Kommentar: Familien als Störfall im System Bahn

Jeden Freitag fahren zahlreiche ICEs aus Berlin mit leeren Sitzplätzen in der ersten Klasse ab. Bundestagsabgeordnete reservieren sich am Ende der Sitzungswochen gern schon mal kostenlos Plätze in mehreren Zügen – um in ihre Wahlkreise nach Hause zu fahren. Das scheint für die Deutsche Bahn kein Problem zu sein.
Doch wenn Familien ihre Reservierungen in der zweiten Klasse nicht nutzen, gilt das als „missbräuchliche Nutzung“ und „Zweckentfremdung“. Erst streicht die Bahn die kostenlosen Familienreservierungen, jetzt wirft sie Eltern auch noch Betrug vor. Das geht aus einem Schreiben der Deutschen Bahn an den Verkehrsausschuss hervor, der dem Handelsblatt exklusiv vorliegt.
Das Bahn-Management misst mit zweierlei Maß. Das ist nicht nur schlechter Stil, sondern auch eine schlechte Strategie: Wer Familien an den Pranger stellt, riskiert das Vertrauen der Kunden und zeigt eine schlechte Servicekultur. Und das in einer Zeit, in der die Deutsche Bahn ohnehin schon keinen guten Ruf genießt. Vielleicht sollten die Bahn-Oberen mal mit zwei oder drei Kindern Bahn fahren, um wieder die Realität kennenzulernen.
Anders wird ein Schuh daraus. Die Bahn kann sich natürlich auf Rentnerinnen und Rentner spezialisieren. Doch sind Familien nicht vielleicht auch eine Zielgruppe, die sie trotz ihrer dauerhaft schlechten Pünktlichkeitswerte mit ihrem Komfort noch locken könnte?
Für eine vierköpfige Familie verdoppeln sich die Kosten
Hinzu kommt: Die Bahn hat gleichzeitig auch die Preise angehoben: In der 2. Klasse steigen die Reservierungen um 30 Cent auf 5,50 Euro, in der 1. Klasse auf 6,90 Euro. Für eine vierköpfige Familie verdoppeln sich die Kosten – hin und zurück werden künftig 44 Euro fällig.
Außerdem scheint die DB vergessen zu haben, dass nicht genutzte Reservierungen nach fünfzehn Minuten verfallen. Die Sitzplätze werden dann also nicht mehr als reserviert angezeigt und Reisende ohne Reservierung können dort Platz nehmen.
Die Bahn begründet den Missbrauch der Tickets auch damit, dass Personengruppen Familienreservierungen genutzt hätten, die keine Familien waren. Sollte die Bahn dann nicht diese Gruppen bestrafen und nicht die Familien? In ihrem Schreiben an den Verkehrsausschuss wie auch im Verkehrsausschuss – so berichten es Abgeordnete dem Handelsblatt -, hat die Bahn zudem nicht überzeugend vermitteln können, welche anderen Optionen geprüft wurden, um möglichen Missbrauch bei den Familienreservierungen zu unterbinden.
Das ist ein Armutszeugnis.
Dass viele Reservierungen auch deshalb nicht wahrgenommen werden, weil Anschlusszüge verpasst werden, findet sich in der Begründung der Bahn auch nicht wieder. Ja, der Kostendruck im Fernverkehr bei der Deutschen Bahn ist real. Trotzdem sollte das Einsparungspotenzial nicht bei den Familien gesucht werden.