Kommentar: Biontechs Milliardendeal sendet ein Signal des Aufbruchs

Wenn ein amerikanisches Unternehmen bis zu 11,1 Milliarden Dollar zahlt, um ein Krebsmedikament der deutschen Biontech mitentwickeln zu dürfen, dann zeigt das erst einmal eines: wie viel Potenzial in dem Mainzer Unternehmen steckt.
Der Deal ist partnerschaftlich. Biontech und Bristol-Myers Squibb (BMS) teilen sich alles je zur Hälfte: die Entwicklungskosten, das Risiko, dass der Kandidat noch scheitert, und – wenn das Medikament es auf den Markt schafft – auch die Gewinne.
Für Biontech stellt das eine große Chance dar: Das Unternehmen bekommt Cash – 1,5 Milliarden Dollar an Vorabzahlungen und bis 2028 jährlich zusätzlich insgesamt zwei Milliarden Dollar. Plus 7,6 Milliarden Dollar, die an Meilensteine gekoppelt sind. Damit können sie weit mehr Studien durchführen als geplant und ihre anderen Medikamentenkandidaten weiter erforschen. Denn der bispezifische Antikörper soll das Schlüsselmedikament für Biontechs Kombinationstherapien werden.
Hoffnung für Deutschland
Doch die Bedeutung des Deals geht weit über das Mainzer Unternehmen hinaus. Nach dem Erfolg mit dem Corona-Impfstoff, bei dem Biontech schon mal einen großen amerikanischen Partner anzog (Pfizer) und der zu Hochzeiten (2021) knappe 19 Milliarden Dollar Umsatz bescherte, wird Biontech bereits zum zweiten Mal in seiner 17-jährigen Unternehmensgeschichte zum Hoffnungssymbol der deutschen Wirtschaft. Denn Biontech setzt ein Zeichen dafür, dass Deutschland im Bereich künftiger Schlüsseltechnologien innovationsstark sein kann. Und Pharma und Biotechnologien gehören ohne Zweifel dazu.
Es geht darum, die Abhängigkeit der deutschen Volkswirtschaft von der Autoindustrie zu verringern. Die Branche befindet sich im Umbruch, und derzeit gibt es wenig Anzeichen dafür, dass die deutsche Autoindustrie im Bereich Elektromobilität die globale Führung übernimmt. Die deutsche Wirtschaft muss sich breiter aufstellen, Schlüsselindustrien wie Pharma und Biotech entwickeln.
Der Weg ist noch weit
Das ist alles andere als trivial. In absoluten Zahlen reicht die Pharma- und Biotech-Industrie bei Weitem nicht an die Autoindustrie heran. 2024 setzte sie 59,3 Milliarden Euro um – während die deutsche Autoindustrie auf das Zehnfache kam.
Doch schaut man auf die Bruttowertschöpfung pro Beschäftigtem, liegt sie mit 210.100 Euro deutlich vor dem Fahrzeugbau mit 151.410 Euro. Während die Beschäftigtenzahl in der Autobranche zwischen 2020 und 2024 um 4,5 Prozent sank, stieg sie in der Pharmabranche um 15,5 Prozent.
Vieles hängt auch von der Politik ab
Damit Pharma und Biotech ihr Wachstum beschleunigen können, kommt es nicht zuletzt auch auf die Politik an. Forschende Pharmaunternehmen monieren immer wieder zu Recht, dass sie hierzulande zu schlecht auf Forschungsdaten zugreifen können und klinische Studien erschwert werden. Die Leitplanken bei der Erstattung von Arzneimitteln, die die Preise drücken, bezeichnen sie als „innovationsfeindlich“.
Die Preise müssen sie sowieso mit den Kassen verhandeln. Mit Marktwirtschaft hat das wenig zu tun, in der Autoindustrie herrscht hier Freiheit, der Markt entscheidet über die Preissetzung.
Fest steht: Wenn die Politik es schafft, faire und wettbewerbsfähige Rahmenbedingungen zu setzen, ist das Potenzial grenzenlos. Dann können sich endlich die oft bemühten Cluster bilden, dann kann Deutschland die Schlagkraft entwickeln, um auf dem Pharma- und Biotech-Markt in Zukunft ganz vorn mitzuspielen.
Und noch ein weiterer Aspekt ist wichtig: Langfristig kommt es vor allem auf die Grundlagenforschung an und darauf, die in die Anwendung zu bringen. Hier kann die Förderung vonseiten des Staats nicht groß genug sein, weil alle Zukunftsbranchen am Ende profitieren. Die Forschung bildet schließlich das Fundament, auf dem Firmen wie Biontech gedeihen können – und die letztlich solche Elf-Milliarden-Deals im internationalen Umfeld möglich machen. Der große Gewinner ist die gesamte Volkswirtschaft.