Verkehrswende: Kommt jetzt der Booster für die E-Mobilität?
Düsseldorf. Noch nie haben reine E-Modelle weltweit einen so hohen Anteil neu verkaufter Autos ausgemacht wie im dritten Quartal 2025. Das geht aus der regelmäßigen Analyse der Beratungsgesellschaft PwC für weltweit 40 Märkte hervor. Trotzdem läuft bei uns der Umstieg auf die E-Mobilität eher schleppend.
In meiner Shift-Ausgabe zum Thema E-Mobilität hatte ich Sie gefragt: Was halten Sie von vergünstigten Ladestrompreisen für Menschen mit niedrigerem Einkommen? Oder müssten wir über das Thema E-Mobilität ganz anders nachdenken? Diese Fragen bewegen offenbar viele Leserinnen und Leser, wie ich aus den E-Mails herauslese, die mich erreicht haben.
Für die zahlreichen Reaktionen und die daraus entstandenen Konversationen bedanke ich mich herzlich! Shift-Leser Axel Rech zum Beispiel hat mich darauf aufmerksam gemacht, dass das Verkehrsministerium mittlerweile einen Entwurf des „Masterplans Ladeinfrastruktur 2030“ veröffentlicht hat.
Dieser Plan soll die Ziele der Bundesregierung im Hinblick auf Ladeinfrastruktur konkretisieren. Dazu gehört unter anderem, es zu vereinfachen, Ladeinfrastruktur aufzubauen und das Fahren von E-Mobilen alltagspraktischer zu machen.
Nach Einschätzung meiner Kollegin Josefine Fokuhl, die sich in unserem Berliner Büro um das Thema Verkehrspolitik kümmert, setzt die Regierung an den richtigen Punkten an: weniger Bürokratie, schnellere Genehmigungen, bessere Netzanbindung. „Wird das konsequent umgesetzt, kann Deutschland beim Ausbau der Ladepunkte spürbar Tempo machen“, sagt sie.
Was allerdings fehle, sei Verbindlichkeit: „Ohne klare Fristen, messbare Ziele und gesicherte Finanzierung ist der Masterplan ein gutes Konzept auf dem Papier, aber kein echter Booster der Verkehrswende“, urteilt sie.
Zumindest beginnt das Konzept vielversprechend. Darin heißt es gleich am Anfang: „Wer elektrisch fährt, soll jederzeit technisch verlässliche Ladeangebote zu nachvollziehbaren Preisen vorfinden – egal wo, wann und wie schnell geladen wird.“
Preistransparenz und Zuverlässigkeit beim Laden
Bei dieser Zuverlässigkeit und der Preistransparenz hapert es offenbar, wie ich vielen E-Mails entnehmen kann. So berichtet Carlo F., dass zwar das Tesla-Supercharging immer sofort und automatisiert funktioniere, alle anderen Ladeversuche aber jedes Mal umständlich waren, viel Zeit kosteten oder am Ende gar nicht klappten. „Günstiger Ladestrom an zuverlässigen und einfach zugänglichen Ladestellen würde sehr viel ändern“, schreibt er.
Auch nach Einschätzung von Prof. Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management (CAM) in Bergisch Gladbach unterschätzen in der Debatte um E-Mobilität viele, wie relevant dieser Aspekt sei. „Wir haben nach wie vor Ausfallraten von teilweise an die zehn Prozent“, sagte mir der Autoexperte. „Das hört sich vielleicht wenig an, aber es ist schon relativ viel.“
Ob kaputter Stecker oder missglückter Bezahlvorgang, den Kundinnen und Kunden ist es egal, warum die Ladung scheitere. Sie wollten, dass die Systeme funktionieren. Als Voraussetzung dafür, dass die E-Auto-Akzeptanz zunimmt, sagt Bratzel:
Der Autoexperte hatte sich in meiner vorigen Ausgabe außerdem für eine Art Sozialtarif an Ladesäulen ausgesprochen, um Menschen mit niedrigerem Einkommen den Zugang zur E-Mobilität zu erleichtern. Shift-Leser Gerd Müller hält von dem Vorschlag wenig: „Er lädt zu Missbrauch und Missgunst ein.“ Für Leser Axel Rech und etliche andere sind hohe Strompreise allerdings die Haupthürde für mehr E-Autos.
Auch die Monopolkommission bemängelte jüngst: Es gebe zu wenig Wettbewerb zwischen den Betreibern der Ladesäulen. Das schade der Transparenz und mache Autostrom teurer, als er eigentlich sein müsste.
