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Asia TechonomicsChina investiert Rekordsumme in Navigation

20.000 Unternehmen in China arbeiten an Ortung per Satellit. Mit Beidou schließt das Land zum bisher vorherrschenden US-System GPS auf – mit Folgen auch für Autos in Deutschland.Martin Benninghoff 24.05.2024 - 09:01 Uhr
In der wöchentlichen Kolumne schreiben Handelsblatt-Korrespondenten im Wechsel über Innovations- und Wirtschaftstrends in Asien. Foto: Klawe Rzeczy

Shanghai. Chinas wirtschaftliche und geopolitische Ambitionen beschränken sich nicht auf die Erde, sondern reichen weit in den Weltraum. Davon zeugen Dutzende Raketen mit Satelliten an Bord, die in den vergangenen Jahren ins All geschossen wurden. Davon zeugt auch ein Bericht, demn der Branchenverband GLAC am Wochenende veröffentlicht hat.

Demnach hat der Wert der chinesischen Satelliten- und Navigationsindustrie 2023 einen Rekordwert von 536 Milliarden Yuan (74 Milliarden Dollar) erreicht, ein Plus von sieben Prozent gegenüber 2022. Chinas Regierung messe der Satelliten- und Navigationsindustrie „große Bedeutung“ bei und forciere den kommerziellen Raumfahrtsektor und die Technologieentwicklung, heißt es in dem Bericht.

Eine unabhängige Überprüfung dieser Zahlen ist – wie üblich in China – nicht möglich. Chinas Wirtschaft folgt einer industriepolitischen Agenda, zu der auch die kommerzielle Raumfahrt gehört. Und die Raumfahrt ist für die Regierung in Peking eine Frage der geopolitischen Aufrüstung und des nationalen Prestiges.

China im Weltall: Eigenes Tech-Ökosystem

Staats- und Parteichef Xi Jinping scheint zudem ein persönliches Faible für das Thema zu haben – er hat einige Raketenwissenschaftler in wichtige Positionen der Kommunistischen Partei gebracht, beispielsweise in der zentralchinesischen Millionenmetropole Chongqing.

Unter Xi macht sich China technologisch zunehmend unabhängig von der Welt. Das Land baut ein eigenes innovationsgetriebenes Ökosystem auf, sei es im Internet, bei Betriebssystemen oder im Weltraum. Laut dem chinesischen Bericht gibt es in der Volksrepublik inzwischen fast 20.000 Unternehmen, die sich mit Satellitennavigation beschäftigen, und mehr als 119.000 Patentanmeldungen. Rund eine Million Menschen arbeiten in der Branche.

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Im Mittelpunkt dieser offiziellen Erfolgsmeldung steht Chinas Antwort auf das Global Positioning System (GPS) aus den USA, Galileo aus Europa und Glonass aus Russland: das chinesische Navigationssystem Beidou. Die Anwendung wird militärisch und (vor allem in vielen Smartphones) zivil genutzt.

Xi Jinping (l.) und Wladimir Putin: Chinas Staatschef bekam in Peking Besuch von Russlands Präsidenten. Foto: IMAGO/SNA

Die US-Sicherheitspolitikerin Sarah Sewall schreibt gemeinsam mit anderen Autoren in einem Forschungspapier: „Beidou stärkt sowohl die strategische Autonomie der Volksrepublik China als auch ihren Einfluss in der Welt.“ Das System könnte China und seine Partnerländer im Falle eines Konflikts mit den USA erfolgreich isolieren. Sprich: Chinas Militär könnte einen Krieg mit eigener Technik führen, die keine fremde Macht abschalten könnte. Autarkie für China inmitten wachsender geopolitischer Spannungen.

Doch es geht um mehr als Militär: China erkenne, so die ehemalige US-Staatssekretärin Sewall, „dass kommerzielle Anwendungen von Beidou die politischen, wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Ziele“ der Kommunistischen Partei in Peking fördern könnten.

Beidou in China: Navigation für autonomes Fahren

Das schlägt sich in mehreren Branchen nieder, zum Beispiel im autonomen Fahren. Chinas E-Auto-Branche boomt, Anbieter wie BYD aus Shenzhen und Nio aus Shanghai wollen im großen Stil nach Europa exportieren. Beim autonomen Fahren könnten chinesische Marken auch in Europa auf das chinesische Navigationssystem Beidou zurückgreifen.

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Experten sehen das kritisch: „Wenn chinesische Autos nach Europa kommen, sollte die Software, die Echtzeitdaten sammelt und mit dem Internet verbunden ist, am besten von Europäern kommen“, sagt Antonia Hmaidi vom China-Thinktank Merics. Das Hauptproblem sei aber nicht Beidou selbst, sondern „das Ökosystem drumherum – zum Beispiel die chinesische Cloud zum Speichern der Daten“, sagt die Tech-Expertin.

Das Risiko bleibt: In China kann der Staat Unternehmen prinzipiell dazu zwingen, Nutzerdaten herauszugeben. Zu welchem Zweck – etwa um Oppositionelle bis ins europäische Exil zu verfolgen –, darüber lässt sich nur spekulieren.

Allerdings sei es „nicht trivial, die Nutzung von Beidou in Europa zu verbieten“, gibt Hmaidi zu bedenken. Für China ist Europa ohnehin nur ein – wenn auch wichtiger – Absatzmarkt. So baut China auch mit seiner Belt-and-Road-Initiative auf das Ortungssystem, beispielsweise für den grenzüberschreitenden Verkehr, die Zollabfertigung und die Landwirtschaft der Anrainerstaaten. Beidou ist auch für die wirtschaftlichen Expansionspläne Pekings von zentraler Bedeutung.

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In der Kolumne Asia Techonomics schreiben Martin Benninghoff, Sabine Gusbeth, Dana Heide, Martin Kölling und Mathias Peer im Wechsel über Innovations- und Wirtschaftstrends in der dynamischsten Region der Welt.

Erstpublikation: 23.05.2024, 11:03 Uhr.

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