Corona-Pandemie: Die Impfstoff-Rally – Durchbruch bei Biontech sorgt für Euphorie an den Börsen
Biontech und Pfizer planen, noch in diesem Monat in den USA eine Notfallgenehmigung für den Impfstoff zu beantragen.
Foto: dpaFrankfurt. Die Mainzer Biotechfirma Biontech und ihr US-Partner Pfizer haben die Hoffnung auf eine baldige Zulassung für den ersten Covid-19-Impfstoff beflügelt. Am Montag legten die Unternehmen überraschend gute und vielversprechende klinische Daten für ihren Impfstoffkandidaten vor – und sorgten damit sowohl in der Politik als auch an den Finanzmärkten für Euphorie.
Der deutsche Leitindex Dax legte nach Bekanntgabe der Ergebnisse um rund sechs Prozent zu. Vor allem Werte, die bisher stark unter den Folgen der Pandemie gelitten hatten, profitierten: Die Lufthansa-Aktie etwa stieg um fast ein Viertel, die Aktien von BASF und Allianz gewannen jeweils gut zehn Prozent.
Biontech selbst legte im frühen New Yorker Handel um 13 Prozent zu. Die Marktkapitalisierung stieg damit auf umgerechnet rund 20 Milliarden Euro. Das zeigt, wie sehnsüchtig die Welt auf einen Impfstoff wartet.
Die Zwischenergebnisse der laufenden Studie (Phase 3) mit dem Impfstoffkandidaten BNT162b2 deuten laut Biontech darauf hin, dass das Infektionsrisiko um mehr als 90 Prozent verringert werden kann. Der Impfstoffkandidat übertrifft damit offenbar sowohl die Anforderungen der US-Zulassungsbehörde FDA als auch jene vieler Experten deutlich.
Die Nachricht sorgte global für Erleichterung. Der künftige US-Präsident Joe Biden sprach von „exzellenten Neuigkeiten“ und gratulierte den „brillanten Frauen und Männern, die zu diesem Durchbruch beigetragen haben“. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) nannte die Fortschritte „sehr ermutigend“.
Ugur Sahin, der Chef und Mitgründer von Biontech, kommentierte die Nachricht im Gegensatz zu den Politikern weltweit ganz im Stil des nüchternen Wissenschaftlers: „Die erste Zwischenanalyse unserer globalen Phase-3-Studie weist darauf hin, dass ein Impfstoff Covid-19 verhindern kann. Dies ist ein Sieg für die Innovation, Wissenschaft und weltweite Zusammenarbeit.“
Tatsächlich haben Biontech und Pfizer mit den ersten Daten aus ihrer großen Covid-19-Impfstoff-Studie eine Welle der Erleichterung ausgelöst. Denn sie liefern den ersten Beleg, dass Impfstoffe gegen Sars-Cov-2 tatsächlich funktionieren könnten. Sie sind damit auf Kurs für eine erste Zulassung noch in diesem Jahr und stärken indirekt auch die Zuversicht für eine ganze Reihe weiterer Impfstoffprojekte.
Zudem hat, neben den positiven Ergebnissen zur Wirksamkeit, auch das Überwachungskomitee, das die Studie betreut und auswertet, laut Biontech keine schwerwiegenden Sicherheitsbedenken feststellen können. Es empfehle, so Biontech, die Studie wie geplant weiterzuführen, um zusätzliche Daten zur Wirksamkeit und Sicherheit zu sammeln. Die Daten werde man dann weltweit mit den Zulassungsbehörden diskutieren.
Der Impfstoffkandidat von Biontech dürfte damit gute Chancen haben, sowohl die Sicherheits- als auch die Wirksamkeitskriterien der Zulassungsbehörden zu erfüllen. Die US-Arzneimittelbehörde FDA hat als Kriterium für eine reguläre Zulassung festgelegt, dass ein Impfstoff sicher sein muss und das Infektionsrisiko um mindestens 50 Prozent senken sollte. Zudem hat sie gefordert, dass für eine Notfallzulassung mindestens die Hälfte der Studienteilnehmer über einen Zeitraum von Minium zwei Monaten nach der letzten Impfung beobachtet werden muss.
„Das ist schon mehr als nur ein Licht am Ende des Tunnels“
Biontech und Pfizer erhielten angesichts der vielversprechenden Daten sowohl vonseiten der Investoren und Analysten als auch aus der Politik enormen Beifall. Shu Zhiqiang, Analyst bei Berenberg, bezeichnete die Nachrichten als sehr positiv. „Die Daten sehen sehr beeindruckend aus“, erklärte er. „Ich würde davon ausgehen, dass die Behörden in Europa ein großes Interesse daran haben, dass der Impfstoff auch schnell in Europa verfügbar sein wird.“
Gesundheitsminister Spahn zeigte sich besonders erfreut darüber, dass es ein „deutsches Forscher- und Entwicklerteam ist“, das ganz vorn bei der Suche nach einem Impfstoff gegen Sars-CoV-2 dabei sei. Der Arzneimittelexperte der Unionsfraktion im Bundestag, Michael Hennrich (CDU), sagte dem Handelsblatt: „Das ist schon mehr als nur ein Licht am Ende des Tunnels.“ Richard Hatchett, der CEO der internationalen Impfstoff-Allianz CEPI, wertete die Daten als „enorm positiv“ und als „historische Zwischenresultate“.
