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Kommentar – Der ChefökonomChina ist ein Zukunftsmarkt mit Verfallsdatum

Das Streben der chinesischen Regierung, das Land an die wirtschaftliche Weltspitze zu bringen, hat vielen deutschen Unternehmen satte Gewinne beschert. Doch auch Chinas Aufschwung hält nicht ewig. Zeit zum Umsteuern!Bert Rürup 11.08.2023 - 04:10 Uhr
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Ein großer Teil des Vermögens in China basiert auf Immobilien, die im internationalen Vergleich extrem hoch bewertet sind.

Foto: dpa

Die Wohlstandsgewinne Deutschlands der vergangenen Jahrzehnte sind eng mit dem ökonomischen Aufstieg Chinas verknüpft. Das Land erlebte nach den von Deng Xiaoping in den 1980er-Jahren eingeleiteten Reformen ein Wirtschaftswunder. Aus dem bettelarmen Agrarstaat wurde eine führende Industrienation. Innerhalb eines halben Jahrhunderts vervierzigfachte sich die Wirtschaftsleistung pro Kopf.

Die Versorgung der Welt mit Konsumgütern und günstiger Elektronik bescherte vielen Chinesen einen bescheidenen Wohlstand – und wenigen riesige Vermögen. So leben heute in keiner Metropole mehr Milliardäre als in Peking, und wie selbstverständlich sind die Aktien großer chinesischer Konzerne an der Wall Street notiert.

Die deutsche Industrie erkannte früh das Potenzial Chinas: erst als Lieferant günstiger Vorprodukte und einfacher Elektronikteile, dann als riesiger Absatzmarkt vor allem für hochwertige Autos und Maschinen und schließlich als Investitionsstandort. Seit sieben Jahren ist das Reich der Mitte der wichtigste Handelspartner Deutschlands.

Waren und Dienstleistungen im Wert von rund 300 Milliarden Euro wurden 2022 zwischen Deutschland und der Volksrepublik gehandelt – rund sieben Prozent der deutschen Exporte gingen nach China, und 13 Prozent der Einfuhren kamen von dort.

Schaden erlitt der Glaube an endloses Wachstum und zuverlässige Just-in-time-Lieferungen über weltumspannende Lieferketten in der Coronapandemie. Erst fehlten infolge geschlossener Häfen und Fabriken wichtige Zulieferteile in Deutschland. Dann knickte Chinas Konjunktur ein; offiziellen Zahlen zufolge wuchs die Volkswirtschaft 2022 nur um drei statt der angestrebten sechs Prozent.

Deutsche Konzern investieren unbeirrt weiter in China

Dennoch setzen große Teile der deutschen Industrie weiterhin auf den chinesischen Markt. Die Autobauer Volkswagen, BMW und Mercedes, der Chiphersteller Infineon und der Anlagenbauer Aixtron erzielten 2022 mehr als 30 Prozent ihrer Umsätze in China – trotz der dortigen Coronaeinschränkungen. Und der Chemiekonzern BASF eröffnete ein riesiges Verbundwerk in Zhanjiang, während im Stammwerk in Ludwigshafen Anlagen stillgelegt werden.

Dass enge Handelsverflechtungen auch Probleme bereiten können, wurde deutlich, als sich Deutschland zusammen mit den Nato-Verbündeten nach Beginn des Ukrainekriegs von Russland als Handelspartner abwendete. Vergleichbare Sanktionen und Gegensanktionen im Chinahandel würden die deutsche Volkswirtschaft in eine sehr tiefe und nachhaltige Depression stürzen. Für verantwortungsvolle Unternehmenslenker ist daher der Blick auf Risiken der Geopolitik geworden.

Die Immobilienbranche des Landes kriselt seit Jahren.

Foto: dpa

Ebenso wichtig ist es aber, die harten Daten der chinesischen Volkswirtschaft nüchtern zu analysieren und daraus eigene Prognosen für Investitions- und Absatzentscheidungen abzuleiten. Da die veröffentlichten Konjunkturdaten in China stets politische Zahlen sind, ist dies keine triviale Aufgabe. Unstrittig ist allerdings, dass die nach dem abrupten Ende aller Coronabeschränkungen einsetzende Konjunkturerholung schwach ausfällt. Die Einkaufsmanagerindizes sinken schon wieder, und der Außenhandel schwächelt. Im Juli brachen die Exporte um 14,5 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat ein, die Importe schrumpften um 12,4 Prozent.

Das Politbüro der Kommunistischen Partei verkündete auf seiner jüngsten Sitzung zwar kein echtes Konjunkturpaket, rief aber gleichwohl dazu auf, die Binnennachfrage zu steigern, das Vertrauen zu stärken und finanzielle Risiken zu entschärfen. Selbst wenn bald Konjunkturstimuli folgen sollten, sind Zweifel abgebracht, ob Chinas Ökonomie zu alter Dynamik zurückfindet.

