Luftfahrt: Warum zwei wichtige Kunden von Airbus und Boeing in der Krise sind
Dass man in Indiens rasant wachsender Luftfahrtindustrie schnell mal den Überblick verlieren kann, stellt Air India eindrücklich unter Beweis: Auf einem Flughafen in Kalkutta hat die frühere Staatsairline vor wenigen Wochen ein Flugzeug entdeckt, das sie dort seit über einem Jahrzehnt vergessen hatte.
Auf die Boeing 737 wurde das Unternehmen erst aufmerksam, als die Flugplatzbetreiber darum baten, die seit 2012 geparkte Maschine endlich abzutransportieren. Eine Standplatzrechnung über umgerechnet knapp 100.000 Euro schickten sie gleich mit.
Die Episode ist bezeichnend für chaotische Zustände, die Indiens Luftfahrtboom derzeit prägen: Planungsfehler sorgten zuletzt dafür, dass Hunderttausende Passagiere an Flughäfen strandeten. Sicherheitsmängel untergraben zudem das Vertrauen der Passagiere, das nach einem verheerenden Flugzeugabsturz im vergangenen Juni ohnehin bereits angeschlagen ist. Gleichzeitig mangelt es der zuständigen Aufsichtsbehörde an Personal und Geld, um die Branche umfassend zu überwachen.
Ein Ausfall von rund 4500 Flügen, der im vergangenen Monat den Flugverkehr des bevölkerungsreichsten Landes der Welt an den Rand des Kollapses brachte, ist das bisher deutlichste Warnsignal dafür, dass sich in der Branche etwas ändern muss. Verantwortlich für den Vorfall ist Indiens größte Fluggesellschaft Indigo, die sich unzureichend auf neue Dienstzeitregelungen vorbereitet hatte. Diese sahen strengere Ruhezeiten für Piloten vor.
Indigo – bekannt für seine auf extreme Effizienz getrimmten Abläufe – fehlten dafür aber die Personalreserven. Die Folge: Flugzeuge konnten reihenweise nicht abheben. Der Betrieb von Indigo brach landesweit weitgehend zusammen.
Indigo stellt Weltrekord bei Flugzeugbestellungen auf
Vorausgegangen war dem Zwischenfall, der zehn Tage dauerte und von indischen Medien als „Kernschmelze“ bezeichnet wurde, ein beispielloses Wachstum der Airline. Die Zahl ihrer Flugzeuge konnte sie im Vergleich zu 2016 auf über 430 mehr als vervierfachen.
Mit mehr als 123 Millionen transportierten Passagieren im vergangenen Jahr gehört Indigo inzwischen zu den größten Fluggesellschaften der Welt. Und sie will weiter wachsen: Vor zweieinhalb Jahren bestellte das Unternehmen auf einen Schlag 500 neue Flugzeuge bei Airbus – Weltrekord für die größte Einzelbestellung in der Luftfahrtgeschichte.
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Air India hat ähnlich große Ambitionen: Die Fluggesellschaft bestellte 2023, ein Jahr nach der Übernahme durch die indische Tata-Gruppe, 470 Flugzeuge bei Airbus und Boeing. Auch das war damals ein Weltrekord, bis er durch Indigo übertrumpft wurde. Insgesamt belaufen sich die Bestellungen der indischen Airlines derzeit auf mehr als 1500 Jets – kein anderes Land baut seine Flotte so stark aus.
Doch inmitten des schnellen Wachstums zeigen sich Risse im System: Dies trifft nicht nur auf den Branchenführer Indigo zu, der zwei Drittel des Markts für Inlandsflüge kontrolliert. Konkurrent Air India, der einen Marktanteil von rund 27 Prozent hält, kam zuletzt immer wieder wegen Regelverstößen in die Schlagzeilen.
Eine Überprüfung durch die Luftfahrtbehörde DGCA ergab im Juli mehr als 50 Sicherheitsmängel – deutlich mehr als bei den Wettbewerbern. Beanstandet wurden unter anderem eine mangelnde Ausbildung einiger Piloten, die Verwendung nicht zugelassener Simulatoren und ein unzureichendes Dienstplansystem.
Ein besonders gravierender Fall kam im vergangenen Monat ans Licht: Die DGCA warf Air India vor, ein Flugzeug mehrfach ohne gültiges Lufttüchtigkeitszeugnis eingesetzt zu haben.
Indiens Luftfahrtbehörde steht in der Kritik
Air India steht mit Blick auf Sicherheitsmängel besonders im Fokus der Öffentlichkeit, nachdem eine Maschine der Airline im Juni auf dem Weg nach London abgestürzt war. 241 Menschen an Bord des Flugzeugs kamen dabei ums Leben. Ein abschließender Untersuchungsbericht zu dem Unglück liegt noch nicht vor.
Der Absturz befeuerte auch die Kritik an der Luftfahrtbehörde DGCA: Die Aufsicht sah sich dem Vorwurf ausgesetzt, Sicherheitsprobleme zu lange ignoriert zu haben. Auch die massenhaften Flugausfälle brachten die Behörde in Bedrängnis, weil sie die Probleme nicht frühzeitig erkannt hatte. Mehrere für die Airline zuständige Mitarbeiter wurden daraufhin suspendiert.
Für die Beschränkungen in ihrer Arbeit ist die Behörde aber nicht nur selbst verantwortlich. Ihr fehlt schlichtweg das Geld für eine signifikante Ausweitung ihrer Überprüfungen.
Das Budget der DGCA liegt mit rund 38 Millionen Dollar im Jahr bei nicht einmal zwei Prozent des Betrags, den die US-Flugaufsicht FAA zur Verfügung hat. Aus Sicht von Branchenkennern ist deshalb klar: Indiens Luftfahrt benötigt nicht nur Investitionen in neue Flugzeuge und Flughäfen – sondern auch in Aufseher, die sicherstellen können, dass die Branche künftig ohne Turbulenzen wachsen kann.
Erstpublikation: 07.01.2026, 15:34 Uhr.