Newsletter Shift: Wie ein Start-up aus Magdeburg es ermöglicht, Menschen beim Denken zuzuschauen
Man macht dumme Dinge in jungen Jahren, und das Resultat sind mitunter gute Geschichten. Eine davon ist, dass ich als junger Reporter mal ausprobiert habe, inwiefern sich mein Hirn verbessern lässt. Dafür habe ich mir mit Magnetströmen ins Hirn funken lassen. Gebracht hat das Ganze wenig. Aber immerhin war ich um die Erfahrung reicher, dass sich mein Arm per Magnetstrom zum Zucken bringen lässt.
Auch in späteren Lebensjahren kann man Gewagtes tun, wie der Physiker Stefan Röll beweist. Nach 18 Jahren bei Siemens hat er sich 2017 getraut, etwas ganz Neues mit Magnetströmen auszuprobieren. In seinem Fall könnte das Ergebnis mehr als eine gute Geschichte sein.
Sein Start-up Neoscan in Magdeburg will den weltweit leistungsstärksten Elektromagneten für ein MRT-Gerät bauen. Mit diesem Gerät würden sich selbst die feinsten Hirnwindungen scannen lassen. Röll könnte also dabei helfen, dass man mit deutscher Technik besser als zuvor Menschen beim Denken zuschauen kann.
MRT-Geräten für Kinder und für die Forschung
Zunächst gab es aber viel Skepsis für den Weg, für den Röll sich entschied. Denn der Physiker setzt auf sogenannte Hochtemperatur-Supraleiter als Treiber seiner Elektromagneten. In der Theorie ermöglichen es diese, mit weniger Kühlung stärkere elektromagnetische Felder aufzubauen, als es bei aktuellen MRTs der Fall ist. In der Praxis aber war die Herstellung solcher Hochtemperatur-Supraleiter kaum erprobt.
Trotzdem gelang es Röll, Investoren von seinem Start-up zu überzeugen, als er einen ersten Entwurf für ein MRT für Kleinkinder vorlegte. Es sollte dank seiner Technologie kleiner ausfallen als bisherige Geräte.
„Das war ein Nischenprodukt und auch kein strahlender Business-Case. Aber in Deutschland hat man das Glück, dass Investoren nicht immer auf die größte Marge aus sind so wie in den USA“, sagt Röll. Mit dem Forschungscampus der Uni Magdeburg und dem Land Sachsen-Anhalt kamen zwei weitere Geldgeber hinzu.
Und so schaffte es Neoscan tatsächlich, ein MRT-Gerät zu bauen, das eine ähnliche Leistung bot wie bisherige Geräte, aber deutlich leichter und transportabler war. „Etwas, das man eben auch auf einer Kinderstation problemlos aufstellen kann, ohne dass es einen Riesenraum braucht“, sagt Röll.
Kurz darauf kamen dann die Anfragen, die nach wie vor für Schlagzeilen in der Wissenschaftscommunity sorgen. Verschiedene Forschungseinrichtungen sahen Potenzial in Rölls neuem Ansatz und baten ihn, ein MRT-Gerät zu bauen, das es auf eine Leistung von 14 Tesla bringt.
Zum Vergleich: Aktuell liegen die leistungsstärksten MRTs bei einer magnetischen Flussdichte von 11,7 Tesla. Herkömmliche MRTs erreichen 1,5 bis 3 Tesla. Das Vorhaben würde die Leistung also in vollkommen neue Sphären katapultieren.
Doch dafür muss Rölls Team erst einmal Supermagnete aus Hochtemperatur-Supraleitern bauen. Diese speziellen Drähte sind allerdings sehr zerbrechlich. Röll ist dennoch vorsichtig optimistisch, dass es gelingen wird.
Die Finanzierung sei sicher, und man mache gute Fortschritte bei der Qualität der speziellen Drähte, sagt er. Am Ende könnte es also sein, dass wir genauer als je zuvor in das menschliche Hirn schauen können – dank eines Start-ups in Magdeburg.
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Bleiben Sie optimistisch!
Dieser Text ist zuerst am 17. Februar 2025 im Newsletter Handelsblatt Shift erschienen. Diesen und weitere Newsletter können Sie hier abonnieren.