Kommentar: Die „Anleihewächter“ kehren an die Märkte zurück

Die EU-Kommission macht Ernst: Am Mittwoch leitete sie gegen Frankreich, Italien und weitere Länder wegen exzessiver Neuverschuldung Defizitverfahren ein. Der Schritt zeigt, dass die Regierungen in Europa, aber auch in den USA vor einer Zäsur stehen.
Für diese Zäsur steht auch die Rückkehr der „Bond Vigilantes“, was sich am ehesten mit „Anleihewächter“ übersetzen lässt. Der Begriff steht für Investoren, die Staatsbonds auf den Markt werfen und damit auf ein gutes Geschäft hoffen.
Das Prinzip ist simpel: Durch den Verkauf der Bonds fallen die Kurse und die Renditen steigen. Das verteuert die Refinanzierung der Staatsschuld und zwingt die Regierungen zu sparen. Das Resultat dieser Wirkungskette kann drastisch ausfallen: Die Bond Vigilantes sorgen dafür, dass aus abstrakten Schuldenrisiken konkrete Finanzkrisen werden können.
Geprägt hat den Begriff der US-Ökonom Ed Yardeni in den 1980er-Jahren, prominent wurde er in den 90er-Jahren in den USA, als die Investoren unter der Clinton-Administration die Renditen innerhalb eines Jahres von fünf auf über acht Prozent in die Höhe trieben. An den sonst eher trägen Märkten für Staatsanleihen sind das dramatische Bewegungen.
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Doch ausgerechnet mit der Finanz- und der anschließenden Schuldenkrise verschwanden die Anleihewächter. Mit drastischen Zinssenkungen und enormen Anleihekäufen sorgten die Notenbanken für mikroskopische Zinsen, um den Kollaps des Finanzsystems und der Euro-Zone zu verhindern. Gegen die Zentralbanken wollten selbst die aggressivsten Bondinvestoren nicht wetten.
Die Folge: Lange Jahre mussten sich Politiker keine großen Gedanken über Schulden oder die Bondmärkte machen. Egal um welches Volumen es ging, in der Regel ließen sich Staatsanleihen ohne größere Probleme unter die Investoren bringen.
Liz Truss hat Erfahrung mit den Bond Vigilantes gemacht
Mit der Rückkehr der Inflation und der Zinsen hat sich das geändert. Die Bond Vigilantes sind wieder da. Das musste die damalige britische Premierministerin Liz Truss schmerzhaft erfahren. Als sie 2022 Steuersenkungen ohne Gegenfinanzierung ankündigte, schossen die Renditen in die Höhe, eine ausgewachsene Finanzkrise bahnte sich an. Truss musste nach nur wenigen Monaten zurücktreten.
Jüngstes Beispiel für die Wachsamkeit der Bond-Beschützer: Kaum hatte Frankreichs Präsident Emmanuel Macron völlig überraschend Parlamentswahlen angekündigt, kletterten die Risikoaufschläge für französische Staatsanleihen auf den höchsten Stand seit 2017.
Man kann die Bond Vigilantes als Opportunisten betrachten, die finanzielle Notlagen von Staaten skrupellos ausnutzen. Man kann sie aber auch als notwendige disziplinierende Kraft der Märkte betrachten, die Schuldenexzesse verhindert. Für die Regierungen wird es höchste Zeit, sich daran zu gewöhnen, dass sie wieder einen strengen Aufpasser haben – und das ist keine schlechte Sache.