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KommentarKein Impfstoff dieser Welt wird die Folgen der Corona-Pandemie heilen

Die Kursexplosion an den Börsen zeigt den gewaltigen Erwartungsdruck. Doch der Hype an den Finanzmärkten sollte die Menschen nicht irreführen.Dieter Fockenbrock 10.11.2020 - 18:16 Uhr Artikel anhören
Foto: Kostas Koufogiorgos

Mehr Aufmerksamkeit kann sich ein so kleines Unternehmen wie Biontech aus Mainz kaum wünschen: Der designierte Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika, Joe Biden, spricht von „exzellenten Neuigkeiten“, weil die deutsche Biotechfirma gemeinsam mit dem US-Pharmariesen Pfizer positive Nachrichten zur Entwicklung eines Corona-Impfstoffs gemeldet hat.

Dass der noch amtierende Präsident Donald Trump Wahlmanipulation vermutet, weil diese Forschungsergebnisse erst nach dem US-Wahltag bekanntgegeben wurden, verstärkt den Hype um den Impfstoffkandidaten BNT162b2 nur. Dabei spielt es keine Rolle, ob Trump wieder einmal Unsinn erzählt oder nicht.

Weltweit gehen die Börsen durch die Decke. Biontech und Pfizer haben eine Euphorie an den Finanzmärkten ausgelöst, die ihresgleichen sucht. Selbst Lufthansa-Chef Carsten Spohr muss den Impfstoff-Forschern dankbar sein. Keine Nachricht in den vergangenen Monaten hat den Börsenkurs der schwer angeschlagenen Kranich-Airline so beflügelt wie die veröffentlichten positiven Testergebnisse. Nicht einmal die milliardenschwere Hilfe durch den Staat.

Die Erfolgsmeldung von Biontech bei der Suche nach einem Impfstoff gegen Corona hat die Welt bewegt – nicht nur Börsenkurse. Das erinnert ein wenig daran, dass Deutschland einst den Ruf als „Apotheke der Welt“ genoss, den Mediziner wie Robert Koch oder Paul Ehrlich vor über 100 Jahren begründeten. Auch sie hatten Wirkstoffe gefunden, mit denen Geißeln der Menschheit wie Tuberkulose und Diphtherie besiegt werden konnten.

Jetzt also ein Vakzin oder gar der Wirkstoff aus Deutschland gegen Covid-19? Kaum sind die Neuigkeiten auf dem Markt, beschäftigen sich alle halbwegs Berufenen schon mit der Verteilung. Wer darf zuerst geimpft werden, wie kommt das Vakzin zu den Menschen?

Aber Vorsicht! Die Explosion an den Börsen zeigt nur, wie hoch der Druck bei Pharmafirmen und Investoren ist. Die Börsen ignorieren ohnehin schon seit Monaten die Realität. Die Notierungen strebten von Rekord zu Rekord, während Intensivstationen sich mit Patienten füllten.

Folgen der Pandemie sind noch gar nicht komplett absehbar

Es mag sein, dass Börsen die Zukunft vorwegnehmen. Irgendwann werden wir sicherlich auch die Corona-Pandemie in den Griff bekommen. Am Montag blieb aber der Eindruck zurück, alles werde wieder gut. Das wird es aber nicht. Die Folgen der Pandemie sind noch gar nicht vollends sichtbar.

Vorsicht vor zu schneller Entwarnung: Der Impfstoff wird nicht die Welt retten.

Foto: dpa

BNT162b2 kann mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit nicht die Welt retten – wie die Börsen suggerieren. Vor allem nicht allein. Es ist ein Impfstoff von vielen, die entwickelt werden – und deren Wirkung noch gar nicht abschließend beurteilt werden kann.

Das Tempo ist einfach zu hoch, als dass die jetzt vorgelegten ersten Wirkungsanalysen als gesichert angesehen werden dürfen. Niemand kann heute sagen, ob das Vakzin gegen jede Variante des Covid-19-Virus erfolgreich eingesetzt werden kann, wie lange es wirkt, ob es überhaupt jeden Patienten schützt.

Normalerweise dauert die Entwicklung eines neuen Impfstoffs mindestens vier Jahre – und nicht ein Dreivierteljahr, wie jetzt unter dem Druck der Corona-Pandemie. Und selbst dann liegen Erfolg und Misserfolg manchmal eng beieinander. Sanofi musste das bitter erfahren. Ein über Jahre entwickelter Impfstoff gegen das Denguefieber erwies sich nach erfolgreicher Erprobung an 30.000 Menschen dann doch als Flop wegen gravierender Nebenwirkungen.

Die Gefahr ist daher groß, dass wir jetzt zu viel erwarten – und zu schnelle Erfolge gegen Covid-19. Und dass wir zudem in dieser vagen Hoffnung auch aus den Augen verlieren, welche Folgen die Pandemie für Wirtschaft und Gesellschaft haben wird.

Egal, wann ein wirksamer Impfstoff auf den Markt kommt: Tausende Menschen werden die Seuche nicht überleben, Tausende Unternehmen werden auf der Strecke bleiben: hoffnungsvolle Start-ups, noch junge Unternehmen, der Italiener um die Ecke. Man kann das nüchtern als Marktbereinigung betrachten. Aber da gehen keine unfähigen Unternehmer unter, sondern tatkräftige Menschen. Ob die sich einen neuen Versuch trauen werden?

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Auch wird es in der Luftfahrt nach der Krise nicht wie vor der Krise sein. Das Geschäftsmodell der Lufthansa beispielsweise ist nachhaltig ins Wanken geraten. Werden wir künftig Massenverkehrsmittel meiden? Auf jeden Fall dürfte die Sorglosigkeit dahin sein und damit auch das Vertrauen in andere, in die Gemeinschaft. Politik wird nach Corona nicht wie vor Corona sein.

Gesundheitsminister Jans Spahn sagte nach der Zwischenerfolgsmeldung von Biontech und Pfizer, die Aussicht auf einen Impfstoff gebe „Kraft für die Wochen, die gerade schwer sind“. Es dürften eher noch schwere Monate werden. Der Hype an den Finanzmärkten darf uns nicht irreführen.

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