Morning Briefing Plus: Was Neues auf die Ohren
Liebe Leserinnen und Leser,
ich habe mich lange dem Trend verweigert, Artikel zu hören, statt zu lesen. Das Wort Podcast gehörte nicht zu meinem Repertoire, auf den einzigartigen Wert des geschriebenen Wortes ließ ich lange nichts kommen.
Vor wenigen Jahren hat sich das geändert. Ich begann, mir des Öfteren Artikel vorlesen zu lassen, irgendwann hörte ich auch regelmäßig Podcasts, vor allem die der New York Times, The Daily zum Beispiel oder die Book Review.
Mittlerweile erwische ich mich selbst, dass ich mir jede freie Minute – in der U-Bahn, beim Joggen, beim Warten auf den ICE (nicht selten) – hektisch die Ohrhörer einstöpsle, um wenigstens ein paar Minuten akustische Information zu saugen.
Ich mag die verschiedenen Stimmen, die Emotionen, die in jedem Seufzer oder jedem Lachen versteckt sind, die persönliche Ansprache, die klug durchdachten Choreografien, die Debatten, die sich da im kleinen Studio ganz groß entwickeln. Seltsamerweise höre ich jetzt auch wieder viel mehr Radio als früher, ich bin ein Audio-Junkie geworden.
Selbstverständlich bin ich Stammkunde unserer eigenen Podcasts, von Today über Disrupt bis zu Trump-Watch. Und seit der vergangenen Woche vor allem von Catching Chris, unserem True-Crime-Podcast, der einer Ermittlung im Liveformat gleicht und ein Spannungsmoment aufbaut, wie ich es nur selten in einem Podcast erlebt habe.
Seit gestern haben wir ein neues Angebot im Programm: Miriam Meckel – Sie kennen sie alle als kluge, gut vernetzte und schlagfertige Publizistin und Unternehmerin – spricht nun regelmäßig mit meinem Boss, Chefredakteur Sebastian Matthes, über das disruptive Potenzial neuer Technologien, über die Politik, über die Machtverschiebungen zwischen Staaten und Konzernen.
In der ersten Folge geht es um viele Themen, unter anderem um das Rentenchaos der Koalition, das mit diesem Wochenende noch immer kein Ende finden wird. „Meckel & Matthes“ ist kurzweilig und inspirierend und damit gerade richtig für einen Audio-Süchtigen wie mich. Hören Sie rein.
Was uns diese Woche noch beschäftigt hat:
1. Warum wurde die Rente zum neuen Krisenthema des Kanzlers? Es hat viel mit Friedrich Merz selbst zu tun, mit seiner Persönlichkeit, mit der fehlenden Regierungserfahrung. Als ‚Klempner der Macht‘ hatte der CDU-Vorsitzende den SPD-Kanzler Olaf Scholz verspottet.
Nun zeigt sich: Genau daran fehlt es Merz und seinem Team im Kanzleramt – an handwerklichem Geschick. So beschreiben es meine Kolleginnen und Kollegen in unserer Titelgeschichte über Friedrich, den Getriebenen. Und nachdem wir einen der besten Rentenexperten als Chefökonom im eigenen Haus haben, haben wir Bert Rürup gefragt: Hat die Junge Union recht? Lesen Sie seine Antwort im großen Handelsblatt-Interview.
2. In großer Offenheit machte neulich Joyce Chang, die Chefin der Research-Abteilung von JP Morgan im Handelsblatt klar: Die große Euphorie ausländischer Anleger, in Deutschland zu investieren, ist verflogen. „Es war ein Moment, den man hätte nutzen können – doch diese Gelegenheit ist jetzt verstrichen“, sagte Chang.
Von diesem Pessimismus wollte Christian Sewing, der Chef der Deutschen Bank, im Interview mit Yasmin Osman, Dennis Schwarz und mir nichts hören. „Ich sehe einfach, wie viel Interesse es von außen für Deutschland gibt. Das ist ungebrochen“, sagte Sewing und erzählte von einem Investor, der viel vorhabe, in Deutschland.
