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Kommentar Hauptversammlungen brauchen dringend eine Reform

Continental, Daimler, Telekom und Beiersdorf verschieben wegen des Coronavirus ihre Aktionärstreffen. Das sollte Anlass sein, über Grundsätzliches nachzudenken.
17.03.2020 - 12:22 Uhr Kommentieren
Auch in Coronavirus-Zeiten stellt sich einmal wieder die Frage, ob es Hauptversammlungen überhaupt noch braucht. Quelle: dpa
Hauptversammlung der Deutschen Bank 2019

Auch in Coronavirus-Zeiten stellt sich einmal wieder die Frage, ob es Hauptversammlungen überhaupt noch braucht.

(Foto: dpa)

Daimlers „Wurstgate“ warf 2016 ein trauriges Schlaglicht auf die Institution Hauptversammlung. Bei dem Aktionärstreffen des Autobauers in Berlin kam es am Büffet zum Streit zwischen Kleinanlegern um die „Saitenwürschtle“. Zur Schlichtung musste Daimler-Chefaufseher Manfred Bischoff sogar die Polizei rufen lassen.

Der peinliche Vorfall krönte die ewige Kritik an Hauptversammlungen als nutzloses, aber teures Ritual. Dabei sind Hauptversammlungen neben Vorstand und Aufsichtsrat ein wichtiges Entscheidungsgremium der Aktiengesellschaft. 

Auch in Coronavirus-Zeiten stellt sich einmal wieder die Frage, ob es Hauptversammlungen überhaupt noch braucht. Das staatliche Verbot größerer Versammlungen jeglicher Art bringt Deutschlands Unternehmen in die Bredouille. Schließlich sollen sie laut Gesetz spätestens acht Monate nach dem Ende des Geschäftsjahrs ihre Anteilseigner zur Abstimmung einberufen. Auch gibt es keine Dividende, solange die Aktionäre nicht darüber abgestimmt haben.

Ein reines Online-Aktionärstreffen als Alternative schließt das Aktienrecht aus. So bleibt den Unternehmen nur eine Verschiebung, wie es Continental, Daimler, Telekom und Beiersdorf jetzt beschlossen haben. Weitere Absagen dürften folgen.

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    Trotz der teils verständlichen Kritik: Die Hauptversammlung hat ihre Daseinsberechtigung. Auch Kleinanleger und Belegschaftsaktionäre müssen einmal im Jahr die Möglichkeit haben, der obersten Führungsriege „ihres“ Unternehmens von Angesicht zu Angesicht Fragen zu stellen.

    Genauso wie es die Hauptversammlung braucht, braucht es aber auch eine neue HV-Kultur mit einer Generaldebatte, die ihren Namen verdient und bei der konstruktiv diskutiert wird. In Formalismus erstarrt und von kruden Redebeiträgen begleitet sind die Aktionärstreffen oft weder für Vorstand und Aufsichtsrat noch für die Anteilseigner ein Vergnügen.

    Schuld daran sind beide Seiten. Viele Aktionäre bleiben zu Hause und lassen ihre Stimmrechte verfallen. Oder sie kommen, verbringen ihre Zeit aber lieber damit, das Büffet abzuräumen. Stattdessen strapazieren nicht selten Aktivisten oder Kleinanleger mit großem Geltungsbedürfnis durch ellenlange Redebeiträge die Nerven aller Beteiligten. Von den Berufsklägern, die ihr Geld mit Formfehlern und Regelverstößen verdienen – und nur darauf warten, sie sogar provozieren – ganz zu schweigen.

    Stellen Aktionäre doch die richtigen kritischen Fragen, sind die Antworten von Vorstand oder Aufsichtsrat oft allgemein und wenig aussagekräftig. Das liegt auch daran, dass vorformulierte juristisch glattgebügelte Antworten aus dem Backoffice oder aus vorgefertigten Frage-und-Antwort-Listen verlesen werden.

    Auch sind die Vorträge der Vorstandschefs, eigentlich das Highlight zu Beginn einer jeden Hauptversammlung, gern zu lang, zu abstrakt, mit Fachbegriffen und Fremdwörtern gespickt. Was also tun, um Hauptversammlungen zu Plattformen des lebhaften Austauschs zu machen, bei denen der Mehrwert nicht nur im Essen besteht?

    Eine halbe Stunde Redezeit muss reichen

    Zunächst einmal gilt für Aktionäre: Eigentum verpflichtet. Wer nicht selbst teilnimmt, sollte sein Stimmrecht übertragen. Eine niedrige Präsenz spielt Großaktionären und Fonds in die Hände. Am Rednerpult zählt nur die aktuelle Entwicklung des Unternehmens und nicht die Vergangenheit. Emotionen sind gut, aber Kritik bitte sachdienlich und respektvoll üben. Und ganz wichtig: Konkrete Fragen erhöhen die Chance auf konkrete Antworten.

    Dazu braucht es aber auch Versammlungsleiter, also Aufsichtsratschefs, die auf Sachdebatte drängen und Zeitdisziplin einfordern. Und die im Zweifel konsequent einschreiten. Nicht ohne Grund erlaubt der Gesetzgeber Redezeitbeschränkungen. Beim lästigen Thema Anfechtungsklagen können allerdings nur Gesetzesreformen und am Ende die Gerichte helfen, Angriffsfläche für renitente Aktionäre zu reduzieren.

    Auch die Konzernchefs sollten mit gutem Beispiel vorangehen. Eine halbe Stunde Redezeit über Geschäftsentwicklung, Perspektiven und Strategie muss reichen. Zumal meist nur das vorgetragen wird, was ohnehin im Geschäftsbericht nachzulesen ist. So bleibt mehr Zeit für die Fragen der Aktionäre.

    Das Jahr 2020 könnte eine Zäsur sein, um die eingeübten, aber von allen beklagten Hauptversammlungsrituale in Deutschland zu reformieren. Weil sich beide Seiten einmal wieder auf die Frage konzentrieren sollten, welchen Sinn haben die Aktionärstreffen eigentlich? Und: Wie lassen sich Hauptversammlungen modernisieren?

    Viele Aktionärstreffen haben bis heute nicht einmal den Weg ins Internet gefunden. Damit Anteilseigner wenigstens passiv an der Debatte um ihr Unternehmen teilhaben können. Von Live-Voting ganz zu schweigen. Das aber sollte ein Auftrag für die nächste Reform des Aktienrechts sein. Dann wären Verschiebungen wie jetzt durch die Coronakrise nicht so schwierig. Und es wäre ein wichtiger Beitrag für mehr Aktienkultur in Deutschland.

    Mehr: Was das Coronavirus für die Hauptversammlungen bedeutet

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