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Kommentar Finanz-Start-ups sind die neuen Ballköniginnen

Auch bei den Fintechs zeigt sich: Bekanntheit und Sex-Appeal reichen nicht. Start-ups müssen mit handfester Technologie punkten.
15.01.2020 - 18:50 Uhr Kommentieren
Der Kreditkartenanbieter  hat gerade Milliarden Dollar für die Übernahme des Fintechs Plaid bezahlt. Quelle: AP
Visa-Karten

Der Kreditkartenanbieter hat gerade Milliarden Dollar für die Übernahme des Fintechs Plaid bezahlt.

(Foto: AP)

Wollen Sie wissen, was das Start-up Plaid macht? Das sollten Sie, immerhin hat der Kreditkartenanbieter Visa gerade 6,5 Milliarden Dollar für das Unternehmen aus San Francisco bezahlt – nach Schätzungen das 35-Fache von Plaids Jahresumsatz. Nicht Gewinn. Plaid macht dem Vernehmen nach bisher keinen Gewinn.

Ich stelle die Frage, weil Sie es wahrscheinlich nicht wissen. Was verständlich ist, außer Insidern der Finanztechnologiebranche war Plaid bislang fast niemandem ein Begriff. Das 2012 gegründete Unternehmen entwickelt Softwareschnittstellen, um andere Finanz-Apps wie Paypal oder die Investment-App Robinhood mit den Bankkonten ihrer Nutzer zu verbinden, etwa um die Kontodeckung zu prüfen.

Der Kunde kriegt dabei gar nicht mit, dass er Plaid nutzt. Der Dienst wird deshalb zum sogenannten „financial plumbing“ gezählt, zu Deutsch etwa „Wasserleitungen des Finanzsystems“. Man sieht sie nicht, aber könnte keinen Tag ohne sie auskommen.

Der letzte, ähnliche Deal ist erst zwei Monate her: Damals übernahm Paypal den Rabattprogrammanbieter Honey für vier Milliarden Dollar. Honey hatte bis dahin kaum Investorengeld eingeworben, war wegen seiner Daten über das Einkaufsverhalten von Millionen Konsumenten aber hochinteressant für den Zahlungsanbieter Paypal, der sein Geschäft so um ein Angebot erweitern kann.

Die Übernahmen von Plaid und Honey beweisen: Es lohnt sich, ein Klempner zu sein. Derzeit avancieren Fintechs, die kein Privatkunde je zu Gesicht bekommt, von Mauerblümchen zu Ballköniginnen.

Es zeigt sich auch in diesem Segment, was sich spätestens seit dem spektakulären Crash des Bürovermieters WeWork in anderen Tech-Branchen seit Monaten abzeichnet: In einer Zeit, in der Bekanntheit und Sex-Appeal eines Start-ups an Bedeutung verlieren, sehen die vermeintlich langweiligen, auf Unternehmenskunden ausgerichteten Geschäftsmodelle plötzlich ziemlich attraktiv aus.

Die neuen Stars der Tech-Szene brauchen keinen laut tönenden CEO und keine Versprechungen, mit zweifelhaften Geschäftsmodellen die Welt retten zu wollen. Es geht um handfeste Technologie, die ihr Potenzial bereits beweisen kann.

Gründe für den Erfolg der Klempner des Finanzwesens sind vielfältig

Ein Beispiel dafür ist Stripe. Das von zwei irischen Brüdern gegründete Unternehmen wickelt Onlinezahlungen für die Allianz oder Amazon ab, bekämpft Betrug und ermöglicht Ausländern die Start-up-Gründung in den USA. Mit 35 Milliarden Dollar Investorenbewertung ist Stripe das wertvollste nicht börsennotierte Tech-Unternehmen der USA – noch vor der Übernachtungsplattform Airbnb und weit vor den Stars der europäischen Fintech-Branche, die ähnlich alt sind: die Digitalbanken Revolut und N26 oder Transferwise, die Plattform für internationale Überweisungen aus London.

Die Gründe für den Erfolg der Klempner des Finanzwesens sind vielfältig: Es ist ein stabileres und margenträchtigeres Geschäft, Softwarelizenzen an Unternehmen zu verkaufen als Finanzdienstleistungen an preissensitive Privatleute – so, wie es etwa N26 tut. Die wechseln ihre Bank allein deswegen schon so ungern, weil sie sich mit dem Thema so wenig beschäftigen wollen wie möglich.

Oft haben die Klempner in ihrer Nische kaum Konkurrenz, weil sie Aufgaben lösen, die erst durch das Internet entstanden sind. Visa zum Beispiel partizipiert durch die Plaid-Übernahme an Geldströmen, in die Kreditkarten gar nicht mehr involviert sind.

Die auf Endkunden ausgerichteten Fintechs erbringen dagegen meistens uralte Dienstleistungen, nur eben mit den Mitteln des Internets aufgemotzt – wie N26 bei Konten oder Transferwise bei Überweisungen. Das bringt sie in direkte Konkurrenz zu alten, aber immer noch mächtigen Finanzinstitutionen. Egal, wie träge und oft erschreckend analog die Konkurrenz auch manchmal ist: Keine Konkurrenz zu haben ist immer einfacher.

Zumal die Konkurrenten auch die potenziellen Akquisiteure sind: Eine Großbank, die eine Herausforderer-Bank übernimmt, würde sich eingestehen, dass sie ihr Digitalgeschäft nicht geregelt bekommt. Die Plaid-Übernahme für Visa ist dagegen auch psychologisch deutlich angenehmer: Das Kerngeschäft mit Kreditkarten brummt ja weiter und wird nun um ein lukratives Zukunftsgeschäft ergänzt.

Für den deutschen Fintech-Sektor der nächsten Generation ist diese Entwicklung ein echtes Problem: Er hat einige starke Unternehmen hervorgebracht, doch fast alle sind sie auf Endkunden ausgerichtet. N26, der Onlineversicherer Wefox oder das Geldanlageportal Raisin. Ein großer Verkauf oder ein Milliardenbörsengang sind in der Branche der Herausforderer-Banken und -Versicherungen noch ausgeblieben.

Dabei gibt es auch in Europa Beispiele für Fintechs mit einer zweistelligen Milliardenbewertung, gelungenen Börsengängen und einer starken Wertentwicklung seitdem: Der Dax-Konzern Wirecard und Adyen aus Amsterdam – wie Stripe sind sie beide Zahlungsabwickler. Also Klempner.

Mehr: Mutige Angreifer – Wie Fintechs mit „Made in Germany“ den Finanzplatz USA erobern wollen

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