Handelsblatt-Debatte: Ist Gas aus Katar moralisch vertretbarer als welches aus Russland?
Der Bundeswirtschaftsminister hatte Katar im März besucht und anschließend von einer Energiepartnerschaft berichtet.
Foto: dpaÖl war schon immer eine schmutzige Angelegenheit. Zumindest an dem russischen will Europa sich nicht weiter die Finger dreckig machen und nun Putins Gas und Öl ersetzen. Anstatt sich nach alternativen Energiequellen umzusehen, sucht Grünen-Politiker Robert Habeck jedoch alternative Zulieferer. Der „Türöffner“ für eine langfristige Energiepartnerschaft mit Katar will der Bundeswirtschaftsminister sein. Doch ist Flüssiggas aus Katar moralisch vertretbarer als das Gas aus Russland?
Eine Frage, die auch die Handelsblatt-Leserschaft sehr beschäftigt. Es sei eine „Auswahl zwischen Pest und Cholera“, schreibt ein Leser. Und trotz allem führe kein Weg daran vorbei. Andere glauben, dass die Leidensbereitschaft der Bevölkerung groß genug sei, um sich unabhängig zu sparen. Bei einem Handelsblatt-Leser kommt sogar die Hoffnung auf, dass durch den Handel mit Ländern im Nahen Osten dort eine neue Mittelschicht entstehe.
Aus den unterschiedlichen Zuschriften der Handelsblatt-Leserschaft haben wir hier für Sie eine Auswahl zusammengestellt.
Nicht von Allmachtsfantasien getrieben
„Ja, es macht Sinn, dass Europa seine Energiezufuhr mit Katar, Saudi-Arabien und den Vereinigten Arabischen Emiraten sichert.
Diese alternativen Lieferanten sind im geopolitischen Sinn nicht getrieben von Allmachtsfantasien wie Russland und daher einschätzbar.
Moralische Gedanken wie beispielsweise diejenigen zu den Menschenrechten sind notwendig, aber nicht ausschließlich auf unseren europäischen Vorstellungen basierend zu betrachten.
Denn sollten europäische Idealvorstellungen zu moralischen Fragen handlungsentscheidend sein, dann ist der gesamte internationale Handels- und Warenverkehr infrage zu stellen.
Lösungen für moralische Fragestellungen sind unabhängig von wirtschaftlichen Aspekten zu suchen, denn es gibt kein Primat der internationalen Ökonomie über politische und gesellschaftliche Herausforderungen.“
Erich Steiner
Die Leidensbereitschaft der Bevölkerung ist groß
„Ich bin absolut der Meinung, dass die Einsparungsmöglichkeiten und die grundsätzliche Leidensbereitschaft der Bevölkerung da sind, den überfälligen Schritt zum totalen Boykott der Energielieferungen von Russland jetzt vorzunehmen.
Die Industrie muss sich zu Einsparungen von fünf bis zehn Prozent verpflichten, die Versorger müssen Endverbrauchern massive Hinweise geben, wie gespart werden kann, der Pendler muss in den öffentlichen Nahverkehr umsteigen, die Temperaturen in den Haushalten müssen einfach um drei Grad gesenkt werden.
Die AKWs müssen temporär wieder ans Netz, nicht weitere Kohlekraftwerke. Dann können wir die Krise nutzen, nicht nur weiter an den Klimazielen zu arbeiten, sondern das auch einfacher umzusetzen, da der Verbrauch (von dem aktuellen perfekten Wohlfühlniveau) gleichzeitig auf ein nachhaltigeres sinkt.“
Andre Peto
Net schwetze, mache!
