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TrauerNicht loslassen, sondern verwandeln – Trauer als Quelle innerer Kraft

Die Gesellschaft fordert uns auf, Rückschläge als Herausforderungen zu sehen. Doch was, wenn wir einen einschneidenden Verlust erleiden? Unsere Kolumnistin rät, dem Schmerz Raum zu geben.Patricia Thielemann 08.11.2024 - 04:00 Uhr Artikel anhören
Kolumnistin Patricia Thielemann: „Trauer ist keine Phase, die es schnell zu durchlaufen gilt.“ Foto: Knieckrim, Getty Images

Berlin. Trauer durchzieht uns tief, wenn wir einen geliebten Menschen oder etwas Wertvolles in unserem Leben verlieren. Dabei bleibt es oft nicht bei einfachem Kummer – Trauer bringt auch Angst, Wut und Schuldgefühle mit sich.

Die Psychoanalytikerin Verena Kast beschreibt Trauer als einen schmerzhaften, aber auch notwendigen Entwicklungsprozess. Es ist ein Weg, der Geduld erfordert, uns aber allmählich zu einer Akzeptanz des Verlustes führt und uns hilft, eine neue, veränderte Beziehung zum Verstorbenen zu finden.

Dieser Prozess ist untrennbar mit der früheren Bindung zum Verstorbenen verbunden. Im langsamen Begreifen des Verlustes entdecken wir nach und nach eine neue Verbindung zu uns selbst und der Welt.

Der britische Theologe und Schriftsteller C.S. Lewis, der durch den Tod seiner Frau selbst tiefe Trauer erlebte, beschreibt es so: „Niemand hat mir je gesagt, dass das Gefühl der Trauer so sehr dem Gefühl der Angst gleicht.“ Und: „Zwischen mir und der Welt steht eine unsichtbare Wand.“ Die Rückkehr ins Leben erfolgt nur schrittweise und verlangt eine bewusste Entscheidung – „vorausgesetzt, dass man das will“.

Niemand muss alles in den Griff bekommen

Trauer ist eine der tiefsten Erfahrungen des Menschseins und weist uns auf die Zerbrechlichkeit des Lebens hin. Sie hinterlässt eine Narbe – eine stille Spur der Erinnerung und Verbundenheit, die uns zeigt, dass der Verstorbene auf andere, doch bleibende Weise in uns weiterlebt.

In einer Welt, die dem Machbarkeitswahn und der Entgrenzung erlegen ist, scheint für Trauer wenig Platz zu sein. Der Verlust eines geliebten Menschen wirkt wie ein leiser Widerstand gegen den Drang, alles in den Griff zu bekommen. Trauer entzieht sich unserem Willen und erinnert uns daran, dass nicht alles kontrollierbar ist und dass wir manchmal die Grenzen des Lebens anerkennen müssen.

Der Trauerforscher David Kessler sieht in der Trauer eine heilende Kraft, wenn wir ihr Zeit und Raum lassen. Sie will gespürt und gelebt werden, damit sich der Schmerz langsam verwandeln kann. So entsteht eine neue, bedeutungsvolle Verbindung – der Verstorbene wird Teil unseres inneren Fundaments, nicht als brennender Schmerz, sondern als stille Stärke.

Wie der Forscher William Worden beschreibt, besteht die erste Aufgabe der Trauer darin, den Verlust wirklich zu begreifen. Der Tod eines geliebten Menschen ist ein langer Prozess des Verstehens, der sich über Wochen und Monate erstreckt und uns schmerzvolle Konfrontationen mit der neuen Realität abverlangt. Fotos, Erinnerungen oder das Aufbewahren von Gegenständen des Verstorbenen helfen dabei, diese oft unbegreifliche Wirklichkeit allmählich zu akzeptieren.

Schmerz zulassen

Die zweite Aufgabe ist das Zulassen des Schmerzes. Trauer bedeutet, Gefühle wie Wut, Angst oder Einsamkeit zu spüren – und auch Momente der Dankbarkeit zu empfinden. Es gibt keinen „richtigen“ Weg zu trauern; jeder Mensch erlebt Trauer anders. Diese Aufgabe fordert uns auf, die volle Tiefe der Gefühle zuzulassen und zu durchleben.

