Newsletter Shift: Braucht die Energiewende einen 90-Grad-Dreh?
Haben auch Sie eine gewisse Form von Richtungsschwäche? Sagen Sie im Auto manchmal „links“, obwohl Sie „rechts“ meinen? Oder geht es Ihnen wie mir, und Sie kommen durcheinander beim Konzept von senkrecht, waagerecht, vertikal und horizontal?
Sich in diesem Gefüge orientieren zu können, wäre für die heutige Ausgabe von Shift sinnvoll. Denn ich schreibe Ihnen etwas über die Ausrichtung von Photovoltaik-Anlagen und ein Unternehmen, das in Deutschland die Solarwelt vielleicht nicht auf den Kopf stellen, aber um 90 Grad drehen will. Ein Unternehmen, das senkrecht denkt, wo andere bislang horizontal bauen.
Heiko Hildebrandt hat Next2Sun gegründet und sich auf den Bau von Photovoltaik-Anlagen spezialisiert. Doch die Anlagen von Next2Sun sind anders: Sie sind nicht nach Süden ausgerichtet, sondern nach Osten und Westen. Sie sind nicht horizontal aufgestellt, sondern vertikal, mit Flächen in zwei Richtungen. Und sie stehen nicht auf öden Flächen, sondern teils mitten auf Äckern.
Zum einen sollen diese Anlagen aus Sonnenlicht Energie vor allem in den Vormittags- und Nachmittagsstunden erzeugen und eben nicht dann, wenn die Sonne im Zenit steht. Zum anderen lassen sich auf diese Art Flächen doppelt nutzen, eben einerseits als Anbaufläche und andererseits als Ort für Energiegewinnung.
Die Idee hatte Hildebrandt 2013. Damals ging es ihm und ein paar Mitstreitern schlicht um ein gewisses Maß an Opportunismus. „Wir wollten Energie gewinnen und verkaufen zu Tageszeiten, wenn die Preise höher sind. Also zu Zeiten, zu denen herkömmliche Photovoltaik-Anlagen nicht ihre Spitzenleistung abrufen“, sagt er.
Eine erste Lösung waren Biogasanlagen. Doch nach einiger Zeit begann das Kernteam der späteren Next2Sun-Firma, mit unkonventionell ausgerichteten Photovoltaik-Anlagen zu experimentieren. Zwölf Jahre später geben nun Markt und Wissenschaft gleichermaßen der deutschen Firma Recht.
Man habe bei den eigenen Anlagen im Mai und Juni dieses Jahres über 40 Euro pro Megawattstunde bekommen, eben weil man am stärksten am frühen Vor- und späten Nachmittag Energie erzeugt.
Herkömmliche Anlagen hätten dagegen unter 20 Euro pro Megawattstunde Strom erzielt. Außerdem bestätigen inzwischen Studien, dass es keinen negativen Effekt auf die Ernte hat, die sogenannten Agri-Photovoltaik-Anlagen auf Ackerflächen zu errichten.
„Genau jetzt sehen wir: Unser Produkt hat die Nase vorn, unsere Projekte sind hochwirtschaftlich, unsere Kunden wollen noch mehr Anlagen und entsprechend bauen wir weiter Personal auf“, sagt Hildebrandt. Eine Erfolgsgeschichte, entstanden aufgrund von Opportunismus und einer 90-Grad-Drehung.
Könnte Next2Sun neuer Vorreiter im Bereich Solarenergie werden? Kennen Sie andere spannende Trends in der deutschen Erneuerbaren-Szene, die hoffnungsvoll stimmen? Schreiben Sie uns an newsletter@handelsblatt.com!
Diese Ausgabe ist übrigens die letzte, die ich für Sie verfasse – es war mir immer ein Vergnügen! Ich scheide als Autor aus dem Shift-Team aus und übergebe an meine Kollegin Julia Rieder, die Ihnen dann in drei Wochen das erste Mal schreibt.
Bleiben Sie optimistisch!
Haluka Maier-Borst
Dieser Text ist zuerst am 22. September 2025 im Newsletter Handelsblatt Shift erschienen. Den Newsletter können Sie hier abonnieren.