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Kommentar Wladimir Putin betreibt Geschichtsklitterung

Russlands Präsident setzt zum 80. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion ein fatales Zeichen. Es ist kein Aufbruch in ein vereintes Europa, wie er verspricht. Im Gegenteil.
22.06.2021 - 15:54 Uhr 1 Kommentar
Die historische Aufarbeitung und die richtigen Konsequenzen hat der Kremlchef aber bis heute nicht gezogen, belegt ein Gastbeitrag auf „Zeit Online“. Quelle: AFP
Wladimir Putin legt zum Gedenken an den Überfall Nazideutschlands auf die Sowjetunion Blumen nieder

Die historische Aufarbeitung und die richtigen Konsequenzen hat der Kremlchef aber bis heute nicht gezogen, belegt ein Gastbeitrag auf „Zeit Online“.

(Foto: AFP)

„Wir können es uns einfach nicht leisten, die Last früherer Missverständnisse, Kränkungen, Konflikte und Fehler mit uns herumzuschleppen“ – so lautet einer der Kernsätze in Wladimir Putins Gastbeitrag zum 80. Jahrestag des Überfalls Hitlerdeutschlands auf die damalige Sowjetunion.

Doch damit macht der Kremlchef auf „Zeit Online“ genau den selbst benannten Fehler: Der Beitrag des russischen Präsidenten ist nicht etwa ein aussöhnendes Gedenken, sondern exakt die Fortschreibung der Missverständnisse, Kränkungen und Fehler, die er angeblich so beklagt.

Nicht nur dass er die Rolle der Westalliierten bei der Befreiung Nazideutschlands weitgehend ignoriert und die Befreiung allein für die „Rote Armee“ reklamiert. Noch schlimmer wird seine Geschichtsklitterung in Bezug auf die Zeit nach dem Zerfall der Sowjetunion und des Warschauer Pakts.

Die Schuld der aktuell weiter voranschreitenden Spaltung Europas schiebt Putin einseitig dem Westen und vor allem der Nato zu, die er gar „ein Relikt des Kalten Kriegs“ nennt.

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    Die „Grundursache des zunehmenden gegenseitigen Misstrauens in Europa lag im Vorrücken des Militärbündnisses gen Osten“, behauptet Putin und ergänzt: Die sowjetische Führung sei „de facto überredet“ worden, dem deutschen Nato-Beitritt zuzustimmen.

    Welch eine Ignoranz gegenüber der Politik der Aussöhnung Michail Gorbatschows und Boris Jelzins! Sie wurden nicht etwa überredet, auch nicht de facto, sondern haben ihre Politik in den Zwei-plus-vier-Vertrag zur deutschen Einheit, das Pariser Abkommen zur Regelung des Verbleibs der sowjetischen Atomwaffen und den Nato-Russland-Vertrag gegossen.

    Das aber passt natürlich nicht in die Erzählung Putins, der sein Land als Opfer feindlicher Mächte darstellen will und sich dazu die Fakten zurechtbiegt. Denn sie widerlegen die große Verschwörungserzählung eines „bösen“ Westens, der sich Osteuropa unterjocht habe.

    In diese Lesart passt auch die Behauptung des russischen Präsidenten, dass nach dem Aus der UdSSR „viele Länder vor eine künstliche Wahl gestellt wurden – entweder mit dem kollektiven Westen oder mit Russland zusammenzugehen. De facto war dies ein Ultimatum.“

    Putin stellt Osteuropa als „Opfer“ dar

    Dies ist nicht nur Geschichtsklitterung, sondern bewusste Ignoranz des universellen Prinzips des Selbstbestimmungsrechts der Völker. Ehemalige Sowjetrepubliken wie die drei baltischen Staaten oder Warschauer-Pakt-Vasallen wie die Volksrepublik Polen brauchten kein Ultimatum für ihre eigenständige Loslösung aus den Fängen der UdSSR und ihren Weg in Nato und EU: Sie wollten nie auf der Ostseite des Eisernen Vorhangs verschwinden.

