Märkte-Insight: Die Aktienmärkte scheinen ausgereizt – neue Zeit für: Anleihen

Unternehmensanleihen in Europa bringen teils vier Prozent Rendite.
Foto: dpaAm 21. Juli 2022 begann der erste echte Stresstest für die Notenbanker der Euro-Zone, was ihr Hauptziel angeht: die Stabilität des Geldwerts. Erstmals muss die Europäische Zentralbank (EZB) zeigen, wie sie mit hartnäckig hoher Inflation umgeht, seit sich der Trend jahrzehntelang sinkender Preise und Kapitalmarktzinsen vor allem durch die Energiekrise nach Ausbruch des Ukrainekriegs umgekehrt hat.
EZB-Präsidentin Christine Lagarde und ihre Kolleginnen und Kollegen brauchten bekanntlich eine Weile, um sich auf die neue Situation einzustellen, agierten dann aber beherzt mit acht Leitzinserhöhungen von insgesamt vier Prozentpunkten binnen nur zwölf Monaten. Mindestens ein weiterer Zinsschritt wird noch erwartet.
Über die Wirkung der geldpolitischen Wende wird intensiv diskutiert, die Zinsen zogen massiv an, die Inflation und Konjunktur kühlen ab. Dabei wird sich die volle Wirkung der strikten Zinspolitik erst noch zeigen: Ökonomen zufolge dauert es bis zu eineinhalb Jahre, bis Zinsschritte in der Euro-Zone auf die reale Wirtschaft einwirken.
Am Anleihemarkt reagierten Kurse und Renditen prompt: In Erwartung neuer Anleihen mit höheren Zinsen sanken die Kurse der Papiere am Markt deutlich, was umgekehrt die Renditen nach oben treibt.
Die Rendite für die zehnjährige Bundesanleihe hat sich in etwa verdoppelt auf 2,39 Prozent. Der Ertrag der zweijährigen Staatsanleihe hat sich sogar nahezu verfünffacht auf 3,19 Prozent. Die Tatsache, dass der kurzlaufende Bond mehr einbringt als der langlaufende, gilt mit Blick auf die Historie als Indikator für eine Rezession.
Spekulation um den Zinsgipfel
Ob die Wirtschaft der Euro-Zone wirklich anhaltend schrumpft, hängt für die Region mit starker Exportwirtschaft vor allem von der Lage in den anderen großen Volkswirtschaften ab. In den USA wird ebenfalls heftig diskutiert, ob die Wirtschaft einer Rezession entkommt. Immer mehr Ökonomen hoffen, dass die Inflation weitgehend gebändigt und der Zinsgipfel nahe ist.
Einige Großinvestoren rechnen dagegen weiter mit einer Rezession. Auch ein anderer großer Abnehmer westlicher Produkte, China, sendet Schwächesignale. Nervös warten Anleger auf die nächste Woche, in der die US-Notenbank Fed und die EZB entscheiden, ob sie ihre Leitzinsen noch einmal anheben.
Die Unsicherheit, was Konjunktur und Zinsen angeht, lähmt die Aktienbörsen. Zwar veröffentlichen die Firmen in den USA und bald auch in Europa ihre Halbjahreszahlen, aber bislang bringt die Berichtssaison kaum echte Impulse. Die großen Aktienindizes bewegen sich auf hohem Niveau seitwärts. Der deutsche Dax legte am Donnerstag um knapp 0,6 Prozent zu auf 16.204 Punkte.
Noch frisst die Teuerung die Renditen auf
Angesichts dieser komplexen Gemengelage glauben viele Strategen der großen Vermögensverwalter, dass die Aktienmärkte vor allem in den USA erst einmal ausgereizt sind. Die Experten setzen nun deutlich stärker auf Anleihen und raten zu Zinspapieren hoher Bonität wie Staatsanleihen oder hochqualitativen Firmenbonds aus Europa und den USA.
Zweijährige Treasuries bringen bis zu 4,85 Prozent Rendite, gute Firmenbonds in Europa gut vier Prozent. Noch frisst die Teuerung diese nominalen Renditen auf, aber mit sinkender Inflation könnten Anleihen bald wieder reale Erträge bieten.
Ann-Katrin Petersen von Blackrock rät zu kürzeren Bond-Laufzeiten, die aktuell die höchsten Renditen bringen und das Kapital nicht zu lange binden, falls die Leitzinsen doch noch weiter steigen sollten. Mark Haefele, Anlagechef der Schweizer Großbank UBS, empfiehlt europäischen Anlegern Bonds in Euro. Nach vielen zinslosen Jahren und der Erschütterung der Märkte durch Pandemie, Ukrainekrieg, Inflation und die Zinswende sieht es bei Anleihen wieder nach etwas normaleren Zeiten aus.