Kommentar: So sieht der „Big Quit“ auf dem deutschen Arbeitsmarkt aus
Ist Deutschland auf dem Weg in die Servicewüste?
Foto: dpaDie Pandemie wirkt in mehrfacher Hinsicht wie ein Katalysator, beispielsweise für die Digitalisierung, die Neuaufstellung der Lieferketten – und auch für den Arbeitsmarkt. In den USA hat Corona einen Trend beschleunigt, den es schon vor Ausbruch der Seuche gab: den „Big Quit“.
Arbeitnehmer kündigen massenhaft ihre Jobs, weil sie mit Arbeitsbedingungen und Löhnen unzufrieden sind, sich anderswo bessere Perspektiven bieten oder sie sich schlicht eine erfüllendere Tätigkeit erhoffen.
Deutschland ist eine solche durch Corona getriebene „Massenflucht“ auf dem Arbeitsmarkt zumindest im großen Stil erspart geblieben. Denn das Gros der Beschäftigten war dank des Instruments der Kurzarbeit nicht gezwungen, sich in der Krise neu zu orientieren.
Arbeitsmarkt: Kündigungen vor allem im Servicebereich
Und doch gibt es auch hierzulande Anzeichen für einen „Big Quit“. Sie lassen sich an den Eingängen von Restaurants finden, wo Tafeln auf verkürzte Öffnungszeiten wegen Personalmangels hinweisen.
Oder in den ausgedünnten Sommerflugplänen von Lufthansa, Easyjet und Co., die wegen fehlender Kabinenbesatzungen oder Vorfeldmitarbeiter reihenweise Verbindungen streichen. Oder in Pflegeheimen, die keine neuen Bewohner mehr aufnehmen, weil niemand da ist, der sich um sie kümmern kann.
Der „Big Quit“ zeigt sich bei einfachen Tätigkeiten im Servicesektor, wo oft mäßige Bezahlung, unattraktive Arbeitszeiten und eine hohe körperliche oder psychische Belastung zusammenkommen. Da der Arbeitsmarkt weitgehend leer gefegt ist, haben viele Menschen, die vor Corona in diesen Jobs gearbeitet haben, die Krise als Chance genutzt, sich umorientiert und etwas Besseres gefunden.
„Big Quit“: Kündigungen entgegenwirken – und einfache Tätigkeiten aufwerten
Rasche Auswege aus der Misere gibt es nicht. Die Arbeitslosigkeit ist niedrig, das Reservoir an zusätzlichen Arbeitskräften also dünn. Das Automatisierungspotenzial ist begrenzt, der Online-Check-in beim Fliegen gehört zwar zum Alltag, der Serviceroboter im Restaurant oder Pflegeheim eher noch nicht. Auch qualifizierte Einwanderer werden sich dreimal überlegen, ob sie einen Job in der Gastronomie oder am Flughafen annehmen, solange sich bessere Alternativen bieten.
Es führt also kein Weg daran vorbei, auch einfachere Tätigkeiten aufzuwerten, etwa durch Tarifverträge, die neben einer fairen Entlohnung auch vernünftige Arbeitsbedingungen regeln. An der Arbeitgeberattraktivität wird sich entscheiden, ob es auch für einfachere Tätigkeiten künftig noch genug Personal gibt – oder ob der „Big Quit“ das Zeug hat, Deutschland irgendwann in eine Servicewüste zu verwandeln.
Erstpublikation: 13.06.22 um 04:10 Uhr.