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Gastkommentar Carmine Di Noia: Europa braucht die Kapitalmarktunion für den wirtschaftlichen Wiederaufbau

Die Europäische Union will einen einheitlichen Kapitalmarkt schaffen – zum Nutzen von Sparern, Investoren und Unternehmen. Dabei sind drei Punkte besonders wichtig.
29.11.2020 - 15:25 Uhr Kommentieren
Der Autor ist Kommissar der italienischen Börsenaufsicht Consob und Vorsitzender des Ausschusses für Wirtschafts- und Marktanalysen der europäischen Wertpapieraufsicht, Esma.
Carmine Di Noia

Der Autor ist Kommissar der italienischen Börsenaufsicht Consob und Vorsitzender des Ausschusses für Wirtschafts- und Marktanalysen der europäischen Wertpapieraufsicht, Esma.

Die Kapitalmarktunion (CMU) ist der ehrgeizige Plan der EU, einen gemeinsamen Markt für Kapital zu schaffen. Das Ziel ist es, dass sich Ersparnisse und Investitionen in der EU frei bewegen können und so Konsumenten, Investoren und Unternehmen davon profitieren, egal, wo sie angesiedelt sind.

Die Kapitalmarktunion ist für die EU essenziell, um ihre politischen Ziele einer nachhaltigen Entwicklung, digitalen Führerschaft und Innovation zu erreichen. Aber die Kapitalmarktunion ist noch viel wichtiger vor dem Hintergrund der wirtschaftlichen Erholung von der Covid-19-Krise: Wir müssen Kapital in substanzieller Höhe aus der EU und von außerhalb der EU anziehen. Dafür sind drei Dinge wichtig:

  1. Die Teilnahme der Privatanleger am Kapitalmarkt muss steigen – bei gleichzeitiger Beibehaltung eines angemessenen Niveaus des Investorenschutzes. Eine notwendige Bedingung, um die Zahl der Investoren zu erhöhen, ist der Zugang zu einfachen und verständlichen Finanzinstrumenten.

    Es gibt bereits in vielen Ländern Programme zur finanziellen Bildung, die recht effizient sind. Aber zusätzliche Maßnahmen vonseiten der EU-Institutionen wären sicherlich hilfreich. Es ist wichtig, eine neue europäische Aktienkultur zu fördern, einschließlich der Entwicklung echter paneuropäischer Angebote wie der Europarente (PEPP).

    Eine bessere Vergleichbarkeit der Informationen über Kosten und Renditeentwicklung der verschiedenen Finanzprodukte ist ebenso notwendig. Außerdem werden qualifizierte Berater benötigt. Gleichzeitig sollte es klar sein, dass das Ziel, die Investoren zu schützen, nicht darin bestehen kann, sie zu beeinflussen und von ihren Entscheidungen abzuhalten: Überregulierungen könnten kontraproduktive Konsequenzen haben.

  2. Investoren könnten es nützlich finden, einen einzigen (digitalen) Ort zu haben, wo sie finanzielle und nichtfinanzielle Informationen über Unternehmen bekommen, in die sie investieren möchten – und auch einen Ort, wo sie die Marktpreise dieser Unternehmen prüfen können.

    Nichts davon erfährt man vom Markt selbst, daher ist öffentliche Unterstützung notwendig. Die Schaffung eines einheitlichen EU-Zugangsorts für finanzielle und nachhaltigkeitsrelevante Informationen über Unternehmen ist hochwillkommen. Dieser Ort muss vergleichbare und standardisierte Informationen in digitalem Format enthalten.

  3. Wir brauchen Verhältnismäßigkeit bei Regulierung und Aufsicht. Unternehmen beginnen klein und werden groß. Wir brauchen Vereinfachungen, Harmonisierungen und Kodifizierungen der Regeltexte auf EU-Ebene. Außerdem müssen wir zum Nutzen der Marktteilnehmer mehr Klarheit schaffen.

    Gleichzeitig muss eine effizientere Konvergenz der Aufsichtspraktiken erreicht werden. Ein integrierteres System der Kapitalmarktaufsicht wäre nützlich. Es ist zu früh, um einen einzigen Aufseher auf EU-Level zu haben, aber es ist auch zu spät, um die Aufsicht nur auf nationaler Ebene zu haben.

    Wir müssen auf das Szenario vorbereitet sein, dass zunehmend wichtige Finanztransaktionen auf EU-Ebene überwacht werden, beruhend auf Kriterien wie Größe, transnationalen Aktivitäten, Groß- oder Kleinanleger oder grenzübergreifenden Ansteckungsrisiken.

Nachdem der Aktionsplan für die Kapitalmarktunion 2015 von der EU-Kommission präsentiert worden war, gab es zwei Brüche: Brexit und Covid-19. Aber ich glaube, dass beides Herausforderungen sind, die die Notwenigkeit der Kapitalmarktunion nur bestärken.

Der Brexit bringt einen dramatischen Wandel, denn der größte europäische Finanzmarkt verlässt die EU; gleichzeitig ist das eine Gelegenheit, um die EU-Dimension der Markt-Infrastrukturen, der Vermittler und der Investoren zu stärken.

Covid-19 birgt einen weiteren dramatischen Wechsel. Wir haben einen außerordentlichen Zusammenbruch der Märkte gesehen – und eine Umgestaltung. Dennoch gibt es Gelegenheiten in Bezug auf Angebot (die niemals vorher da gewesene Summe an Finanzmitteln, die von der Fiskal- und Geldpolitik zur Verfügung gestellt wurde) und Nachfrage (Unternehmen werden Refinanzierungen brauchen, um ihre Verschuldung auszugleichen).

Ich glaube, dass die Kapitalmarktunion nicht ohne einen Anstoß von höchster EU-Ebene kommen wird, von der Kommission, dem Parlament und dem Europäischen Rat, ebenso wie von der Europäischen Zentralbank und den europäischen Aufsichtsbehörden.

Der neue CMU-Aktionsplan der EU, der im September veröffentlicht wurde, ist mehr als willkommen. Das Europaparlament und sein Wirtschafts- und Finanzausschuss bringen Klarheit darüber, was erreicht werden kann.

Wir brauchen einen abgestimmten Plan, möglichst zum Treffen der Wirtschafts- und Finanzminister (Ecofin-Rat) am 1. Dezember, der einen verbindlichen Zeitplan und rigorose Kontrollmöglichkeiten enthält. Wenn es erst einmal losgeht, werden Abkommen gemacht, und es wird wachsendes Vertrauen geben.

Mehr: Lesen Sie hier, warum Europapolitiker die EU vor Eingriffe in die Kreditvergabe warnen.

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