Pfizer und Biontech wollen den Antrag für eine Notfallzulassung (Emergency Use Authorization) in der dritten Novemberwoche einreichen, wenn die von der US-Behörde geforderten Sicherheitsdaten von mindestens zwei Monaten vorliegen. In Europa befindet sich der Impfstoff bereits in einem sogenannten rollierenden Zulassungsverfahren.
Wann genau hier eine Zulassung erfolgen könnte, lässt Biontech offen. Konkrete Regelungen für eine Notfallzulassung wie in den USA gibt es bei der europäischen Arzneimittelbehörde nicht. Allerdings dürfte auch die EMA das Verfahren soweit es geht beschleunigen.
Die Bundesregierung rechnet damit, dass ein Impfstoff in Deutschland Anfang des kommenden Jahres zur Verfügung stehen könnte. Priorität bei den ersten Impfungen sollen Senioren, Menschen mit Vorerkrankungen und Beschäftigte im Gesundheitswesen haben.
Die Sicherheit der Impfstoffe wird dabei einen ebenso hohen Stellenwert haben wie ihre Wirksamkeit. Denn die Entwickler bewegen sich in dieser Hinsicht auf einem heiklen Grat.
Aufgrund der massiven Folgen der Corona-Pandemie weltweit wurde im Falle der Covid-Impfstoffe die Produktentwicklung, die normalerweise Jahre dauert, auf wenige Monate verdichtet. Ernsthafte Zweifel an der Sicherheit können sich jedoch weder Hersteller noch Zulassungsbehörden leisten, weil dann die Impfbereitschaft in der Bevölkerung zu gering wäre, um eine breite Immunisierung zu erreichen.
Wichtige Bestätigung für neuartige Klasse von Arzneimitteln
Ein Erfolg bei der Entwicklung des Covid-Impfstoffs hätte für Biontech unterdessen Strahlkraft, die deutlich über das konkrete Projekt hinausgeht. Denn mit diesem Impfstoff des Unternehmens würde erstmals ein Vakzin auf Basis von Boten-Nukleinsäuren (mRNA) zugelassen.
Er wäre damit auch eine enorm wichtige Bestätigung für diese neuartige Klasse von Arzneimitteln, die potenziell ein sehr breites Einsatzspektrum hat. Biontech testet mRNA-Wirkstoffe zum Beispiel auch in der Krebsbehandlung.
Die positiven Daten für den Covid-Impfstoff sprechen zudem dafür, dass auch weitere mRNA-Vakzine gegen Covid-19, so insbesondere die Impfstoffkandidaten der Tübinger Biotechfirma Curevac und der US-Firma Moderna, gute Erfolgsaussichten im Kampf gegen Covid-19 haben könnten.
Biontech und Pfizer wollen im laufenden Jahr bis zu 50 Millionen Impfstoffdosen produzieren und weitere bis zu 1,3 Milliarden Dosen im kommenden Jahr. Die USA haben bereits 100 Millionen Einheiten des Impfstoffs für 1,95 Milliarden Dollar fest geordert. Die EU hat mit Biontech und Pfizer einen Vorvertrag für die Lieferung von 200 Millionen Dosen vereinbart.
Darüber hinaus bestehen Lieferverträge mit Japan und Großbritannien. Analysten gehen davon aus, dass die Anfangsmengen von 50 Millionen Dosen entsprechend den bisherigen Deals aufgeteilt werden – vorausgesetzt, es werden überall Zulassungen erteilt.
Klar ist indessen, dass auch bei einer schnellen Zulassung die Impfstoffe vorerst noch knapp sein werden und zunächst auf keinen Fall für die Impfung breiter Bevölkerungsschichten ausreichen werden. Zudem geht die Impfstoffversorgung mit erheblichen logistischen Herausforderungen einher, da die mRNa-Vakzine bei sehr niedrigen Temperaturen von etwa minus 80 Grad gelagert und transportiert werden müssen.
Weltweit werden etliche Milliarden an Impfstoffdosen benötigt
Neben dem Produktkandidaten von Biontech und Pfizer befinden sich weltweit noch neun weitere Impfstoffe in der Endphase der klinischen Entwicklung. Das heißt, sie werden ebenfalls an einer großen Zahl von Probanten getestet.
Für die westlichen Märkte sind dabei vor allem die Projekte von Astra-Zeneca und der Oxford University, der Impfstoffkandidat von Moderna sowie Projekte von Johnson & Johnson und Novavax relevant. Darüber hinaus arbeiten unter anderem auch die Pharmakonzerne Sanofi und Curevac an Covid-Impfstoffen, die sich aber noch in einer früheren Phase der klinischen Tests befinden.
Auch Moderna will noch im November erste Resultate aus einer Studie vorlegen, Astra-Zeneca bis Jahresende.
Die bisherigen Deals sprechen dafür, dass sich für die Impfstoffentwickler im Erfolgsfall ein neuer zweistelliger Milliardenmarkt entwickeln dürfte. Denn weltweit werden etliche Milliarden an Impfstoffdosen benötigt.
Die Preise für die Anfangslieferungen bewegen sich – soweit Konditionen bekanntgemacht wurden – überwiegend zwischen zehn und 20 Dollar je Einheit. Sie dürften in der Folge allerdings sinken.
Wie sich der Markt längerfristig entwickelt, dürfte nicht zuletzt davon abhängen, wie lange eine Immunisierung durch Impfstoffe wirklich anhält. Manche Fachleute schließen nicht aus, dass die Impfungen ähnlich wie bei Influenza jährlich wiederholt werden müssen.