Kommentar: Annalena Baerbock muss auch mit US-Republikanern verhandeln

Auch den Trump-Fans zuhören.
Foto: IMAGO/photothekWenn Außenministerin Annalena Baerbock in dieser Woche durch die USA reist, gibt sie einem einzigen amerikanischen Fernsehsender ein Interview. Ihren großen Auftritt hat sie ausgerechnet bei Fox News, dem Bewegtbildzentrum für Populismus und Verschwörungstheorien von rechts.
Eine kluge Entscheidung. Schließlich erreicht Fox News fast die Hälfte der amerikanischen Erwachsenen und über 60 Prozent der republikanischen Anhänger. Jeder deutsche Spitzenpolitiker sollte sich darum bemühen, einmal bei Fox News auf Sendung gehen zu können.
Keine Berührungsängste, das muss mehr denn je im anstehenden US-Präsidentschaftswahlkampf gelten. Gerade Deutschland hat in dieser Hinsicht Nachholbedarf. Denn viel zu häufig fliegen Bundesminister nach Washington, reihen Jetlag-Termine mit Ministern, Denkfabriken und im Kongress aneinander und fliegen wieder nach Hause.
Baerbock hingegen besuchte vor ihrem Stopp in der US-Hauptstadt – die zu Recht als Bubble ohne Realitätsbezug zum echten Amerika verrufen ist – noch den Bundesstaat Texas. Dort traf sie sich unter anderem mit dem republikanischen Gouverneur Greg Abbott, einem Trump-Verbündeten, der ideologisch wenig mit der Grünen gemein hat.
Es ist nicht nur akzeptabel, sondern es ist strategisch notwendig, mit republikanischen Spitzenpolitikern das Gespräch zu suchen: um zu verstehen, was sie politisch antreibt – und warum sie bei ihren Wählern damit erfolgreich sind.
Deutschland kommt an den Republikanern nicht vorbei
Deutschland kommt an den US-Republikanern, so sehr sie sich auch radikalisiert haben, ohnehin nicht vorbei. Mehr als die Hälfte der 50 amerikanischen Bundesstaaten wird republikanisch regiert, viele von ihnen sind wirtschaftliche Power-Houses der USA.
Wer die USA spüren will, muss raus aus der parteipolitischen Komfortzone. Denn die Kluft zwischen dem demokratischen und dem republikanischen Amerika wird immer größer, blaue Regionen werden blauer, rote Regionen röter. Zwei unvereinbare Visionen über die gesellschaftspolitische Identität der USA konkurrieren miteinander, unversöhnlich und aggressiv. Die Aufgabe deutscher Politiker muss es sein, beide Seiten zu erfassen, ohne Berührungsängste.
Was passiert, wenn man das nicht macht, zeigt die Zeit rund um die US-Wahlen 2016. Es war Ignoranz, die dazu führte, dass die Bundesregierung damals von der Trump-Wahl kalt erwischt wurde. Sieben Jahre später muss sich Deutschland darauf einstellen, dass es womöglich ein Trump-Déjà-vu im Weißen Haus geben könnte. Es ist durchaus denkbar, dass die Demokraten die Präsidentschaftswahlen 2024 verlieren.
Wahr ist: Noch gibt es eine robuste Mehrheit in den USA, die die Trump-Ära als Bedrohung sieht. Wahr ist aber auch: Die US-Demokraten haben in fast allen ihrer Kernzielgruppen an Unterstützung verloren.
Keine Umfrage der Welt kann vorhersagen, wie die Präsidentschaftswahlen ausgehen werden. Sicher ist nur, dass Deutschland von den USA abhängig ist: wirtschaftlich, sicherheitspolitisch, kulturell. Will man sich auf alle Eventualitäten vorbereiten, muss man sich mit der ganzen Bandbreite des politischen Spektrums auseinandersetzen.