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KommentarDeutschlands übersehenes Wachstumsproblem

Berlin hat mittlerweile erkannt, dass dieses Land in einer Wirtschaftskrise steckt. Eine vielversprechende Lösung wird in der aktuellen Debatte allerdings völlig ignoriert.Sebastian Matthes 11.08.2023 - 10:44 Uhr
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Sebastian Matthes ist Chefredakteur des Handelsblatts.

Foto: Max Brunnert für Handelsblatt

Es hat gedauert, nun aber scheint sich die Erkenntnis durchzusetzen, dass dieses Land ein Problem hat. Ein Wachstumsproblem. In keinem Industrieland entwickelt sich die Wirtschaft langsamer, nur in wenigen Ländern sind die Aussichten ähnlich trist.

Daran ändert auch die Ansiedlung des taiwanesischen Chipherstellers TSMC wenig, auch wenn man sich in Berlin den ganzen Tag dafür lobt. Aber, so ehrlich muss man sein: TSMC kommt nur, weil die Bundesregierung Milliarden an Subventionen verspricht. Und die müssen Firmen und andere Steuerzahler aufbringen, denen keiner dafür Geschenke macht.

Immerhin scheint dem politischen Spitzenpersonal in Berlin zu dämmern, dass Deutschland auf Dauer nicht von der Substanz allein leben kann. Gerade beginnt eine aufgeregte Debatte darüber, wie eine andere Wirtschaftspolitik aussehen könnte. Allerdings deuten die mit der Diskussion verbundenen Begriffe schon auf die nächsten ampelkoalitionären Großkonflikte hin: Steuersenkungen, Investitionshilfen, Subventionen. 

Eine der größten Schwächen Deutschlands spielt in der politischen Diskussion ohnehin keine Rolle: die Schwäche der deutschen und europäischen Kapitalmärkte.

Das hat nicht nur mit der mangelnden Talkshowfähigkeit des Themas zu tun (ist halt kompliziert und abstrakt). Es geht auch darum, dass das Thema vor allem in Deutschland schnell moralisch statt ökonomisch diskutiert wird.

Gemeinhin gilt es als irgendwie verwerflich, mit Geld Geld zu verdienen. Finanzmärkte sind für die Lösung vieler Probleme aber von enormer Bedeutung. Sie sind das Fundament für die Finanzierung praktisch aller großen Zukunftsprojekte. Für Innovationen, für technologische Souveränität und für das Wachstum ganzer Volkswirtschaften.

Finanzierungslücke bei europäischen Wachstumsunternehmen

Der grüne Umbau der Wirtschaft etwa wird ohne privates Kapital niemals wirklich in Gang kommen, kein Staat kann eine solche Transformation allein finanzieren. Die neuen Windparks, die Elektrolyseure zur Herstellung von Wasserstoff, die effizienteren Maschinen: Für viele dieser Projekte sind in den nächsten Jahrzehnten gewaltige Summen nötig, die sich Unternehmen auf den Kapitalmärkten besorgen müssen. 

Ähnlich sieht es bei der technologischen Souveränität Europas aus: Während sich europäische KI-Start-ups schon über 100 Millionen Euro Investorengelder freuen können, steckt Microsoft ohne viel Aufhebens rund zehn Milliarden Dollar in ChatGPT-Erfinder OpenAI. Das mag ein extremes Beispiel sein, es steht aber für einen Trend: In den USA floss vergangenes Jahr mit rund 190 Milliarden Euro knapp zweieinhalb Mal so viel Geld in junge Wachstumsfirmen wie in Europa.

Diese Finanzierungslücke können die europäischen Wachstumsunternehmen auch mit besseren Ideen nicht ausgleichen. Natürlich kommen auch ausländische Investoren nach Europa. Aber dadurch steigt die Abhängigkeit der Tech-Szene nur. Heute schon kommt ein Großteil des Geldes für junge Wachstumsfirmen von nicht europäischen Investoren, die anschließend ein Mitspracherecht bei Investitionsentscheidungen und Standortfragen haben. Technologische Souveränität sieht anders aus.

Richtig problematisch wird es, wenn europäische Wachstumsunternehmen ihr Geschäft skalieren wollen, über einen Börsengang zum Beispiel. Das wertvollste deutsche Start-up Celonis, der Reiseerlebnisanbieter Getyourguide, das Mobilitätsunternehmen Flix, sie alle stehen an dieser Schwelle. Ihre Geschäftsmodelle sind zwar unterschiedlich, viele der Start-ups aber erwägen einen Börsengang in den USA. Auch die Traditionsmarke Birkenstock geht diesen Weg. 

Gründe dafür gibt es viele. In den USA interessieren sich mehr Anlegerinnen und Anleger für Aktien. Vergleicht man europäische Firmen mit ihren US-Pendants, sind sie deshalb an der Börse oft niedriger bewertet als ihre US-Wettbewerber. In Feldern wie Biotech wiederum gibt es in den USA schlicht mehr Investoren und Analysten, die sich mit dem Thema auskennen.

Europa muss Innovationen und Umbau der Wirtschaft selbst finanzieren können

Vor allem aber sind die USA ein großer, einheitlicher Rechtsraum. Europa hat selbst nach jahrelangen Debatten und diversen Anläufen noch keinen einheitlichen Kapitalmarkt. Es gibt immer noch 27 einzelne Finanzmärkte, auf deren Regeln sich Investoren immer wieder neu einstellen müssen. 

Das hat Folgen. Laut einer Studie des Thinktanks New Financial finanzieren sich europäische Unternehmen zu 75 Prozent über Bankkredite. Nur ein Viertel des Finanzierungsbedarfs decken sie mit Anleihen am Kapitalmarkt, in den USA ist dieses Verhältnis umgekehrt. Mit den begrenzten Bankkrediten aber lassen sich die milliardenschweren grünen Infrastrukturprojekte niemals finanzieren. 

Die Bundesregierung könnte die Situation auch ohne europäische Kapitalmarktunion schon verbessern. Man könnte es Pensionskassen, Versicherern, Stiftungen und Privatleuten leichter machen, in junge Wachstumsfirmen zu investieren, denn sie alle horten bis heute große Mengen Bargeld. Geld, mit dem sich die Finanzierungslücke zu den USA locker schließen ließe.

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Gleichzeitig könnte die Regierung die steuerliche Benachteiligung von Aktien gegenüber Immobilien, Gold und Bitcoin beenden, was wiederum die Zahl der Aktionäre steigern würde. 

Die Zeit drängt. Denn der Verlust der Finanzsouveränität könnte sich für Deutschland und Europa ähnlich rächen wie die Energieabhängigkeit von Russland. Ein Wirtschaftsraum wie Europa muss in der Lage sein, Innovationen und den Umbau der Wirtschaft aus eigener Kraft zu finanzieren – ohne auf das Geld anderer angewiesen zu sein.

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