Die dritte Aufgabe liegt in der Anpassung an eine Welt ohne den Verstorbenen. Neben äußeren Veränderungen erfordert dies auch eine Neuausrichtung der eigenen Identität und die Überprüfung bisheriger Überzeugungen.

Oft stellt sich die Frage, welche Rollen und Aufgaben der Verstorbene im eigenen Leben erfüllt hat und wie diese Lücken geschlossen oder neu gefüllt werden können. Es ist ein Prozess des Neuordnens, der Geduld und Offenheit für Veränderung verlangt.

Schließlich führt die vierte Aufgabe dazu, dem Verstorbenen einen neuen Platz im eigenen Leben zu geben – nicht im Loslassen, sondern in einer liebevollen, verwandelten Verbindung, die uns stärkt und den Verstorbenen auf andere Weise lebendig bleiben lässt.

Hilfreicher Blick auf Trauertraditionen

Der Blick auf andere Traditionen zeigt, wie die Würdigung der Verstorbenen eine tiefe, fortdauernde Verbindung schaffen kann. In vielen Kulturen wird der Tod als Teil des Lebens anerkannt und integriert. In Mexiko feiern die Menschen den „Día de los Muertos“ (Tag der Toten) mit Festen, Musik und farbenfrohen Altären, die den Verstorbenen ehren.

Papp-Opfergaben zum Dia de los Muertos in Mexiko: Kulturen setzen sich unterschiedlich mit dem Tod auseinander. Foto: Carlos Santiago/eyepix via ZUMA

Der Tod wird hier nicht als endgültiges Ende betrachtet, sondern als lebendige Verbindung. Auch das japanische O-Bon-Fest würdigt diese Verbundenheit, indem die Ahnen in einer feierlichen Zeremonie willkommen geheißen werden. Die Menschen entzünden Laternen, die den Geistern den Weg nach Hause weisen und zeigen, dass Trauer nicht isolieren muss, sondern eine starke, verbindende Kraft sein kann.

Wer trauernde Menschen begleitet, wird oft mit einem Gefühl der Sprachlosigkeit und Hilflosigkeit konfrontiert. Häufig fehlen die richtigen Worte, und der Begleiter steht dem tiefen Leid des anderen ratlos gegenüber.

Doch es sind gerade die kleinen Gesten – das aufmerksame Zuhören, eine Umarmung, die Einladung zu einem Spaziergang –, die Trost spenden. Das einfache Dasein vermittelt Trauernden, dass sie nicht allein sind.

Oft zeigt sich die Trauer auch körperlich: in hängenden Schultern, einem versteinerten Gesicht, einem Gefühl bleierner Schwere. Behutsame Bewegungen und ein achtsamer Atem können helfen, diesem Schmerz zu begegnen, ohne von ihm überwältigt zu werden. Ein sanftes Yoga-Programm schafft Raum, die Anspannung zu lösen und sich gehalten zu fühlen.

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„Im tiefen Ein- und Ausatmen den Zugang finden zu meinen Tränen, die Grundwasser meiner Seele sind“, schreibt der Theologe Pierre Stutz in einem Gedicht über die Trauer. In der Stille dieser Praxis kann die Trauer ihren Platz finden. Auch Gespräche mit Therapeuten oder der Austausch in Selbsthilfegruppen schenken in dieser Zeit wertvolle Begleitung und eine Atmosphäre des Vertrauens.

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Trauer ist keine Phase, die es schnell zu durchlaufen gilt. Sie ist ein Weg, den Verstorbenen auf neue Weise im Leben zu bewahren. Nicht das Loslassen steht im Vordergrund, sondern die Verwandlung des Schmerzes. In dieser Verwandlung liegt die Kraft, das Leben tiefer zu würdigen und die Menschen, die einen Platz in unserem Herzen haben, mit noch tieferer Achtsamkeit zu begegnen.

Patricia Thielemann ist Gründerin des Unternehmens Spirit Yoga. Für das Handelsblatt Wochenende schreibt sie alle 14 Tage über unsere mentale Gesundheit.

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