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KommentarWir müssen dem Grauen von Krieg und Katastrophen begegnen

Weltweit macht sich ein chronisches Bedrohungsgefühl breit. Das birgt ein gefährliches Zermürbungspotenzial – und bringt eine neue Verantwortung mit sich, für Politik und Bürger.Annett Meiritz 13.10.2023 - 18:05 Uhr
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Trauernde in Jeruslaem.

Foto: dpa

Ein schreckliches Ereignis hätte in dieser Woche die Aufmerksamkeit der Welt auf sich ziehen können. Doch das Erdbeben in Afghanistan mit 2000 Toten war vielen Medien in den USA und Europa nur eine Randnotiz wert.

Das hatte einen nachvollziehbaren Grund: Kurz zuvor hatte die Hamas den schwersten Angriff gegen Israel seit 50 Jahren gestartet. Der Israel-Gaza-Krieg überlagerte alles. Im Ranking des Schreckens rutscht somit eine Naturkatastrophe nach unten, verdrängt von der menschengemachten Katastrophe im Nahen Osten.

In den vergangenen Jahren haben sich die globalen Gefahren derart gehäuft, dass der aus den 70ern stammende Begriff „Polykrise“ eine Renaissance erlebt. Corona, Extremwetter, Inflation, Ukrainekrieg, Gewalt in Aserbaidschan, Spannungen auf dem Balkan und im Südchinesischen Meer – das alles schürt selbst in Wohlstandsländern wie Deutschland und den USA Ängste.

Zermürbungspotenzial der globalen Krisen

Während die 90er-Jahre im Rückblick als „sorgloses Jahrzehnt“ gelten – was nur bedingt der Wahrheit entspricht –, gleichen die frühen 2020er-Jahre einer Fieberkurve, in der die Temperatur nie absinkt. Man fühlt sich umringt von Horrorgeschichten. Heute, wo Bilder allgegenwärtig, Informationen weltweit verfügbar und selbst Reisedistanzen gefühlt drastisch kürzer sind als früher, lässt sich das Grauen der Welt nicht mehr aussperren.

Wer argumentiert, dass die Menschheit schon immer Kriege und Konflikte aushalten musste, unterschätzt das Zermürbungspotenzial dieser modernen, multiplen Krisen. Das Gefühl chronischer Bedrohung trifft Menschen auch dort, wo sie nachts sicher in ihren Betten schlafen können. Social-Media-Bilder haben die Macht, individuelle Schicksale viel stärker als früher ins kollektive Bewusstsein zu spülen. Die Folgen dieser zum Teil ungebetenen Dauerinformation, kombiniert mit Falschnachrichten und Propaganda, sind nicht zu unterschätzen.

Denn das Grauen der Welt wird so zum Krisenverstärker. In den USA zum Beispiel steigen Kriminalität und Fentanyl-Missbrauch, geht die Zahl psychischer Erkrankungen durch die Decke, vor allem unter jungen Menschen.

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Die Gründe dafür sind komplex. Aber neben dem fehlenden sozialen Netz und der Isolation während der Pandemie trägt dieses Gefühl chronischer Bedrohung dazu bei, Gesellschaften ins Wanken zu bringen.

In Deutschland und anderen europäischen Ländern sorgen die Nähe zum Ukrainekrieg und die zurzeit schwache Wirtschaft für Verunsicherung. Gepaart mit Inflation und Flüchtlingskrise fördert das den Zulauf zu Rechtspopulisten. Die haben schon immer Missstände für ihre Zwecke ausgenützt. Und auf beiden Seiten des Atlantiks haben sie gerade reichlich Chancen dazu.

Wenn in Deutschland die Antibiotika knapp werden oder die Stromrechnung explodiert, belastet das den Alltag und das Gemüt. In den USA verstärken ganze Wellen von Diebstahl und höhere Armutszahlen den Eindruck, dass die Dinge außer Kontrolle geraten. Kommt geopolitische Instabilität hinzu, steigt die Politikverdrossenheit und die Anfälligkeit für vermeintlich bessere „Alternativen“.

Wie aber sollen wir mit dieser Ära des allgegenwärtig spürbaren Grauens umgehen? In erster Linie haben gewählte Regierungen und Politiker eine neue Verantwortung, aber auch multinationale Organisationen wie die UN und der Internationale Währungsfonds. Sie alle stecken viel Geld in Außenkommunikation, schaffen es aber oft nicht, einen Ton zu treffen, der die Menschen erreicht, in ihren Sorgen abholt und emotional bewegt.

Noch immer bleibt von G7- oder G20-Treffen kaum mehr im Gedächtnis als eine Abschlusserklärung, die gleich in der Versenkung verschwindet. Solange Institutionen als abgehoben, als elitär wahrgenommen werden, hilft das vor allem den politischen Rändern.

Eskapismus reicht nicht

Auch jeder einzelne Bürger, der sich als aktives Mitglied einer Gesellschaft versteht, hat eine Eigenverantwortung. Zwar gibt es ein Recht auf Eskapismus, gerade jetzt: Niemand muss sich 24 Stunden lang Aufnahmen von Gräueltaten antun, die Kapazitäten für Empathie sind begrenzt.

Es ist kein Zufall, dass die Entertainment-Industrie boomt wie in der Nachkriegszeit der 50er-Jahre das Kino. Heute gibt es Massenzerstreuung per Tiktok-Reel, Serien-Binge-Watching, „Barbie“-Blockbuster oder im Taylor-Swift-Konzertspektakel.

Es ist auch kein Zufall, dass gerade jetzt Künstliche-Intelligenz-Apps wie „Epik“ massentauglich werden, die Selfies in Illusionen verwandeln und Sehnsüchte nach pastellfarbenen Fake-Realitäten bedienen. Nie waren ungefilterte Gewalt und gefilterte Schönheit so nah beieinander.

Aber gleichzeitig war es auch nie so leicht, sich über die Weltlage zu informieren. Jeder Bürger, der die Zusammenhänge auch nur halbwegs verstehen möchte, hat die Pflicht dazu. Ausgewogene Expertise, Hintergründe und verschiedene Perspektiven sind überall zugänglich, man muss sie nur finden wollen. Sogar die Optionen, sich bei Existenzkrisen Hilfe zu suchen, haben sich mit dem Internet vermehrt.

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Wer seinen Blick vor dem Grauen der Welt und zugleich vor den eigenen Ängsten verschließt, macht sich selbst anfällig für Panikmache und politische Scheinlösungen. Trotz der Übermacht der Bilder sind wir es uns schuldig, die Augen offen zu halten.

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