Mancher Beobachter spricht bereits von einer Japanisierung Chinas – Japans Volkswirtschaft hat sich bis heute nicht vollständig vom Immobiliencrash Anfang der 1990er-Jahre erholt: Die Bevölkerung schrumpft und altert, Zuwanderung gibt es faktisch nicht, die Geburtenrate liegt bei 1,2 Kindern pro Frau und die Staatsschuldenquote bei mehr als 260 Prozent in Relation zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) – ein international extrem hoher Wert. Auch Japans rasanter ökonomischer Aufstieg war das Ergebnis staatlicher Lenkung.

Klare Parallelen zwischen Japan und China

Parallelen zwischen China und Japan sind nicht zu übersehen. Während die Welt unter Inflation leidet, lag im vergangenen Jahr die Inflation in China unter zwei Prozent, und sie geht seit Beginn dieses Jahres weiter zurück. Im Juni kam der Preisauftrieb erstmals seit fünf Jahren zum Erliegen, und im Juli ging der Verbraucherpreisindex gar um 0,3 Prozent zurück. Anstatt Geld auszugeben, horten viele chinesische Familien ihre Ersparnisse.

Die Verschuldung der gesamten chinesischen Volkswirtschaft ist mit knapp 300 Prozent in Relation zum BIP inzwischen höher als die in den USA mit 255 Prozent. Dabei entfällt in China ein Großteil der Schulden auf Staatsbetriebe und den Immobiliensektor. Stark gestiegen sind zuletzt aber auch die Schulden der lokalen Gebietskörperschaften, die eng mit dem Immobiliensektor verbunden sind.

Angesichts des langen Immobilienbooms bestehen heute große Teile der Vermögen der privaten Haushalte aus Immobilien, während gleichzeitig ein Großteil der Privatverschuldung aus Immobilienkrediten besteht. Ein Crash der Immobilienpreise würde sowohl die Gebietskörperschaften als auch viele Haushalte in ernste Finanzierungsschwierigkeiten bringen. Denn nach internationalen Maßstäben gelten Immobilien in chinesischen Metropolen als stark überteuert: In Shanghai kostet eine 88-Quadratmeter-Wohnung mit zwei Schlafzimmern umgerechnet rund 725.000 US-Dollar; dafür bekommt man in Manhattan zwar nur ein Ein-Zimmer-Apartment, das verfügbare Durchschnittseinkommen ist dort aber sechsmal so hoch.

Prof. Bert Rürup ist Präsident des Handelsblatt Research Institute (HRI) und Chefökonom des Handelsblatts. Er war viele Jahre Mitglied und Vorsitzender des Sachverständigenrats sowie Berater mehrerer Bundesregierungen und ausländischer Regierungen. Mehr zu seiner Arbeit und seinem Team unter research.handelsblatt.com.

Foto: Handelsblatt

Der teure Wohnraum und private Konsumwünsche dürften viele chinesische Familien davon abhalten, mehrere Kinder zu bekommen. Dies verschärft das langfristig größte Problem des Landes: den rapiden Rückgang des Anteils der Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter. Im Jahr 2035 dürfte nahezu ein Drittel der Bevölkerung über 60 Jahre alt sein. Was in Deutschland die Folge des „Pillenknicks“ Ende der 1960er-Jahre war, ist in China die 40 Jahre lang erzwungene „Ein-Kind-Politik“, die erst 2016 gelockert wurde – ohne Erfolg.

China könnte daher schon bald mit einem ähnlich ausgeprägten Fachkräftemangel konfrontiert sein wie Deutschland. Nur, dass Chinas staatlich gelenkte Wirtschaft weit schlechter darauf vorbereitet ist. Es gibt keine echte Arbeitsimmigration, vor der Pandemie lebten nur 700.000 Ausländer im Land. Überdies gilt das Rentensystem bereits jetzt als überlastet – und die Anhebung des vergleichsweise niedrigen Renteneintrittsalters ist ähnlich unpopulär wie hierzulande.

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Derzeit kommen etwa 3,5 Menschen im arbeitsfähigen Alter auf einen Älteren, in etwa 25 Jahren dürften es nur noch 1,5 Erwerbsfähige pro Rentner sein. Schwer vorstellbar, dass solch ein ergrautes China wirklich der große Zukunftspartner für deutsche Industrieunternehmen sein soll.

Bekanntlich soll man die Party verlassen, wenn es am schönsten ist. Diese Lebensweisheit könnte auch für die Wahl von Investitionsstandorten gelten.

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