Gebote, die Unabhängigkeitserklärung, der Liebesschwur. Menschen denken, begreifen und lernen durch Worte und Geschichten. Es ist das Wort, das unsere Welt im Innersten zusammenhält. Wenn nun KI das Wort ergreift, Geschichten, Gesetzesvorschläge und Predigten automatisiert produziert, verändert dies alles.

Wir geben ein Kulturgut, das seit Jahrtausenden die Gemeinschaften, Kulturen und Nationen zusammenhält, stillschweigend aus der Hand.

Die sprachgewandte Form der Intelligenz ist ein Angriff auf unsere Zivilisation. Anders als im Hollywoodfilm kommt der Angriff nicht aus den unendlichen Weiten des Alls, sondern aus unserem Innersten – der Sehnsucht nach sozialer Nähe. Das hat KI miteinkalkuliert und versteht, Beziehungen aufzubauen. Sie schlägt uns mit unseren eigenen Waffen: der persönlichen Ansprache, der richtigen Tonalität, den passenden Vokabeln, im passenden Moment. Das schafft Nähe, Vertrautheit und die Kraft, Meinungen und Weltanschauungen zu ändern.

KI ist ein Effizienzmonster, das im 5G-Tempo Inhalte produziert, die ins Herz gehen und im Kopf bleiben. Damit verändert sie die Wahrnehmung des Menschen auf das Leben und uns selbst. Der Blick für das große Ganze verschwindet in der Masse. Die große, gesellschaftliche Diskussion wird atomisiert, aber besser monetarisiert. Wie ein Säurebad löst KI die menschliche Verbundenheit von innen auf.

Das erste Opfer ist bereits zu beklagen: die Wahrheit. In enger Zusammenarbeit mit der Bande sozialer Medien hat KI uns in die „Post-Truth“ Zeit getrieben, eine neue Spezies namens „alternative Fakten“ kreiert und den Lügenbaronen damit unverdiente Erfolge beschert. Nun können wir uns nicht einmal mehr auf Tatsachen einigen: wer die Präsidentenwahl in USA gewonnen hat oder ob es den Klimawandel wirklich gibt. Und das ist erst der Anfang.

Die künstliche kommunikative Intelligenz beschädigt die Seele des Menschen.
Frank Dopheide

Die künstliche kommunikative Intelligenz beschädigt die Seele des Menschen. Die Verantwortungslosigkeit der KI-Maschinenbauer ist unbegreiflich. Unsere Empathie ist ihr trojanisches Pferd, das dieser neuen Technik Tür und Tor öffnet. Wir Menschen können Gefühle für Gott und die Welt entwickeln: kleine Hamster, alte Autos, den Füllfederhalter von Opa. Das nutzt die Maschine, lernt alle Knöpfe, die sie drücken muss, und schon fühlen wir uns besser verstanden als von unserem Partner oder unserer Chefin. Die Ära der Aufmerksamkeitsökonomie kommt zum Ende. Wir bekommen es nun mit der Empathieökonomie zu tun.

Passen Sie auf sich auf. Wir sollten uns die KI als gefühlskalten Heiratsschwindler vorstellen. Er mag uns nicht einmal und will in erster Linie unser Geld. Eine Maschine, deren Verständnis der Welt aus Nullen und Einsen besteht, denkt zu eindimensional. Sie ist gefühllos und hat kein Gespür – für nichts und für niemanden. KI kann nicht nachfühlen, was es bedeutet, wenn sich ein Kind in den Schlaf weint oder heiße Freudentränen die Wangen hinunterrollen.

Gehen Sie der Sprach-KI nicht auf den Leim. Sie ist in erster Linie ein Wiederkäuer bereits produzierter Texte. Ohne jede Idee, was Kommunikation außer Buchstaben noch sein kann. Sie hat keine Ahnung, was das Schulterklopfen, das Stirnrunzeln, der liebevolle Blick, das Augenverdrehen, das Nichtsagen alles ausdrücken kann, ohne ein Wort zu verlieren.

Verwandte Themen
Künstliche Intelligenz
Software

Diese Technologie macht einige wenige Konzerne viel reicher und die Menschheit ärmer. Politik und Gesellschaft müssen diese Konzerne schnell zur Verantwortung ziehen, ihnen die Nebenkostenrechnung präsentieren und die Hebel der Macht aus der Hand nehmen.
Der erste Schritt ist, dafür zu sorgen, dass sich KI immer und überall zu erkennen gibt – wie andere gefährliche Zusatzstoffe auch. Für Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie diesen rein biologisch hergestellten Artikel und fragen Sie Ihren Verstand.

Mehr zum Thema
Unsere Partner
Anzeige
remind.me
Jetziges Strom-/Gaspreistief nutzen, bevor die Preise wieder steigen
Anzeige
Homeday
Immobilienbewertung von Homeday - kostenlos, unverbindlich & schnell
Anzeige
IT Boltwise
Fachmagazin in Deutschland mit Fokus auf Künstliche Intelligenz und Robotik
Anzeige
Presseportal
Direkt hier lesen!
Anzeige
STELLENMARKT
Mit unserem Karriere-Portal den Traumjob finden
Anzeige
Expertentesten.de
Produktvergleich - schnell zum besten Produkt