    Für sie kam die Befreiung, die für Deutschland dank der Alliierten – also der Sowjets, der USA, Großbritanniens und Frankreichs – am 8. Mai 1945 kam, erst in den Jahren 1989 bis 1991.

    Putin stellt also die osteuropäischen Staaten als „Opfer“ der USA dar – selbstverständlich auch Deutschland und die EU: So hätten die EU-Staaten den angeblich von Washington organisierten „verfassungswidrigen Staatsstreich“ der USA in der Ukraine „willenlos unterstützt“.

    Damit ignoriert Putin nicht bloß den freien Willen der Ukrainer, sondern verkennt zudem noch, dass die russische Führung es bis heute nicht geschafft hat, den größten Flächenstaat ökonomisch und politisch zu einem Anziehungspol zu machen. Im Gegenteil: Sie vertieft den Riss mitten durch Europa immer weiter. Denn Druck, Zwang und Drohungen können Kompromisse, Empathie und Gestaltungsfreiheit nicht ersetzen.

    Und so klingen Putins Warnungen vor einem neuen Wettrüsten angesichts immer neuer von ihm präsentierter Hyperschallraketen ebenso hohl wie sein Versprechen, „Russland plädiert für die Wiederherstellung einer umfassenden Partnerschaft zu Europa“.

    Mehr zum Thema:

    Bewältigung historischer Rolle wichtig für neue Energieprojekte

    Moskau tut momentan alles dafür, die EU zu spalten und demokratische Willensentscheidungen durch Cyberattacken zu vereiteln. Der Kreml hat bis heute nicht bewiesen, dass er bereit ist, Russland als ein Land unter Gleichen darzustellen, wie dies beispielsweise Deutschland trotz seiner ökonomischen Größe in der EU tut.

    Richtig an Putins Ausführungen ist, dass zum Glück die „historische Aussöhnung zwischen unserem Volk und den Deutschen in Ost und West“ gelungen ist. Und auch, dass es „deutsche Unternehmer waren, die in den Nachkriegsjahren zu Pionieren der Kooperation mit unserem Land wurden“.

    Das legendäre Erdgas-Röhren-Geschäft von 1970 war ein Meilenstein nicht nur der deutsch-russischen Zusammenarbeit, sondern auch der Annäherung in Europa. Dass neue Energieprojekte wie Nord Stream 2 aber die gleiche Wirkmächtigkeit entfalten und nicht etwa das Gegenteil erreichen, hängt im Wesentlichen davon ab, inwieweit Russland nun auch mit der Bewältigung seiner historischen Rolle beginnt. Putins Geschichtsklitterung ist das Gegenteil davon: ein weiterer Schritt in die Sackgasse aus selbst erdachter Opferrolle und unbewältigter Großmannssucht.

    Mehr: Putins Gastbeitrag auf „Zeit Online“

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    1 Kommentar zu "Kommentar: Wladimir Putin betreibt Geschichtsklitterung"

    Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

    • @Autor, Hr. Brüggmann
      Sie schreiben "Für sie [die Länder Osteuropas] kam die Befreiung, die für Deutschland dank der Alliierten – also der Sowjets, der USA, Großbritanniens und Frankreichs – am 8. Mai 1945 kam, erst in den Jahren 1989 bis 1991."

      Sie setzen also die Befreiung Europas vom Nationalsozialismus gleich mit der Loslösung der genannten Länder aus dem Ostblock (RGW, Warschauer Pakt, beides unter Führung der Sowjetunion) ? Das kann nicht Ihr Ernst sein.
      So wie Sie das schreiben, heißt das ja 'Nationalsozialismus herrschte in den Ländern Osteuropas bis 1989'. Außer in Deutschland (was ist hier mit der DDR ?), denn Deutschland wurde befreit.
      Dieser Artikel ist tendenziös und ungenau.

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