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Kommentar Nicht nur die Autoindustrie braucht Hilfe

Die Politik diskutiert über Hilfen für die Autoindustrie. Dabei dürfen allerdings andere Branchen nicht übersehen werden, die auch Wohlstand und Beschäftigung sichern.
26.05.2020 - 04:00 Uhr 1 Kommentar
Die Autoindustrie wirbt dank guter Lobbyarbeit europaweit für Staatshilfen. Quelle: dpa
VW-Produktion

Die Autoindustrie wirbt dank guter Lobbyarbeit europaweit für Staatshilfen.

(Foto: dpa)

Selten hat eine Branche derart ungeniert staatliche Hilfen eingefordert wie die deutsche Autoindustrie in der Coronakrise. Unisono warben die Verbandspräsidentin sowie die Chefs von Volkswagen, Daimler und BMW in den vergangenen Tagen und Wochen für Kaufanreize – und wussten in der Politik nicht nur die Ministerpräsidenten der „Autoländer“ Niedersachsen, Bayern und Baden-Württemberg an ihrer Seite. Selbst bei den Grünen kann sich Fraktionschef Anton Hofreiter „eine Innovationsprämie für klimafreundliche Antriebe“ vorstellen.

Auch in der Argumentation herrscht Harmonie: Die Autoindustrie sei das Rückgrat der deutschen Wirtschaft, mit ihr stehe und falle die Zukunft des Wirtschaftsstandorts, war da von Politikern aller Art zu hören. Bundeskanzlerin Angela Merkel verwies ebenfalls während eines Gesprächs mit Branchenvertretern Anfang Mai auf die „besondere Bedeutung der Automobilindustrie für Wertschöpfung und Beschäftigung in Deutschland“.

Das ist alles nicht falsch. Die Autoindustrie ist die größte Branche des verarbeitenden Gewerbes und gemessen am Umsatz der mit Abstand bedeutendste Industriesektor in Deutschland. Und sie ist nicht zuletzt wegen ihrer vielfältigen Verflechtungen mit anderen Wirtschaftszweigen – vom Zukauf von Teilen, Komponenten und Rohstoffen über Händler, Werkstätten und Tankstellen bis hin zu Services rund um das Auto – ein Schwergewicht in unserem Land. Geht es der Leitindustrie schlecht, trifft das die deutsche Wirtschaft empfindlich.

In Auto-Deutschland wird allerdings oft vergessen, dass es auch noch andere wichtige Branchen gibt. Solche wie Einzelhandel und Tourismus zum Beispiel, die ebenfalls eine elementare Rolle spielen, wenn es darum geht, Wohlstand und Arbeitsplätze im Land zu sichern – und sich zum Teil durchaus auf Augenhöhe mit der Autoindustrie bewegen.

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    Lassen wir einfach mal die Zahlen sprechen und werfen ein Blick auf die Jobs: Von der Autoindustrie hängen fast zwei Millionen Arbeitsplätze direkt oder indirekt ab. Das sind gut vier Prozent der rund 45 Millionen Erwerbstätigen in Deutschland – und damit weniger als im Einzelhandel und im Tourismus, die je auf rund drei Millionen kommen. Auch wenn gerade im Einzelhandel viele Menschen in Teilzeit tätig sind, beide Wirtschaftszweige gehören ebenfalls zu den großen Arbeitgebern im Land. Auch im Bau- und Gastgewerbe arbeiten mit 2,5 beziehungsweise 1,9 Millionen nicht gerade wenige Menschen.

    Volkswagen, BMW und Daimler kündigen mehr an als sie liefern

    Oder nehmen wir die (Brutto-)Wertschöpfung, eine volkswirtschaftliche Kennzahl, die den Gesamtwert aller produzierten Waren und Dienstleistungen – ohne sogenannte Vorleistungen – angibt. Sie dient als Basis für die Berechnung des Bruttoinlandsprodukts. 2017, aktuellere vergleichbare Zahlen sind nicht verfügbar, erbrachte die Autoindustrie laut Statistischem Bundesamt eine Wertschöpfung von rund 106 Milliarden Euro. Das entsprach einem Anteil von etwa 3,6 Prozent an der Wertschöpfung in Deutschland. 

    Zum Vergleich: Das Baugewerbe kam auf einen Anteil von rund 4,7 Prozent, der Tourismus auf 3,9, der Einzelhandel auf 3,6 und der Maschinenbau auf 3,5 Prozent. Auch diese Branchen leisten also einen beträchtlichen Beitrag zu unserer Leistungsstärke.

    In der Tat ist es noch immer so, dass die Autoindustrie mit 27,1 Milliarden Euro im Jahr 2018 deutlich mehr als alle anderen Branchen in Forschung und Entwicklung (F&E) investiert – und damit als Innovationstreiber in Deutschland und der Welt gilt. Mit 38 Prozent der F-&-E-Investitionen der gesamten deutschen Wirtschaft, ohne Staat und Hochschulen, werden in der Autoindustrie annähernd so hohe Ausgaben getätigt wie in den Branchen Elektronik, Maschinenbau, Pharma und Chemie zusammen.

    Klar ist aber auch: Trotz der milliardenschweren Investitionen hat die deutsche Autoindustrie die erste Runde der Elektromobilität verschlafen – Volkswagen, Daimler und BMW kündigen mehr an, als sie liefern. Obendrein hat der Dieselskandal das Ansehen der Vorzeigeindustrie auch mit Blick auf ihre Innovationskraft und Wettbewerbsfähigkeit beschädigt. Umso weniger verständlich ist es, dass die Branche nun für alle Antriebsarten, also nicht nur für Elektro- und Hybridautos, sondern auch für Diesel- und Benzinautos, Kaufanreize fordert.

    Zudem darf nicht vergessen werden, dass die Autoindustrie einen großen Nachteil hat. Aufgrund ihrer starken Exportorientierung, fast zwei Drittel ihres Umsatzes machen die deutschen Hersteller im Ausland, ist sie stark abhängig von den globalen Entwicklungen in Wirtschaft und Politik. So war der von US-Präsident Donald Trump provozierte Handelskonflikt mit China und der EU Gift für das hochglobalisierte Geschäftsmodell, ebenso der Brexit.

    Das Fazit: Ja, der Autoindustrie gebührt zu Recht eine hohe Aufmerksamkeit in Deutschland. Aber andere Branchen sind ebenfalls maßgeblich, damit es unserem Land gut geht. Sie sollten gerade jetzt in der Coronakrise nicht ins Hintertreffen geraten, auch wenn sie eine kleinere Lobby haben.

    Mehr: EU-Kommission erwägt angeblich Kaufprämie für saubere Autos

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    1 Kommentar zu "Kommentar: Nicht nur die Autoindustrie braucht Hilfe"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • Sehr interessanter Beitrag. Durch Angeberei und Betrug ist es einem Industriezweig gelungen, völlig überteuerte Produkte auf den Markt zu bringen. Ich weiß nicht, ob das Innovationspotential dieses Zweiges ausreicht, uns Dinge zu liefern, die für unser wirtschaftliches Überleben wichtig sind.

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