Laufen: Warum Sie Ihr Smartphone zu Hause lassen sollten
Der vermutlich am häufigsten übersehene gesundheitliche Nutzen des Laufsports ist der Einfluss auf die geistige Verfassung. Sicher, Drogen können die Gedanken auch beeinflussen, Probleme vergessen lassen, vermeintlich helfen. Der Körper reagiert nur nicht so großartig auf Giftstoffe.
Laufen ist zwar nicht nur gesund, ruiniert aber wenigstens nicht die Organe, sondern in der Regel Muskeln, Sehnen, Knochen, und damit führt niemand sein Leben an den Abgrund.
Manche Menschen finden innere Ruhe beim Yoga, mir fehlt da die Geduld, andere bei Spaziergängen, ich bin da zu versucht zu sprechen oder beobachte zu sehr die Natur. Es soll sogar Menschen geben, die beim Schwimmen auf Bahnen ihren Kopf freibekommen. Ich zähle da immer Kacheln und langweile mich.
Balance aus Entspannung und Anstrengung
Das Laufen hingegen funktioniert regelmäßig und zuverlässig als Reinigungsstation für mein Gehirn. Es sortiert, priorisiert, ordnet ein. Die Zahl der Probleme und Fragen, die ich habe und an mich stelle, die ich morgens beim Laufen geklärt habe, ist enorm. Ich verlasse mich darauf, dass nach gut 30 Minuten die perfekte Balance erreicht ist, dass ich die Anstrengung noch nicht als solche wahrnehme und vergesse, dass ich laufe.
Das ist der Moment, in dem mein Unterbewusstsein übernimmt und irgendein Thema hochspült und sich beim Laufen wie ein Puzzle alles fügt. Wie erzähle ich die Geschichte, welche Abfolge beim Menü, was will ich dem Menschen sagen, über den ich mich neulich geärgert habe?
Damit das funktioniert, muss ich vor allem eines sein: ungestört.
Der größte Störenfried meines Lebens bin ich selbst. Wir alle neigen dazu, etwas anzufangen, einen anderen Gedanken zu haben und nicht bei der Sache zu bleiben, bei der wir sind. Wir sind permanent abgelenkt und dafür sind Push-Meldungen oder Alarme und Smart Notifications nützlich, aber so richtig nötig sind sie nicht.
Wir selber müssen uns vor wandernden Gedanken bewahren, damit wir die zu Ende führen, die wir einmal begonnen haben. Mir hilft dabei, auszuschließen, dass ich etwas nachschauen könnte, beantworten und darauf reagieren kann. Egal, was in der Phase des Laufens passiert – ich werde es nicht sofort erfahren.
Zu akzeptieren, damit für eine Weile die Kontrolle abzugeben und nun mal nichts ändern zu können, kann den Kopf befreien.
„Ja, aber ...“
„Ja, aber, ich höre doch gerne Musik oder Podcasts beim Laufen“, höre ich viele sagen. Ich höre Musik, offline über meine Sportuhr, das können inzwischen zahlreiche Modelle. Oder doch: ein einfacher MP3-Player, der nichts außer abspielen kann. Podcasts würden mich persönlich dank Sachinformationen vom Abschalten abhalten, Musik – meist instrumental – hingegen lenkt mich nicht ab. Am besten ist natürlich ohne alles.
„Ja, aber was ist, wenn mich jemand erreichen will, weil etwas passiert ist?“, mag sich manche Läuferin oder mancher Läufer fragen. Eben. Einmal nicht zur Verfügung zu stehen, eine Stunde (gerne auch länger) frei von Verpflichtungen anderen und sich selbst gegenüber zu laufen, ist für die Chance auf mäandernde Gedanken essenziell.
„Ja, aber, was ist, wenn mir etwas passiert oder das Wetter schlecht wird?“, lässt sich fragen. Im kleinen Umfang mal mehr oder minder ohne Hilfe eine etwaige kritische Situation ohne Unterstützung überstehen zu müssen, befreit den Kopf. Auf sich allein gestellt, wird sich die Lösung finden. Und ehrlicherweise schaffen die wenigsten von uns so viel Abstand zu allem, dass keine Hilfe zu holen wäre. Wenn es regnet: Es ist nur Wasser. Beim Laufen friert keiner, solange sie oder er nicht stehen bleibt.
„Ja, aber, was ist, wenn ich mich in fremden Gebieten verlaufe?“, ist ein Argument für Navigation auf dem Smartphone in der Tasche oder am Arm. Gerade die Läufe in mir unbekannten Städten, ohne Ziel, ohne Plan gehörten jedoch zu den erinnerungswürdigsten Streifzügen meines Läuferlebens.
Die Orientierung ist simpel: immer geradeaus die Hälfte der Zeit, die Sie laufen wollten. Wenn es nicht weiter geht: Lediglich die Stellen merken, an denen Sie abbiegen. Es hilft, sich einmal umzudrehen und sich anzuschauen, wie die Abzweigung aus der anderen Richtung aussieht. Ich empfehle es. Aus Erfahrung.
Die Momente unseres Lebens, in denen wir nur uns selbst gehören, sind rar. Wir können sie uns erlaufen. Und dafür braucht es nichts außer ein Paar Schuhe.