„Wir gehören alle, absolut alle zur Generation der vollen Teller. Ich möchte ungern erfahren, wie wir als Volk reagieren, wenn sie auf einmal nicht mehr gefüllt sein werden. Europa, nur Europa ist die Lösung. Nicht die USA, China oder Russland. Wir sind die Lösung. Wie sagt ein altes hessisches Sprichwort: ‚Net schwetze, mache!‘“
Andreas Viktor
Willkommen in der Realität
„Das ist die Auswahl zwischen Pest und Cholera. Aber das ist die Realität! Wir Deutschen müssen aufhören, uns die Welt rosa zu malen. Die Welt ist, wie sie ist. Und wir müssen damit leben.
Wie, das zeigt ausgerechnet der grüne Wirtschaftsminister, der Kohle propagiert und Gas in Katar einkauft. Willkommen in der Realität!
Wir werden in 2023 die Energiewende nicht geschafft haben und benötigen dafür aus irgendeiner Quelle Energie. Wenn es nicht Russland sein soll.
Belgien hat erst am Wochenende die Laufzeit der Atomkraftwerke um zehn Jahre verlängert ...“
Jürgen Lochner
Das kann sich Europa nicht gefallen lassen
„Es geht nicht darum, ob man mit totalitären Staatsformen Handel treibt, sondern darum, dass Putin ein europäisches Land verwüstet, mordet, lügt. Das kann sich Europa nicht gefallen lassen. Unsere einzig mögliche Antwort darauf, ohne einen Weltkrieg auszulösen, ist ein totales Wirtschaftsembargo, auch, wenn es wehtut.“
Uwe Palecki
Wir sollten unsere eigene Energie erzeugen!
„Autokratische Regierungen, egal ob in Russland, China oder dem Mittleren Osten, sind keine verlässlichen Handelspartner, Abhängigkeiten sind daher zwingend zu vermeiden!
Wir sollten unsere eigene Energie erzeugen! Erneuerbare Energien genauso wie saubere und sichere Atomkraft! Alles, was in unserer eigenen Kontrolle ist! Wir sollten demokratisch gewählten, westlichen Ländern vertrauen, aber niemand sonst!“
Thomas Dollhopf
Suspekter als Russland
„Aktuell finde ich das Bemühen von Herrn Habeck lobenswert, unsere Abhängigkeiten zu verteilen. Auf lange Sicht sind mir die Golfstaaten suspekter als Russland, wo eine realistische Chance besteht, dass nach Putin wieder europäische Werte eine Chance haben.
Die sehe ich in den Golfstaaten nicht. Europa muss wieder den Kontakt zu Russland finden, damit es nicht in Richtung China abdriftet, das ist für mich das schlimmste Szenario.“
Hans Reischl
Auf eigenen Füßen stehen
„Flüssiggas aus Katar, den VAE und Saudi-Arabien sind aktuell das kleinere Übel, aber keinesfalls die Lösung der Energieprobleme! Deutschland und Europa sollten alles daransetzen, sowohl energiepolitisch als auch sicherheitspolitisch auf eigenen Füßen zu stehen. Man stelle sich nur vor, dass möglicherweise 2024 Trump oder ein Trumpist amerikanischer Präsident wird.“
Heribert Burdick
Merkels Strategie 2.0
„Merkels Strategie, Russland durch Handel einzubinden und eine positive Entwicklung in Russland dadurch zu unterstützen, dass sich eine gebildete und international vernetzte und wirtschaftlich starke Mittelschicht entwickelt, ist zwar (vorerst) gescheitert – aber nicht, weil die Strategie schlecht oder falsch war, sondern weil Putin ‚schlecht‘ ist.
Putin steht da in einer Linie mit anderen ‚großen‘ Staatslenkern und Mördern des 20. Jahrhunderts.
Europa muss zusammenwachsen, es muss sich um seine Energie und Rohstoffe Gedanken machen. Und wenn die Länder in Nordafrika und im Nahen Osten grünen Wasserstoff nach Europa liefern können und sich damit dort eine wirtschaftlich starke Mittelschicht entwickeln kann, dann wäre dies eine Entwicklung hin zu wirtschaftlichem Wettbewerb und weg von staatlichen Diktaturen.