3. Anlass für vorsichtigen Optimismus gibt auch der Konjunkturausblick vom Handelsblatt Research Institute. „Die deutsche Wirtschaft dürfte im Schlussquartal 2025 und auch im Jahr 2026 wieder wachsen“, schreiben die Kollegen. Die Konsensschätzung für 2026 liege bei 1,1 Prozent Zuwachs.
„Das wäre das stärkste Wirtschaftswachstum seit dem Jahr 2022.“ Konterkariert wird dieser Ausblick allerdings mit Grafiken wie dieser hier. Auf lange Sicht nähert sich die Zahl der Arbeitslosen der Drei-Millionen-Marke. Und das, obwohl die KI auf dem Jobmarkt noch gar nicht sonderlich eingeschlagen hat.
4. Erst vor wenigen Wochen jagte der Bitcoin von Rekord zu Rekord – jetzt verlieren viele Anleger rasant das Vertrauen. Die Kryptowährung ist erneut unter 100.000 Dollar gefallen, ETF-Investoren ziehen Milliarden ab, und Analysten warnen vor weiteren Rückschlägen. Astrid Dörner und Andreas Neuhaus zeigen, welche Kräfte den Bitcoin derzeit treiben und warum selbst extreme Angst kein verlässliches Signal für eine Wende ist.
5. Bei VW gilt die Familie Porsche-Piëch als Machtzentrum. Sie hält mehr als die Hälfte der Stimmrechte, ihr Rückhalt gilt für jeden VW-Vorstandschef als Schlüssel, um die eigene Macht zu sichern. Dieser Rückhalt ist für VW-Chef Oliver Blume offenbar nicht mehr so stark, wie er einmal war. Das zumindest legen Recherchen von Lazar Backovic, Martin-W. Buchenau und Roman Tyborski nahe. Sie haben unter anderem mit einem Berater der Familie gesprochen und ihn mit einer unmissverständlichen Äußerung zitiert: „Die Familie ist entsetzt über den Zustand des gesamten Volkswagen-Konzerns.“
6. Auch Mercedes-Chef Ola Källenius hat in diesen Krisenzeiten keinen leichten Stand, er versucht es mit einem Befreiungsschlag: Der Konzern verabschiedet sich von seiner Luxusstrategie und will nun Premiumfahrzeuge in allen Preisklassen bauen, wie mein Kollege Michael Schweppe exklusiv berichtet hat.
7. Nvidia präsentierte diese Woche über 200 Milliarden Dollar Umsatz, 60 Prozent Wachstum – doch ausgerechnet jetzt wächst der Widerstand. Noch streicht Nvidia fast jeden dritten Dollar der Branche ein. Aber Start-ups, große Rivalen wie AMD, aber auch Google und Microsoft arbeiten an Alternativen. Mein Kollege Joachim Hofer hat recherchiert, wie die Konkurrenz die Vormachtstellung von Nvidia stürzen und die eigene Abhängigkeit aufheben will.
8. Freshfields gerierte sich in der Vergangenheit auch mal als „beste Kanzlei der Welt“. Doch im historischen Steuerraub Cum-Ex spielte sie eine unrühmliche Rolle, beriet Banken dabei, sich Kapitalertragsteuer doppelt erstatten zu lassen. Obwohl Freshfields Aufarbeitung versprach, zeigen Recherchen meiner Investigativkollegen Sönke Iwersen und Volker Votsmeier, dass es der Kanzlei – insbesondere der renommierten Anwältin Simone Kämpfer – offenbar vor allem ums Verzögern ging.
9. Viele hierzulande beschwören den Niedergang von Deutschland. Nicht so der Technologievordenker und Medienkritiker Thomas Knüwer: Quer durchs Land, schreibt Knüwer, entstünden neue Technologien, Unternehmen und Projekte – vom autonomen Gemüsebau über Chip-Start-ups bis hin zu KI-getriebener Industrie. Warum er findet, dass die Fakten deutlich besser sind als die Stimmung, lesen Sie hier in seinem Essay.
Ich wünsche Ihnen ein optimistisches Wochenende! Bleiben Sie zuversichtlich!
Herzlichst
Ihr Martin Knobbe