Märkte Insight: An den Märkten prallen zwei unvereinbare Weltbilder aufeinander

Selten waren professionelle Notenbankwatcher kurz vor einer Ratssitzung so unsicher wie heute, beobachtet Michael Maisch.
Foto: dpa [M]„Prognosen sind schwierig, vor allem wenn sie die Zukunft betreffen“ – das Bonmot ist schon etwas abgegriffen, aber wenn man auf die aktuelle Entwicklung an den Kapitalmärkten blickt, dann war es selten so zutreffend wie heute. Schon lange lagen die Meinungen der Auguren nicht mehr so weit auseinander – und nicht nur das, die Mehrheiten ändern sich auch verwirrend schnell.
Beispiel eins: die aktuelle Zinssitzung der Europäischen Zentralbank (EZB). Es ist schon lange her, dass die Schar der professionellen Notenbankwatcher kurz vor einer geldpolitischen Entscheidung so ratlos war.
Laut dem Informationsdienst Bloomberg signalisieren die Geldmärkte inzwischen eine Wahrscheinlichkeit von 70 Prozent, dass die EZB ihre Leitsätze noch einmal um einen Viertelprozentpunkt anheben wird, um im Kampf gegen die hartnäckige Inflation Entschlossenheit zu beweisen. Anfang September lag diese Wahrscheinlichkeit noch bei lediglich 20 Prozent. Damals ging die klare Mehrheit offenbar noch davon aus, dass die EZB sich eine Zinspause gönnen wird, um die lahmende Konjunktur im Euro-Raum nicht noch weiter zu schwächen.
Beispiel zwei: die US-Konjunktur. In den vergangenen Wochen schien sich an den Märkten zunehmend die Überzeugung durchzusetzen, dass es der US-Notenbank Fed gelingt, ihre Geldpolitik so geschickt zu kalibrieren, dass der global wichtigsten Volkswirtschaft eine tiefe Rezession erspart bleibt. Das Ergebnis wäre die viel beschworene „weiche Landung“ der US-Konjunktur.
Doch jetzt melden sich in der britischen Zeitung „Financial Times“ zwei der größten Vermögensverwalter der Welt zu Wort, um ihre Sorge über die Wachstumsaussichten der US-Wirtschaft zum Ausdruck zu bringen.
Sorgen wegen möglicher US-Wirtschaftskrise
Rick Rieder, der Chief Investment Officer des globalen Marktführers Blackrock, war bislang „ziemlich enthusiastisch“, was die US-Konjunktur anging, doch „ironischerweise registrieren wir jetzt, zu einem Zeitpunkt, an dem viele die Möglichkeit einer Rezession abgeschrieben haben, spürbare Zeichen einer Abkühlung“.
Sein Kollege Vincent Mortier von Amundi sieht inzwischen eine „ziemlich hohe Wahrscheinlichkeit“ für eine Wirtschaftskrise in den USA. Welche Schlussfolgerung ziehen die beiden Experten aus ihrer Analyse? Beide übergewichten US-Staatsbonds. Das ist keine schlechte Idee.
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Momentan prallen an den Märkten zwei Weltbilder aufeinander, die nicht miteinander vereinbar sind und die völlig unterschiedliche Folgen für die Kurse von Aktien und Anleihen haben. Die eine Partei geht davon aus, dass die Konjunktur in den USA robust und in der Euro-Zone passabel bleibt, bei gleichzeitig weiter hohen Inflationsraten. Die Konsequenz wäre, dass die Zinssätze länger auf dem aktuellen Niveau verharren würden.
Die andere Partei fürchtet eine Rezession in den USA und in Europa. Diese Konjunkturpessimisten sehen ein deutlich niedrigeres Inflationsrisiko, einige warnen sogar vor deflationären Tendenzen. Würde dieses Szenario Realität, müssten die Notenbanken ihre Zinsen im kommenden Jahr schon wieder deutlich senken.
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Wer am Ende recht behält, lässt sich schwer abschätzen. In dieser komplexen Situation können US-Staatsanleihen eine gute Anlagealternative sein. Zweijährige Regierungsbonds bieten Renditen von um die fünf Prozent – das ist deutlich mehr als die US-Inflationsrate und selbst verglichen mit der Teuerung in der Euro-Zone, die zuletzt bei 5,3 Prozent lag, gar nicht so schlecht. Wobei für europäische Anleger ein Währungsrisiko bleibt. Aber ein Absturz des Dollars scheint in der aktuellen Gemengelage eher unwahrscheinlich.