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Kreuzfahrtschiffbauer Meyer-Werft

Mit Kurzarbeit gegen die Flaute.

(Foto: dpa)

Kommentar Der Mythos Kurzarbeit wankt: Warum das Erfolgsinstrument in dieser Krise versagen könnte

Kurzarbeit kann bei kurzfristigem Nachfrageausfall helfen, Firmen vor der Pleite zu bewahren. Doch diese Krise ist allgegenwärtig – und ihre Dauer unabsehbar.
14.05.2020 - 03:57 Uhr Kommentieren

Das deutsche Modell der Kurzarbeit ist ein Exportschlager und gilt in vielen Ländern als ein Grund für das „German Jobwunder“. Die EU-Kommission will den Mitgliedstaaten sogar 100 Milliarden Euro Kredit gewähren, um mit diesem Instrument Jobs in der Coronakrise zu retten.

Der Ruhm der Kurzarbeit basiert auf den Erfahrungen im Winter 2008/09, als Deutschland – genauer: die deutsche Industrie – in die bis dato schwerste Rezession der Nachkriegszeit rutschte. Nach der Lehman-Pleite geriet der Welthandel in eine Schockstarre, in der niemand mehr Autos oder Maschinen made in Germany kaufen wollte. Aufträge und Produktion brachen ein – und in der Spitze wurden 1,2 Millionen Beschäftigte in Kurzarbeit geschickt.

Da anders als befürchtet die Weltwirtschaft keine Kernschmelze erlebte, war der Spuk nach einem halben Jahr vorbei. Stornierte oder ausgefallene Bestellungen wurden nachgeholt, was Deutschland einen Boom bescherte, sodass die Beschäftigten schon bald in die Werkshallen zurückkehrten. Niemand ahnte damals, dass dieser Boom fast eine Dekade andauern und Deutschland nahezu Vollbeschäftigung bescheren würde.

Der XXL-Aufschwung der zurückliegenden Dekade hat viele Eltern, die Agenda 2010, die demografische Pause, den Euro und die EZB, die Zuwanderung aus anderen EU-Staaten, die Globalisierung und den boomenden Welthandel und eben die Kurzarbeit, die ihren Teil dazu beitrug, dass Deutschland die damalige Rezession so rasch überwinden konnte.

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    Die bange Frage lautet nun: Kann das heute wieder funktionieren?

    Die Skepsis überwiegt. Denn Kurzarbeit trifft heute Beschäftigte in fast allen Branchen. Spitzenreiter sind laut einer Ifo-Umfrage die Gastronomie mit 99 Prozent der Betriebe und die Hotels mit 97 Prozent. Besonders betroffen ist auch die Schlüsselbranche Automobilbau mit 94 Prozent der Betriebe.

    Grafik

    In der Luftfahrt fahren 91 Prozent der Betriebe Kurzarbeit, bei den Reisebüros und -veranstaltern 90 Prozent. Deutschlands Wirtschaft stand im April still.

    Erschwerend hinzu kommt, dass wichtige Teile der deutschen Industrie schon vor dem Corona-Ausbruch in strukturellen Schwierigkeiten steckten. Zahlreiche Großunternehmen hatten umfassende Sparprogramme angekündigt, weil ihre Produktion schrumpfte und echte Besserung nicht in Sicht war. Diese strukturellen Probleme bestehen weiter.

    Zudem ist ungewiss, ob und wann Corona besiegt wird oder ob jederzeit neue Infektionswellen gefolgt von massiven Lockdowns mit ihren verheerenden ökonomischen Schäden folgen können. Somit scheint fraglich, ob die globale Nachfrage nach deutschen Industrieprodukten bald wieder anzieht.

    Rekord-Auftragseinbruch

    Der am Mittwoch gemeldete Rekord-Auftragseinbruch um 15,6 Prozent dürfte nur ein Vorgeschmack auf den April gewesen sein, da die ersten beiden Märzwochen noch recht gut gelaufen sein dürften.

    Anders als im Winter 2008/09 ist heute der Dienstleistungssektor ebenfalls massiv vom Einbruch tangiert. Im Gegensatz zur Nachfrage nach Industrieprodukten kann die Nachfrage nach Dienstleistungen oft nicht nachgeholt werden.

    Selbst nach den vorsichtigen Lockerungen ist völlig unklar, wie etwa Friseure, Kinos oder Gastronomen in absehbarer Zeit wieder Gewinne machen sollen, wenn sie angesichts der „Hygieneregeln“ bestenfalls nur noch halb so viele Kunden wie bislang bedienen können. Weite Teile des Dienstleistungssektors dürften daher um Entlassungen nicht herumkommen.

    Zwar gewährt die Regierung vielen ein paar Tausend Euro Soforthilfe und großzügige Kredite. Doch eine Entschädigung für die Schließung steht ihnen offenbar nicht zu, wie jetzt das Landgericht Heilbronn entschieden hat. Ansprüche aus dem Infektionsschutzgesetz bestünden nicht – die klagende Friseurin wird wie viele andere auf ihrem Schuldenberg sitzen bleiben.

    Anstatt den Betrieben eine Zukunftsperspektive zu geben, verteilt die Regierung lieber Wahlgeschenke. So beschloss das Kabinett, das Kurzarbeitergeld auf bis zu 87 Prozent zu erhöhen. Davon profitieren naturgemäß diejenigen besonders stark, die gut, aber unter der Beitragsbemessungsgrenze verdienen, also meist Akademiker und vor allem Facharbeiter in der Industrie. Gänzlich leer gehen hingegen die Minijobber aus, die oft in der Gastronomie arbeiten.

    Ein Konsumschub ist durch höheres Kurzarbeitergeld nicht zu erwarten. Solange die Beschäftigten um ihren Arbeitsplatz bangen müssen, dürften sie wohl kaum in ein neues Auto, neue Möbel oder in eine moderne Heizung investieren, sondern das Geld lieber für schlechte Zeiten zurücklegen. Die werden für viele nämlich kommen, spätestens nach zwölf Monaten ist Schluss mit Kurzarbeit. Ist dann kein Aufschwung in Sicht, droht Arbeitslosigkeit.

    Ewig kann auch ein solide finanzierter Staat wie Deutschland die Wirtschaft nicht alimentieren und mit Nothilfen am Laufen halten. Je länger die Krise andauert, desto geringer werden die Chancen für ein Jobwunder 2.0. Der Mythos Kurzarbeit wankt.

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