Kommentar: Wer sozialen Frieden will, muss bauen

Der Juli ist für Maklerhäuser und Immobilienplattformen der Monat, um Bilanz des ersten Halbjahrs zu ziehen. Vor allem bei den Mieten gibt es neue Rekorde zu vermelden. So kostet ein Quadratmeter Wohnraum, den man neu anmietet, in München inzwischen im Schnitt 21 Euro.
Bundesweit ist die durchschnittliche Neuvertragsmiete mit 8,56 Euro deutlich niedriger, aber ein Blick in die jüngere Vergangenheit zeigt, wie rasant die Mieten nach oben gehen. Den Anstieg von über 15 Prozent bei den Neuvertragsmieten bestätigt auch das Statistische Bundesamt, also eine Behörde, die nicht dafür bekannt ist, dem Deutschen Mieterbund nach dem Mund zu reden.
2022 – neuere Zahlen hat das Statistische Bundesamt noch nicht – gaben Mieter im Schnitt knapp 28 Prozent ihres Nettoeinkommens fürs Wohnen aus. 1,6 Millionen Haushalte müssen mehr als 50 Prozent ihres Einkommens für die Miete aufwenden.
Menschen, die leidlich günstig wohnen und momentan nicht auf der Suche nach einer neuen Bleibe sind, können diese Entwicklung mit einem wohligen Gruseln beobachten.
Obendrein repräsentiert die Gruppe derer, die freiwillig oder unfreiwillig mit diesem Problem konfrontiert sind, nicht unbedingt das Gros der Bevölkerung dieses Landes. Sie wächst aber, und zwar schnell.
Die geteilte Gesellschaft
Nicht nur deshalb sollten die Entwicklungen am Wohnungsmarkt niemanden gleichgültig lassen, vor allem Entscheiderinnen und Entscheider nicht.
Was momentan hier passiert, kann dazu beitragen, dass sich unsere Gesellschaft immer weiter spaltet: Auf der einen Seite stehen Menschen, die entweder das Geld haben, um Höchstmieten und hohe Immobilienpreise zahlen zu können, oder das Glück haben, ohnehin günstig zu wohnen. Auf der anderen Seite stehen Menschen, die keinen bezahlbaren Wohnraum mehr dort finden, wo sie ihren Lebensunterhalt verdienen. Letztere Gruppe wird mit steigenden Mieten weiterwachsen und nach und nach mit einer gewissen Verbitterung durchs Leben gehen. Radikalen Stimmungsmachern ist es dann ein Leichtes, diese Menschen zu erreichen.
Am Wohnungsmarkt werden über kurz oder lang Wahlen entschieden. Je nachdem, wie sich dieser Markt entwickelt, werden die Wahlen nicht unbedingt die Parteien zu den stärksten machen, die in der Vergangenheit dafür gesorgt haben, dass dieses Land sicher und wettbewerbsfähig ist und die meisten seiner Bewohner im Wohlstand leben können.
Diese Erkenntnis ist nicht neu, und es wird immer wieder vor dieser Entwicklung gewarnt. So ist die Klage einiger Wirtschaftsführer und Elder Statesmen, in Deutschland gebe es – auch wegen der hohen Wohnkosten – kein Aufstiegsversprechen mehr, inzwischen eher ein Gähner als ein Aufreger.
Doch die Menschen, die Entscheidungen treffen und gegensteuern können, tun wenig oder zumindest nichts, was öffentlich sichtbar wird und ein „Wir tun was!“ oder wenigstens ein „Wir schaffen das!“ an die Bevölkerung sendet.
Am Wohnungsmarkt muss endlich etwas geschehen. Es ist sinnlos, sich in Scharmützeln über das Für und Wider der Mietpreisbremse und deren Ausgestaltung aufzuhalten. Genauso wenig sinnvoll ist es, sich ausschließlich darauf zu kaprizieren, das Baurecht, das zweifelsohne viele Menschen, die in diesem Land bauen wollen, an den Rand des Wahnsinns treiben kann, zu reformieren.
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Es braucht den Blick aufs große Ganze. Die Frage, wie möglichst viele Menschen in diesem Land bezahlbar und gut wohnen können, wird nicht mit ein paar 10.000 mehr geförderten Wohnungen beantwortet werden. Günstige Wohnungen zu bauen oder wenigstens Bauland dafür zur Verfügung zu stellen wäre wichtig und richtig, aber nur ein Teil der Lösung.
Raus aus der Komfortzone
Es braucht mehr Zusammenhalt und mehr gemeinsames Vorgehen. Politik und Verwaltung sollten sich zusammenraufen, das Gleiche gilt für die Immobilienwirtschaft. Diese Gruppen sollten gemeinsam, mit den Menschen, die in diesem Land wohnen, einen Plan erarbeiten. Das klingt nach viel Gerede, bei dem am Ende wenig herumkommt. Das muss nicht sein, wenn in den Regionen – denn Wohnungspolitik ist eine regionale Veranstaltung – Ideen erdacht werden, für die alle aus ihrer Komfortzone herauskommen müssen.
Für politische Entscheidungsträger heißt das, endlich mehr auf Fachleute zu hören, und zwar nicht nur auf jene, die wissen, wie man baut, sondern auch auf solche, die voraussagen können, wo und wie die Bevölkerung künftig wohnen will. Für uns alle bedeutet das: Schluss mit der „Not in my backyard“-Mentalität! Eine Baustelle ist anstrengend, aber wenn nach einem Jahr Lärm und Staub der Ort, an dem man lebt, lebenswerter geworden ist, hat sich das Opfer gelohnt.
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Auch die Bahn und der öffentliche Nahverkehr müssen renoviert werden. Wenn Menschen wegen zu wenig Platz oder zu hoher Preise nicht mehr in einer bestimmten Region leben können, sollten Sie zumindest die Möglichkeit haben, schnell und unkompliziert dorthin zu kommen.
Natürlich braucht es Geld, um die vielen Projekte umzusetzen. Diese Milliarden sollten von privaten Investoren kommen, aber auch vom Staat. Diese Milliarden wären aber gut investiert, und zwar nicht nur in mehr sozialen Frieden. Sie würden Teile unserer Wirtschaft wieder in Schwung bringen. Ein Teil des Geldes davon würde in Form von Steuern wieder zurück an den Staat fließen und das Land wieder zu einem Investitionsziel für Geld aus dem Ausland werden lassen.