Exemplarisch hier eine Preisübersicht von Carlo F.: In Nordspanien und Südfrankreich habe er an Ostern 33 Cent je Kilowattstunde (kWh) und weniger bezahlt. Bei uns sei man mit 44 Cent bei Tesla gut bedient, außerhalb des Tesla-Systems aber gleich bei 55 bis 60 Cent. Zu Hause könne er zu 28 oder 16 Cent laden, wenn es der eigene Photovoltaikstrom ist.
Den haben eben nicht alle, die sich für ein E-Auto interessieren könnten, mich eingeschlossen. Der Masterplan bleibt da leider sehr vage und verspricht nur, den Bedarf derjenigen zu „berücksichtigen“, die im öffentlichen Raum laden müssen.
Preisvorgaben für Ladestrom?
Shift-Leser Robert Zimmermann schrieb sogar: Um die Bereitschaft zur Elektromobilität zu erhöhen, sollte seiner Meinung nach der Ladestrompreis an den E-Säulen staatlich festgelegt werden. Einen staatlichen Eingriff in etwas, das durchaus der Markt regeln könnte, finde ich persönlich bedenklich.
Mehr kann ich daher der Idee von Ludwig Meixner abgewinnen: „Neben der gut ausgebauten Ladeinfrastruktur fände ich es wichtig, dass man, wie beim Kauf von Benzin und Diesel, am Ladepunkt sofort sieht, welcher Preis für die kWh berechnet wird.“ Schön wäre es ja: Wenn es zu teuer ist, wartet man oder lädt woanders.
Ob das Wirklichkeit werden kann, ist zweifelhaft. Denn im Masterplan-Entwurf des Verkehrsministeriums ist die Rede von einer „Preistransparenzstelle für Ad-hoc-Preise“. Diese solle „die Integration dieser Daten unter anderem in Apps und Navigationssysteme für Endverbraucher“ ermöglichen.
Unsere Verkehrspolitik-Expertin Josefine Fokuhl ordnet das so ein: „Die Idee ist grundsätzlich sinnvoll, denn Preistransparenz war bislang eine der größten Schwachstellen der Ladeinfrastruktur.“ Doch auch an diesem Punkt fehle es bislang an Verbindlichkeit: „Noch ist unklar, wann die angekündigte Preistransparenzstelle tatsächlich kommt und welche Daten sie erfassen soll“, erläutert sie.
Was E-Mobilität außerdem fördern könnte
Laden müsse so einfach werden wie Tanken, fordert unser Leser Axel Rech, der zugleich anmerkt, dass es „gefühlt“ 200 verschiedene Bezahl- und Abrechnungssysteme fürs Stromtanken gibt. Im Entwurf für den Masterplan heißt es zumindest bislang: „Auch beim Bezahlen und der Abrechnung soll Laden nicht komplizierter sein als Tanken.“
Die Regierungskoalition will den E-Auto-Kauf gezielt fördern, das hat sie vor ein paar Wochen bekräftigt. Unklar ist allerdings, ob das über eine Prämie beim Autokauf, Steuervorteile oder vergünstigtes Leasing passieren soll. Shift-Leser Hubert Hafenmayer schreibt: „Weitere Subventionen für E-Automobile sind meiner Meinung nach nicht richtig.“
Leser Michael Tronser hat eine andere Idee, die ich interessant finde: Einführung eines generellen Tempolimits von 130 km/h auf Autobahnen, davon ausgenommen 100-prozentige Elektroautos. Ob das durchsetzbar wäre? Im Masterplan-Entwurf steht nur:
Anfang Dezember fällt in Brüssel übrigens die Entscheidung, ob es beim geplanten Verbrenner-Aus bleibt. Vorgesehen ist bislang, dass in der EU ab 2035 nur noch Fahrzeuge neu zugelassen werden, die keinerlei CO₂ ausstoßen – ein faktisches Aus für Diesel und Benziner.
Beim sogenannten strategischen Dialog der EU-Kommission für die Automobilindustrie wird sich daher in Kürze zeigen, ob es dabei bleibt. Die PwC-Berater allerdings gehen davon, dass es spätestens 2035 wahrscheinlich für die Mehrheit der Autokäufer und -käuferinnen selbstverständlich sein wird, Elektroautos zu erwerben.
Bis es so weit ist, verabschiede ich mich mit den optimistischen Zeilen einer weiteren Leserin: „Wenn die Technologie gut ist, wird sie sich durchsetzen, auch ohne Verbrennerverbot“, schreibt sie. „Als das Automobil erfunden wurde, hat es sich auch durchgesetzt, ohne dass Pferde verboten wurden.“
Dieser Text ist zuerst am 10. November 2025 im Newsletter Handelsblatt Shift erschienen. Den Newsletter können Sie hier abonnieren.