Also ‚Ja‘ zu Merkels Strategie, aber diesmal mit einer Vielzahl von untereinander konkurrierenden Ländern, sodass Europa nicht wieder erpressbar wird.“
Prof. Dr. med. Justus Müller
Energiezufuhr demokratisieren
„Als langjähriger Energy-Banker würde ich empfehlen, dass die Regierung und Privatwirtschaft für die kurz- bis mittelfristige Energiesicherheit opportunistisch auf den Weltmärkten agieren sollten, anstatt neue, langfristige Energiepartnerschaften mit demokratiefeindlichen Regimen einzugehen.
Deutschland als Industrienation wird auch zukünftig von (grünen) Energieimporten abhängen, aber der Wind bläst und die Sonne scheint glücklicherweise besonders kräftig von Feuerland, Texas, Spanien und der Nordsee bis Australien. Eine große Chance, die Energiezufuhr perspektivisch zu demokratisieren – und wir sollten heute damit anfangen.“
Christoph Fischer
Im Kalten wie im heißen Krieg
„Ohne Zweifel sollten wir die Energiequellen geordnet diversifizieren und uns dabei nicht in hohem Maße von (wieder) anderen, einzelnen Lieferanten abhängig machen. Wir sollten weiter russisches Gas importieren, das hat jahrzehntelang im Kalten und jetzt auch im heißen Krieg zuverlässig funktioniert, und die Infrastruktur ist vorhanden und leistungsfähig.
Durch einen Stopp der Gaslieferungen schaden wir temporär Russland, aber die Kriegsmaschinerie (Militär, Rüstungsbetriebe) wird in Rubel finanziert, und aufgrund der extrem niedrigen Staatsverschuldung von 16 Prozent kann die Zentralbank riesige Mengen davon schöpfen.
Wir sollten es vermeiden, dreckiges Fracking-Gas aus den USA mit umweltschädlichen Tankschiffen über Ozeane zu verschiffen.
Und wir sollten daran denken, dass Russland die andere Hälfte Europas ausmacht und wir ganz am Ende eine langfristige Partnerschaft mit diesem Land brauchen.“
Wolfram Apitzsch
Ethisch nicht besser
„Derzeit gibt es keine schnellere Lösung, sich von russischer Energie unabhängiger zu machen, als sich alternative Zulieferer zu sichern. Die Alternativen sind ethisch nicht besser, wobei mit diesen Ländern wie Saudi-Arabien und anderen Petro-Ländern bereits wirtschaftliche Beziehungen bestehen. Ein Ausbau der erneuerbaren Energien wirkt daher unumgänglich, kostet aber Zeit und Geld.
Im Vergleich zu den fossilen Rohstoffen ist bereits der Abbau von Kobalt, Lithium und Nickel klimaschädlich und zerstört ganze Regionen. Außerdem liegen die Vorkommen im Wesentlichen in Ländern, die ebenfalls nicht europäischem Standard entsprechen. Die Chancen, die sich aus dem Ausbau der erneuerbaren Energien ergeben, sind jedoch noch nicht ausreichend erschlossen, sodass hier durch einen konsequenten Wechsel der Politik und der Gesellschaft der Fokus darauf gerichtet werden kann, in diesem Feld effizienter zu werden.“
Jahir Kryeziu
Gasbezug schrittweise reduzieren
„Ich würde das eine tun und das andere nicht lassen: Statt Fracking-LNG per Tanker aus den USA an nicht vorhandene Terminals zu bestellen, würde ich in Deutschland/Europa begrenzt Fracking zulassen. Auch Gas aus Katar ist nicht böse, solange dort keine neue Abhängigkeit entsteht. Den russischen Gasbezug würde ich schrittweise reduzieren. Den Wasserstoffgehalt im Gas würde ich mit Offshore-Windparks erhöhen, um weniger Gas kaufen zu müssen. Und natürlich würde ich schnell Stromtrassen bauen und massiv Solardächer fördern.“
Josef Westermann
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