Kommentar – Der Chefökonom: Schöne neue Welt?
Prof. Bert Rürup ist Präsident des Handelsblatt Research Institute (HRI) und Chefökonom des Handelsblatts. Er war viele Jahre Mitglied und Vorsitzender des Sachverständigenrats sowie Berater mehrerer Bundesregierungen und ausländischer Regierungen. Mehr zu seiner Arbeit und seinem Team unter research.handelsblatt.com.
Foto: HandelsblattMit der nun auf den Arbeitsmarkt drängenden „Gen Z“ starten erstmals junge Menschen ins Erwerbsleben, für die der Umgang mit Computern, Smartphones und dem Internet selbstverständlich ist.
Blicken heute die kurz vor ihrem Ausscheiden aus dem Arbeitsleben stehenden Baby-Boomer auf die ersten Jahre ihres Berufslebens zurück, werden sie erkennen, welche dramatischen Umwälzungen in den Werkshallen und Büros binnen weniger Jahrzehnte stattgefunden haben.
Noch zur Jahrhundertwende hätten sich wohl nur einige Tech-Nerds vorstellen können, dass heute nahezu die meisten Menschen mit ihren Smartphones permanent ans Internet angeschlossene Minicomputer bei sich tragen, mit denen sie nicht nur telefonieren, sondern auch Bankgeschäfte, Einkäufe und andere Dienstleistungen rund um die Uhr abwickeln können. Viele Berufe und noch mehr Tätigkeiten sind verschwunden – aber dafür sind zahllose neue hinzugekommen.
Bemerkenswert an dieser Entwicklung ist, dass sich dieser markante technische Fortschritt nicht in den amtlichen Statistiken niederschlägt. Laut Statischem Bundesamt erhöhte sich in Deutschland binnen einer Dekade die Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigen gerade einmal um knapp vier Prozent, also um weniger als 0,4 Prozent pro Jahr.
Ein Grund dafür mag die gestiegene Teilzeitbeschäftigung sein. Doch auch die Arbeitsproduktivität je Erwerbstätigenstunde stieg im selben Zeitraum nur um bescheidene 8,6 Prozent. „Computer finden sich überall – außer in den Produktivitätsstatistiken“, beschrieb der „Vater der modernen Wachstumstheorie“ und Träger des Wirtschaftsnobelpreises Robert Solow bereits 1987 dieses Phänomen.
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So betrug in Deutschland die Zunahme der Produktivität in den 1970er-Jahren im Jahresdurchschnitt vier Prozent. In den 1980er- und 90er-Jahren halbierte sie sich, mittlerweile ist das Produktivitätswachstum fast zum Erliegen gekommen. Womöglich sind deshalb die großen gesamtwirtschaftlichen Hoffnungen, die gerade mit dem Einsatz von Künstlicher Intelligenz (KI) verbunden sind, überzogen.
Vor einem Jahr wurde KI noch als Science-Fiction wahrgenommen
KI ist das Zusammenspiel von sehr großen Datenmengen, mathematischen Algorithmen und hohen Rechnerleistungen. Geprägt wurde der Begriff bereits 1955 von dem amerikanischen Informatiker John McCarthy im Zuge eines Förderantrags für ein Forschungsprojekt.
Für den Technologieverband Bitkom ist Künstliche Intelligenz „die Eigenschaft eines IT-Systems, menschenähnliche, intelligente Verhaltensweisen zu zeigen“. Noch vor einem Jahr verbanden die meisten Menschen mit KI vor allem Hollywood und die Terminator-Filme, kurzum Science-Fiction.
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Doch seit 30. November 2022 steht mit ChatGPT jedermann kostenfrei eine KI-Anwendung zur Verfügung, die nicht selten verblüffend gute Ergebnisse hervorbringt – aber manchmal auch Nonsens produziert. So behauptete das Programm vergangene Woche, der Autor dieser Zeilen wäre am 3. Januar 1943 in Delmenhorst geboren – was beides falsch ist. Woher der Chatbot diese Fehlinformation hat, bleibt im Dunkeln.
Nach einer Bitkom-Umfrage vom Sommer 2023 sehen 68 Prozent der befragten Experten in KI die wichtigste Zukunftstechnologie. Wesentlicher Grund für diese optimistische Einschätzung ist, dass sie sich vom KI-Einsatz eine Stärkung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit versprechen. Mit intelligenten Anwendungen könnten menschliche Fehler vermieden, Effizienzsteigerungen durch die Beschleunigung von Prozessen erzielt sowie der Ressourcenverbrauch verringert werden. Kurzum: KI würde die Arbeitsproduktivität steigern – so die große Hoffnung.
