Kommentar: Gefährliche Abhängigkeit zwischen Strafgerichtshof und Microsoft

Es ist pure Not, die die Entscheidung erzwingt: Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) sucht Alternativen zur Software von Microsoft und anderen amerikanischen Softwareherstellern. Sollte die US-Regierung die Organisation als Ganzes mit Sanktionen belegen, könnte der Zugriff auf die Technologien abrupt stoppen. Und damit der Betrieb.
Politik und Wirtschaft in Deutschland sollten sich den Fall genau ansehen: Er zeigt, wie gefährlich die Abhängigkeit von wenigen marktbeherrschenden Technologieunternehmen ist. Noch läuft alles, noch ist die Bedrohung abstrakt.
Aber: Was heute in Den Haag Worst Case ist, kann morgen anderswo passieren. Insbesondere bei Cloud-Diensten, über die die Anbieter die Kontrolle haben.
Schmerzpunkte gibt es auch unabhängig von der Geopolitik. Dazu zählt die Preisgestaltung großer Technologieunternehmen. Broadcom etwa erhöhte die Preise nach der VMware-Übernahme massiv – mangels Alternativen zahlen die meisten Kunden den Aufpreis, auch viele Behörden.
Eine komplette Abkehr von „Made in USA“ wäre teuer, riskant und strategisch falsch. Amazon, Microsoft, Google und andere investieren Milliarden in Cloud und Künstliche Intelligenz. Internationale Konzerne brauchen diese Technologie, um wettbewerbsfähig zu bleiben.
Ein „Weiter so“ allerdings wäre gefährlich. Bei der Beschaffung geht es nicht mehr allein um Qualität, Preis und Lieferzeit – mehr denn je gilt es, die geopolitischen Risiken zu berücksichtigen. Bei Software ist es ähnlich wie bei seltenen Erden oder Vorprodukten für Antibiotika, wenn auch vielleicht nicht so akut.
Mit welcher konkreten Strategie Unternehmen und Behörden ihre Handlungsfähigkeit sichern können, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Eines ist aber überall gleich: Solche Szenarien lassen sich am besten entwickeln, solange keine Not besteht.