Kommentar: Die Goldrally ist vor allem psychologisch bedingt

Steigt oder fällt der Preis eines Rohstoffs stark, ist der erste Reflex ein Blick auf die Fundamentaldaten: Ist das Angebot plötzlich knapp geworden? Oder die Nachfrage deutlich gestiegen? Doch Gold ist ein besonderer Rohstoff. Wie sich der Goldpreis bewegt, hat sehr viel mit Börsenpsychologie zu tun.
Das beweist das neue Rekordhoch, das das Edelmetall am Dienstag erreichte und am Mittwoch direkt übertraf. Der Rekord machte Analysten rund um den Globus ratlos. Zu Recht, denn für die Rally gab es keinen richtigen Anlass. Der Großteil der Händler rechnet weiterhin damit, dass die US-Notenbank Federal Reserve erst im Juni ihre Zinsen senken wird.
Eigentlich profitiert der Goldpreis immer dann am stärksten, wenn der Markt mit sinkenden Zinsen rechnet. Denn Gold wirft keine laufenden Erträge ab, daher belasten hohe Zinsen die Nachfrage nach dem Edelmetall. In einem hohen Zinsumfeld verliert Gold im Vergleich zu anderen als sicher geltenden Assets wie US-Anleihen an Attraktivität.
Also beginnt nun an den internationalen Märkten das große Rätselraten. Womöglich haben geopolitische Risiken den Preis beeinflusst. Oder Anleger positionieren aus Angst vor einer Korrektur am Aktienmarkt defensiv und schichten um zu Gold. Vielleicht war auch einfach am Dienstag schönes Wetter, der Kaffee schmeckte besonders gut, oder der Jupiter stand in einer ganz bestimmten Position zur Erde.
All das erinnert ein wenig an den „irrationalen Überschwang“, den der ehemalige Chef der US-Notenbank, Alan Greenspan, seinerzeit einmal ebenso wortmächtig und wirkungsvoll beklagt hatte.
Preise lassen sich nicht vorhersagen und schon gar nicht planen
Fakt ist, dass die Rekordjagd von Gold wieder einmal einen wichtigen marktwirtschaftlichen Grundsatz bewiesen hat: Preise lassen sich nicht vorhersagen und schon gar nicht planen, da kein Marktteilnehmer über vollständiges Wissen verfügt – schon gar nicht darüber, was andere Marktteilnehmer denken oder gar vorhaben.
Das zeigen vor allem die Wetten vieler Fondsmanager, die im Vorfeld auf fallende Goldpreise setzen. Das ergab eigentlich Sinn: Der Goldpreis notiert trotz ungünstigem Zinsumfeld nahezu konstant über 2000 Dollar pro Unze, eine leichte Korrektur ist daher nicht unwahrscheinlich. Doch die Investoren haben die Stimmung am Markt falsch eingeschätzt. Die Rally erwischte sie kalt, sie mussten panisch ihre Positionen auflösen, was den Preis weiter antrieb.
Andere Anleger kauften schnell Gold, weil sie Angst haben, etwas zu verpassen. „Fear of missing out“, kurz Fomo, heißt dieses Gefühl, das oft zu Fehlentscheidungen an der Börse führt. Aus rationaler Sicht wäre es viel sinnvoller, mit dem Goldkauf zu warten, bis der Preis wieder kurzfristig unter die 2000-Dollar-Marke sinkt. Doch die Mehrheit der Anleger ist nicht rational, ihr Verhalten lässt sich nicht vorhersagen – und das führt zu so unerklärlichen Situationen wie aktuell am Goldmarkt.