Kommentar: Deutschland ist noch weit entfernt von einer neuen Aktienkultur
Der Erstausgabepreis der Telekom-Aktie betrug 28,50 DM.
Foto: dpaGenau vor 25 Jahren wurde die T-Aktie mit Unterstützung des populären Schauspielers Manfred Krug zum Investment für jedermann ausgerufen. Nach anfänglicher Euphorie über die sogenannte Volksaktie folgte die große Ernüchterung. Der Kurs stürzte ab. Dazu kam, dass die Internetblase platzte und vom gehypten Neuen Markt, der eine neue deutsche Aktienkultur zu begründen schien, nichts mehr übrig blieb.
Der Schock saß tief – und ist bis heute nicht überwunden. Auch die große Finanzkrise trug dazu bei, dass die Deutschen ihre Grundskepsis gegenüber Aktien nie abgelegt haben – einerseits.
Andererseits sorgt die Wut über die Negativzinswelt dafür, dass Privatanleger gar nicht anders können, als sich mit der Aktie zu beschäftigen. Zunehmend vertrauen sie ihr Geld den Anlageberatern von Banken und Sparkassen an oder klicken sich übers Handy ins Börsengeschehen ein. Selbst der kurze, dramatische Absturz wegen der Coronapandemie schreckte sie nicht nachhaltig ab, weil eine ebenso entschiedene Erholung folgte. Könnte das die Wende hin zu einer neuen Aktienkultur sein?
Fondsgesellschaften wie die Sparkassentochter Deka schrauben ihre Gewinnziele hoch, der deutsche Fondsverband BVI hält einen Absatzrekord mit Fonds in diesem Jahr für möglich. Doch wie viel Aktienkultur sich wirklich entwickelt hat, muss sich noch erweisen: Erst wenn die Börsen nicht mehr boomen, der Depotwert eine Weile sinkt, das Geschehen frustrierend, vielleicht sogar langweilig wird – erst dann wird sich zeigen, ob die Privatanleger wirklich reif für die Börse sind.
Werden Sie wieder aussteigen, um später viel zu spät wieder einzusteigen? Oder behalten sie die Nerven und nutzen Schwächephasen für Zukäufe?
Wie nach dem Hype um die T-Aktie sind die Aktienmärkte heute extrem hochgelaufen. Indizes wie der deutsche Dax, der europäische Stoxx 600 und der US-Index S&P 500 eilen von Rekord zu Rekord. Die Mahner vor einem Rückschlag werden zahlreicher.
Die Präsidentin der EZB hat die lockere Zinspolitik ihres Vorgängers Mario Draghi übernommen.
Foto: imago images/Hannelore FörsterRisiken gibt es genug: Lieferengpässe rund um den Globus, die Frage, ob die führenden Notenbanken das Ende ihrer extrem lockeren Geldpolitik geräuschlos für die Märkte gestalten können, und die erneut grassierende Pandemie.
Kurz vor der Jahrtausendwende gab es ähnlich viele Aktionäre wie heute im Land: 12,9 Millionen zählte das Deutsche Aktieninstitut damals, heute sind es 12,4 Millionen. Einige Jahre nach dem damaligen Aufschwung war ein Drittel der Deutschen wieder abgesprungen, oft mit Depotverlusten nach Kurseinbrüchen. Es bleibt zu hoffen, dass die Privatanleger in den vergangenen gut 20 Jahren dazugelernt haben.