In einzelnen Unternehmen mag dies gelingen, doch gesamtwirtschaftlich sind Zweifel angebracht. Bis Künstliche Intelligenz zu einem Standard-Tool in weiten Teilen der Arbeitswelt wird, dürfte es – ähnlich wie bei anderen technischen Errungenschaften – noch viele Jahre, wenn nicht Jahrzehnte dauern. So wurde etwa der Elektromotor am Ende des 19. Jahrhunderts erfunden, aber erst gut 20 Jahre später führte diese Innovation in den USA zu einem gesamtwirtschaftlichen Produktivitätsschub, der seinen Höhepunkt in der zweiten Hälfte der 1920er-Jahre erreichte.
Von der Innovation bis zur Umsetzung dauert es oft viele Jahre
Ebenso dauerte es viele Jahre, bis sich die in den 1980er-Jahren entwickelten PCs flächendeckend in Werkshallen und Büros verbreiteten und moderate Produktivitätseffekte generierten. Ein Grund: Eine neue Technik muss erprobt und angeschafft, die Arbeitsabläufe neu organisiert und die Belegschaften geschult werden. Und in der öffentlichen Verwaltung in Deutschland ist zu erwarten, dass sich solche Veränderungsprozesse besonders lange hinziehen, wie die Digitalisierungsdefizite in deutschen Behörden zeigen.
Darüber hinaus gibt es große Teile des Dienstleistungssektors, in denen KI wie auch schon die Digitalisierung kaum eine Rolle spielen wird, etwa in der Kranken- und Altenpflege, der Gastronomie und im Unterhaltungssektor.
Hinzu kommt, dass in Branchen mit hohem Produktivitätswachstum im Trend Arbeitsplätze wegfallen und die ehemals dort Beschäftigten in Branchen mit allenfalls geringem Produktivitätswachstum Anstellung finden. Die Folge: Ein wachsender Anteil der Beschäftigten arbeitet dann in Dienstleistungssektoren, in denen Produktivität kaum steigt – was den gesamtwirtschaftlichen Produktivitätszuwachs dämpft.
Überlagert werden diese Effekte nicht nur in Deutschland von der Alterung der Bevölkerung, die ebenfalls das Produktivitätswachstum dämpft. Entwickelt werden neue Ideen meist von jüngeren Menschen. Älteren fällt aufgrund ihrer Berufserfahrung eher die Rolle des kritischen Prüfers und Mahners zu.
Für erfolgreiche Innovationen braucht es aber beide Gruppen. Zudem sind es meist Jüngere, die Unternehmensgründungen wagen, wodurch in alternden Gesellschaften eine Kommerzialisierung neuer Ideen seltener ist. Überträgt man ökonometrische Schätzungen aus den USA auf Deutschland, so kostet die Alterung der Gesellschaft die deutsche Volkswirtschaft gut einen Prozentpunkt Wohlstand bis 2030 und rund 0,5 Prozentpunkte bis 2050 – wohlgemerkt jedes Jahr!
Gelingt es, den Output je Beschäftigten zu steigern?
Im Vergleich zum durchschnittlichen jährlichen Wachstum des realen Bruttoinlandsprodukts pro Kopf in den vergangenen 30 Jahren von nur wenig mehr als einem Prozent müssten also andere Faktoren das Wachstum bis 2030 verdoppeln, um die Belastung durch die Demografie auszugleichen – angesichts der seit geraumer Zeit wenig wachstumsfreundlichen Politik ist dies unwahrscheinlich.
Fakt ist aber, dass die Entwicklung der Produktivität entscheidend für den Wohlstand einer Gesellschaft ist. „Produktivität ist nicht alles, aber auf lange Sicht fast alles“, stellte der US-Ökonom Paul Krugman, der Wirtschaftsnobelpreisträger des Jahres 2008, bereits vor nahezu 30 Jahren fest.
Im Klartext: Die Fähigkeit einer Gesellschaft, ihren Lebensstandard zu erhöhen, hängt bei konstanter Bevölkerung und nicht beliebig auszuweitendem Kapitaleinsatz nahezu ausschließlich davon ab, ob es gelingt, den Output je Beschäftigten zu steigern.
Für den Produktivitätsforscher Robert J. Gordon war das starke US-Wachstum zwischen 1870 und 1970 eine Ausnahme in der Wirtschaftsgeschichte – und nicht die neue Regel. Die Innovationen der vergangenen 50 Jahre hätten merklich weniger Wachstum generiert als jene in der Vergangenheit.
Man kann hoffen, dass KI dies ändern wird. Gewiss ist dies nicht.