Kolumne „Out of the box“: Wie menschlich muss ein CEO sein?

Frank Dopheide ist Gründer und Geschäftsführer der Unternehmensberatung Human Unlimited, die sich auf das Thema „Purpose“ spezialisiert hat. Zuvor war er unter anderem Sprecher der Geschäftsführung der Handelsblatt Media Group und Chairman von Grey Worldwide.
Foto: Klawe Rzezcy, Getty ImagesChatGPT ist vermutlich die zurzeit begehrteste Mitarbeiterin der Welt. Es gibt kein Unternehmen, in dem sie nicht zum Probearbeiten eingeladen ist. Sie macht ihre Sache offensichtlich gut. Das Erstaunen über ihre Fähigkeiten, ihre Geschwindigkeit, ihren Intellekt und Wortwitz ist allerorts zu hören.
Selbst Google wurde überrascht. Ganz automatisch bestand ChatGPT den digitalen Einstellungstest zum Level-3-Programmierer. Die technischen Aufgaben und Verhaltensfragen wurden meisterlich beantwortet, ohne dass der Tech-Gigant erkannt hat, dass am anderen Ende der Tastatur kein Mensch saß. ChatGPT bekam ein Jobangebot und ein Einstiegsgehalt von 183.000 Dollar.
Das Können dieser neuen Arbeitskräfte wird Auswirkungen auf die Gesamtbelegschaft haben. Goldman Sachs hat das in einer aktuellen Studie einmal durchgerechnet. 300 Millionen Vollzeitarbeitsplätze könnten durch ChatGPT und ihre künstlich intelligenten Kollegen ersetzt werden. Doppelt so viele Arbeitsplätze, wie ganz Europa zu bieten hat.
>> Lesen Sie auch: Was die KI von OpenAI alles kann
Mit hundertprozentiger Wahrscheinlichkeit zählen Mathematiker, Steuerfachangestellte, Autoren, Webdesigner und Analysten in jeder Darreichungsform zu den nun aussterbenden Berufen. Die sozialen und pflegerischen Dienste können sich noch in Sicherheit wiegen.
Eine hochspannende Frage wurde in der Diskussion bisher ausgeklammert: Wo auf der Karriereleiter steht die KI eigentlich? Vermutlich ganz oben, könnte die Antwort lauten. Der CEO wird zur CEI, der Chief Executive Intelligenz. Alibaba-Gründer Jack Ma war sich da schon 2017 sicher. Wem diese Vorstellung zu abgehoben ist, der möge Richtung Hongkong blicken. Netdragon Webcast. Ein börsengelistetes Unternehmen mit zwei Milliarden Dollar Umsatz und 5000 Angestellten. Spielehersteller.
Ist Künstliche Intelligenz die bessere Chefin?
Seit August 2022 hat die Tochtergesellschaft Fujian Netdragon einen neuen Chef. Vermutlich eher eine Chefin, wobei wir das nicht so genau wissen. Tsang Yu ist „ihr“ Name. Die Künstliche Intelligenz sitzt im Chefsessel und hat die Aufgabe, das Unternehmen effizienter zu machen, Risiken abzuwägen, komplexe Probleme zu durchdringen und Entscheidungen zu treffen.
Klingt unvorstellbar, ist aber erst einmal erfolgreich. Der Börsenkurs ist um 20 Prozent gestiegen, seit Tsang Yu sich an die Arbeit gemacht hat. So absurd uns dieser Gedanke erscheint, es gibt gute Argumente für eine solche Entscheidung. Ein Millionengehalt weniger, keinerlei Bonuszahlungen und kein alljährlicher Aufschrei der Öffentlichkeit und der eigenen Belegschaft. Ein CEO ohne Vertragslaufzeiten und Wettbewerbsklauseln macht die Arbeit des Aufsichtsrats deutlich einfacher.
>> Lesen Sie auch: Diese KI-Tools erleichtern die Arbeit
Die Finanzbrache dürfte ebenfalls positiv auf diese Veränderung blicken, denn sie weiß: Die Ergebnisse sind auf dem Fundament tiefer Analysen und umfassender Daten erstellt. Jede Zahl stimmt, sogar die hinter dem Komma. Kommunikative Nebelbomben sind nicht Teil des Programms.
Die eigene Führungsriege freut sich, wenn sie sieht: Die Chefin schläft nie. Ist Tag und Nacht erreichbar und immer energievoll. Entscheidungen werden in real-time gefällt und begründet: stets freundlich, sachlich, untermauert mit nachvollziehbaren Argumenten. Eine Unternehmensspitze, die nicht über Nacht ihre Meinung ändert. Und obwohl sie nichts vergisst, reagiert sie nicht genervt oder nachtragend.
Das Menschliche macht den Unterschied
Mit jedem Projekt wird die CEI immer klüger, ihre Entscheidungen werden täglich besser. Vor ihr sind alle gleich, sie macht keine Unterschiede und kennt keine Günstlinge, selbst Haarschnitte und befremdliche Hobbys sind ihr gleich. Bei ihr bleibt die Gerüchteküche kalt. Das politische Taktieren der nachfolgenden Ebenen wird wirkungslos und daher eingestellt. Das führt zu einem Effizienzsprung in der Organisation.
Was kann ein*e CEO aus Fleisch und Blut seinen/ihren technischen Nachfolgern entgegensetzen? Empathie, Weisheit, Schulterklopfen und ein Lächeln. Das Gefühl für den anderen und das Ungesagte. Das Gespür für die Last, wenn die Kinder eines Mitarbeitenden krank sind oder der Kunde unglücklich ist. Spürbaren Stolz versprühen, der überspringt und neue Kräfte freisetzt. Und die Freude im Gegenüber auslösen, um neue Leichtigkeit und frische Kräfte zu entfalten. Das Menschliche macht den Unterschied. Mehr denn je.
Wer sich für die Zukunft interessiert, weiß: Die Logik bringt es nur bis zum ersten Offizier. Tut uns leid, Mister Spock. Das Menschlich-Intuitive schafft es auf die Kommandobrücke. Captain Kirk. Der sicherste Weg, die Crew und das Schiff durch alle Herausforderungen zu steuern. Faszinierend. Setzen Sie der AI, der Artificial Intelligence, etwas Unnachahmliches entgegen – die KI, ihre Kreative Intelligenz.