Kommentar: Warum Deutschland dem Silicon Valley bei Steuervergünstigungen nicht nacheifern sollte
Der Bundesverband Deutsche Startups will mit einfacheren und steuerlich günstigeren Beteiligungsprogrammen auch mehr Talente aus dem Ausland locken.
Foto: obsEin Verband, der Steuervorteile erreichen will, sollte die Sache so angehen wie der Bundesverband Deutsche Startups. Am Montag hat er beim Wirtschaftsminister eine Audienz bekommen und konnte seine Forderungen nach besseren Bedingungen für Mitarbeiterbeteiligungen erklären.
Eine Kernforderung sind dabei Steuererleichterungen. Mitarbeiter sollen auf Anteile weniger Steuern zahlen und sie bestenfalls steuerfrei reinvestieren können. Da stellt sich bei Steuerzahlern wie Budgetverwaltern grundsätzlich eine Abwehrreaktion ein. Aber die Argumentation ist bestechend.
Zuerst wird klargestellt, dass die eigenen Ziele von allgemeinem Interesse sind: Deutschland soll doch Vorreiter bei Zukunftstechnologien werden. Das Land braucht wettbewerbsfähige Digitalkonzerne. Die größten Talente müssen im Land bleiben und sollten bestenfalls sogar zuwandern. Wer würde da widersprechen?
Im zweiten Schritt wird vorgerechnet, was dazu nötig ist. Das hat der Start-up-Verband zusammen mit strategischen Partnern unter anderem von der Unternehmensberatung BCG ebenfalls gut gemacht. Sie zeigen Erfolgsmodelle aus anderen Ländern auf. Etwa das Lieblingsbeispiel Silicon Valley. Aus dem Start-up-Steuerparadies sind die Digitalgiganten Google und Facebook hervorgegangen und mit ihnen Neumillionäre, die in weitere Start-ups investiert haben.
Das Ganze wird unterfüttert mit Stimmen vom „Who’s who“ der deutschen Szene und dem eindeutig zustimmenden Meinungsbild des ganzen Sektors: Ohne ebenso förderliche oder gar bessere Konditionen würden die besten Ideen und Geschäftsmodelle nicht helfen, sich im Wettstreit um Talente durchzusetzen.
Die Frage ist, ob man aus der Vergangenheit auf die Zukunft schließen kann. Und die wirtschaftliche Dynamik der ersten Digitalisierungsphase für die zweite Phase wünschenswert ist. Die nächste Generation von Start-ups wird in die Industrie vordringen. Sollten die Rahmenbedingungen wirklich begünstigen, dass dann ein kleiner Zirkel immer mächtiger werdender junger Unternehmen die Macht übernimmt?
Deutschland braucht kein Google der Industrie. Viel besser wäre ein digitaler Mittelstand, der sich mit spezifischen Lösungen in die Unternehmenslandschaft integriert und vernetzt – als verlässlicher Partner und auf Augenhöhe. Eine Blaupause dafür gibt es noch nicht. Für die Debatte um die Rahmenbedingungen aber ist es höchste Zeit.
Denn die Talentfrage bleibt kritisch. Deutschland hatte mit seiner gesunden Wirtschaft und der recht geringen gesellschaftlichen Spaltung zwischen Arm und Reich immer gute Argumente für talentierte Zuwanderer – bisher auch ohne Steuergeschenke. Und das sollte auch so bleiben.