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KommentarWieso ist die Zerschlagung von Thyssen-Krupp keine Lösung?

Nach über 200 Jahren droht Thyssen-Krupp die Abwicklung. Als Großaktionärin sollte die Krupp-Stiftung den Prozess stoppen, auch aus eigenem Interesse.Martin Murphy 01.10.2024 - 16:52 Uhr
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Protestaktion vor der Villa Hügel, dem Sitz der Krupp-Stiftung: Die Fronten im Konzern sind verhärtet. Foto: IMAGO/Markus Matzel

Der Industriekonzern Thyssen-Krupp durchläuft eine Schrumpfkur, wie es sie wohl selten in der deutschen Wirtschaft gegeben hat. Nach den Sparten Edelstahl und Aufzüge will sich die Firma nun von Stahl und ihren Marinewerften trennen; weitere Teile sollen im nächsten Schritt abgegeben werden. Am Ende könnte der Konzern 213 Jahre nach der Gründung faktisch aufgelöst werden.

Ohne Zweifel ist die wirtschaftliche Not bei Thyssen-Krupp groß, ein Umbau ist zwingend nötig. Eine Lösung kann aber nicht sein, den Konzern bis auf einen kleinen Rest abzuwickeln. Vielmehr müsste das Management um Vorstandschef Miguel López das versuchen, woran die Vorgänger gescheitert sind: dem Unternehmen eine Zukunft zu geben.

Zugegebenermaßen ist das kein einfacher Job. Die Thyssen-Krupp AG hat nur in der ersten Zeit nach der Fusion von Krupp und Thyssen vor 25 Jahren finanziell keine Sorgen gehabt. Nachdem aber der Bau neuer Stahlwerke in den USA und Brasilien ein Loch in die Bilanz gerissen hat, laboriert das Unternehmen an den Folgen.

Dieser Zustand hält nun seit 15 Jahren an. Kein Management hat es geschafft, den Konzern in den Griff zu bekommen. An Strategien mangelte es nicht: Die wechselnden Vorstände legten mal den Fokus auf Stahl, dann auf Technologien wie Aufzüge und schließlich sollten alle Teile gleichwertig nebeneinanderstehen. Geholfen hat kein Konzept, Thyssen-Krupp blieb wirtschaftlich eine Katastrophe.

Die Krupp-Stiftung steht in der Verantwortung

Im Kern gibt es zwei Gründe dafür. Der eine ist das Erbe Krupp. Die Vorläufergesellschaft hat zwar einen klangvollen Namen, aber sie lag wirtschaftlich derart am Boden, dass sie nach der Fusion mit Thyssen zur Belastung für das Gesamtkonstrukt wurde.

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Verantwortlich für die Niedergang des Konglomerats ist aber auch die Krupp-Stiftung. Diese ist mit 21 Prozent die größte Aktionärin der Gesellschaft und könnte für Stabilität sorgen. Allerdings ist die Beteiligung für Thyssen-Krupp kein Segen. Der frühere Krupp-Chef und spätere Stiftungsleiter Berthold Beitz hat als Mensch höchste Ehren erlangt, weil er im Zweiten Weltkrieg Juden vor dem Tod bewahrt hat. Als Manager und als Vorsitzender der Stiftung hat er aber die Krise bei Krupp nie gelöst.

Zu dem von ihm formulierten Ziel der Stiftung, dem Erhalt des Unternehmens, hat er nur bedingt beitragen können. Seine Nachfolgerin an der Spitze der Stiftung, Ursula Gather, hat dieses Ziel inzwischen verschoben. Die Einrichtung ist nun für die Förderung von Sport, Wissenschaft und Kultur verpflichtet und explizit nicht mehr dem Wohl von Thyssen-Krupp.

Vor diesem Hintergrund lehnt sie auch eine aktive Rolle bei der Gestaltung des Unternehmens ab. Und so treibt der Vorstand um López die Abwicklung voran. Eine Lösung kann und darf das nicht sein. Unternehmertum bedeutet gestalten und nicht zerstören wollen. Darauf fußt unser Wirtschaftssystem.

Dies gilt besonders vor dem Hintergrund, dass bei der Zerlegung Werte vernichtet werden. Wer unter Druck verkauft, der erzielt in der Regel keine guten Preise.

Interessenten für die Stahlsparte

Ein Beispiel dafür ist der laufende Teilverkauf der Stahlsparte. Die ist zwar defizitär und muss dringend neu aufgestellt werden. Den Kreis der Interessenten hat das verkleinert, aber es gab einige. Unverständlich ist daher, dass sich Aufsichtsrat und Vorstand früh mit dem Tschechen Daniel Kretinsky auf einen Käufer festgelegt haben. Der Verhandlungsspielraum ist da eingeengt, wie sich nun zeigt. Inzwischen ist die Offerte von Kretinsky unter dem Niveau alternativer Bieter angekommen.

Dieses Vorgehen wird von der Krupp-Stiftung gedeckt, die über Gather im Aufsichtsrat vertreten ist. Statt sich mit der Rolle als Zuschauerin zu begnügen, sollte sie aktiv in die Gestaltung der Zukunft einsteigen. Dies wäre auch ein verantwortungsvolles Handeln, das zwingend geboten ist. Als gemeinnützige Stiftung ist die Einrichtung nämlich dem Wohl der Öffentlichkeit verpflichtet. Abgesicherte Arbeitsplätze in einem funktionierenden Unternehmen sind Teil davon.

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Erstpublikation: 30.09.2024, 08:38 Uhr

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