Kommentar: Stefan Hartung soll Bosch weitere fünf Jahre führen

Es ist nicht der Stil von Bosch, im Sturm den Kapitän auszutauschen. Entsprechend hält das Unternehmen am Vorsitzenden der Geschäftsführung fest. Es stärkt Stefan Hartung den Rücken beim historisch gesehen größten Personalabbau im Inland. Anders als beim Konkurrenten ZF werden ihm an der Spitze des weltgrößten Automobilzulieferers höhere Steuerkünste zugetraut. Aus der Entlassungswelle soll ja kein Tsunami werden.
Der Industrietanker Bosch mit 90 Milliarden Euro Umsatz war noch nie auf nervöse Kursänderungen ausgelegt. In der Vergangenheit hat Bosch noch jeden Sturm überlebt, aber dieser ist heftig.
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Der jetzige Mann am Steuer ist sicher quirliger als alle seine Vorgänger nach dem Krieg. Er springt gerne auf angesagte Themen auf, ob Wasserstofftechnologie, KI oder zuletzt Software. Hartung prescht vor, macht die Sache zum Oberthema mit Milliardeninvestitionen. Selbst wenn sich Hoffnungswerte als Flop erweisen, der gebürtige Dortmunder bleibt Optimist.
Er konnte sich seine Zeit ja nicht aussuchen. Chipkrise, Ukrainekrieg, US-Zölle treffen auf eine sinkende Produktivität in Deutschland. Wenn Bosch jetzt fast jeden fünften der 130.000 Arbeitsplätze in Deutschland streicht, dann rollt ein echter Tsunami auf die deutsche Wirtschaft zu.
Das Geschäftsmodell von Bosch, alleinstehende Technologie in hoher Qualität und Stückzahl zu bauen, funktioniert zumindest am teuren Standort Deutschland nicht mehr. Aus Bosch wird in den nächsten Jahren ein internationaler Konzern mit deutlich schwächeren deutschen Wurzeln.
Den ganz großen Einschnitt beim Personal hat Hartung allerdings lange vor sich hergeschoben. Die eigene Vertragsverlängerung ist nicht dadurch gerechtfertigt, dass er jetzt die Grausamkeiten begeht, die keinem Unternehmenslenker Spaß machen.
Bosch braucht „mehr Technik zum Überleben“
Es geht um mehr: Hartung muss möglichst bald zeigen, dass Bosch die Milliarden für Forschung und Entwicklung nicht umsonst ausgibt. Denn mit Zukäufen lassen sich Defizite im Produktportfolio nicht auf Dauer ausgleichen, zumal Bosch sich dafür über acht Milliarden Euro leihen musste.
Vergangene Woche feierte Hartung das zehnjährige Bestehen des mehr als 300 Millionen Euro teuren Forschungscampus von Bosch in Renningen. 1300 Entwickler arbeiten in „Boschs Stanford“. Hartung lobte die Forscher und stellte Brennstoffzellenantriebe, Coronatests und KI-Innenraumsensorik als Erfolge dar. Nicht schlecht, aber zu wenig für Boschs Ansprüche.
„Forschung ist die Umwandlung von Geld in Wissen, Innovation ist die Umwandlung von Wissen in Geld“, sagte Hartung. Er weiß genau, worum es geht. Bosch selbst braucht in Anlehnung an den eigenen Leitspruch „Technik fürs Leben“ vor allem in Deutschland eben „mehr Technik zum Überleben“. Erst das Gelingen rechtfertigt seine Vertragsverlängerung.
Erstpublikation: 29.10.2025, 07:13 Uhr.