Prüfers Kolumne: Vom „Jiggler“ kaum mehr zu unterscheiden
Mehr als ein Dutzend Mitarbeiter der Großbank Wells Fargo wurden gefeuert, weil sie ihren Arbeitgeber getäuscht haben sollen. Womöglich haben sie Software eingesetzt, die simuliert, dass sie gerade ihre Tastatur benutzen.
Ich habe in der „Welt am Sonntag“ gelesen, dass es mittlerweile einen ganzen Markt an Programmen gibt, die Arbeit vortäuschen. Es gibt etwa Mouse-Jiggler, die physisch eine Computermaus in einer kleinen Schale bewegen, damit es so aussieht, als sei ein Mitarbeiter in der bestimmten Software aktiv. Es gibt auch Software, die eine Teilnahme an einer Videokonferenz vortäuscht. Das Programm spielt ein Video ab, das den Benutzer am Bildschirm zeigt.
Andersherum benutzen immer mehr Unternehmen offenbar Software, um zu kontrollieren, ob die Mitarbeiter im Homeoffice auch wirklich arbeiten. Es werden also Mauszeigerbewegungen registriert und ein Programm lauscht dem Tastaturgeklapper.
Es ist für mich faszinierend, dass man heute als anwesend erscheinen kann, indem man seine Maus bewegt. Also scheint die Mausbewegung ja das zu sein, für das man später bezahlt wird.
Dafür muss die Mausbewegung nicht in konkreten Ergebnissen münden. Also etwa in Projekten, die man mit dem Mausbewegungen abgeschlossen hat. Oder in Geschäften, die man mit den Tastaturbewegungen als E-Mails oder Chats getätigt hat oder auch mit Beiträgen, die man während einer Videokonferenz gemacht hat. Das wäre ja etwas, das einen Arbeitgeber vor allem interessieren würde.
Viele Unternehmen sollen nun angeblich überlegen, ihre Mitarbeiter von zuhause wieder ins Büro zu verfrachten, denn dort im Büro sind sie offenbar besser kontrollierbar. Zumindest gibt es dort keine betrügerischen Mausbeweger. Was aber ist, wenn sie die Hand nur so bewegen, wie es eine Mausbewegung eines Jigglers tun würde, also einfach so ein bisschen herumrühren? Ist das dann auch Betrug oder ist das Arbeit?
Tatsächlich täuschen Menschen seit jeher Arbeit vor, wo gar keine stattfindet. Sie dösen in Konferenzen und sagen dann zu irgendeinem Zeitpunkt, dass sie ganz genau der Meinung der anderen sind und das auch noch einmal stark betonen wollen. Oder sie schreiben E-Mails, die nur dem Zweck dienen, eine E-Mail geschrieben zu haben.
Ich finde, Arbeitgeber sollten durchaus honorieren, wenn Mitarbeiter sich Mühe dabei geben, ihre Nichtarbeit zu verschleiern. Es wird ohnehin bald hochgerüstet. Es wird dann Software geben, die sinnhaftere Mausbewegungen vortäuscht oder E-Mails schreibt, die tatsächlich so aussehen, als habe man sie geschrieben, oder Konferenzbeträge macht, die gar nicht so dumm sind.
Vermutlich sind echte Mitarbeiter von gefakten bald kaum noch zu unterscheiden. Und das ist dann der Augenblick, wenn die künstliche Intelligenz tatsächlich die Geschäfte der Menschheit übernimmt. Wir werden es aber nicht mitbekommen, weil wir gerade nicht am Platz sind.