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KommentarZeitenwende am Arbeitsmarkt – Das Dilemma der Gewerkschaften

Die Gewerkschaften scheinen derzeit mächtig. Doch der zunehmende Arbeits- und Fachkräftemangel stärkt die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer auch ohne kollektive Interessenvertretung.Frank Specht 01.05.2023 - 10:37 Uhr
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Der gewerkschaftliche Organisationsgrad hält mit dem Beschäftigungswachstum nicht Schritt.

Foto: dpa

Rote Fahnen, Trillerpfeifen, kämpferische Reden – am 1. Mai setzen die Gewerkschaften auch in diesem Jahr ein deutliches Zeichen. Und sie tun das mit einigem Selbstbewusstsein.

Nach Jahren der Lohnzurückhaltung haben die Arbeitnehmervertreter zuletzt wieder ordentliche Tarifabschlüsse durchgesetzt und mit massiven Warnstreiks gezeigt, dass sie Beschäftigte mobilisieren können. Und in ein paar Tagen können sie auch noch 150 Jahre Flächentarifverträge feiern. Erleben wir also eine Renaissance der Arbeiterbewegung? Durchaus. Nur haben die Gewerkschaften damit wenig zu tun.

Angesichts des Arbeits- und Fachkräftemangels, der sich durch den demografischen Wandel weiter verschärfen wird, wächst die Verhandlungsmacht der Arbeitnehmer. Wer qualifiziert ist und wechselbereit, kann sich den Arbeitgeber aussuchen und braucht für gute Löhne und Arbeitsbedingungen keine kollektive Interessenvertretung.

Ja, auch bei den Un- und Angelernten sind die Tarifverdienste zuletzt kräftig gestiegen, sogar kräftiger als bei den Fachkräften. Auch das hat aber mehr mit der Knappheit an Personal und der Anhebung des gesetzlichen Mindestlohns zu tun als mit der Stärke der Gewerkschaften. Denn gerade Beschäftigte im Niedriglohnbereich sind eher selten gewerkschaftlich organisiert.

Der zuletzt durchaus kraftvolle Auftritt der Arbeitnehmervertreter kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass ihre Macht seit Jahren schwindet. Selbst wenn es ihnen jetzt mit öffentlichkeitswirksamen Streikaktionen gelingen sollte, ihre Mitgliederzahl zumindest stabil zu halten, so ist angesichts des rasanten Beschäftigungswachstums der Organisationsgrad doch immer weiter geschrumpft.

Die Scheinriesen

Die Tatsache, dass nur noch etwa jeder sechste Arbeitnehmer in Deutschland Mitglied einer Gewerkschaft ist, relativiert die Lautstärke, mit der IG Metall, Verdi und Co. auch in allgemeinpolitischen und gesellschaftlichen Fragen ein Mitspracherecht einfordern.

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Auch der Flächentarifvertrag – vor 150 Jahren erstmals für die Buchdrucker eingeführt – erodiert immer mehr. So stark, diese Entwicklung aufzuhalten, ist bislang selbst die IG Metall als noch größte Gewerkschaft der freien Welt nicht.

Mächtig erscheinen die Arbeitnehmervertreter aktuell, weil die hohe Inflation die Gemüter der Beschäftigten erregt und Tarifrunden gerade dort stattfinden, wo Streiks besonders wehtun und öffentlichkeitswirksam sind. An den Flughäfen oder bei der Bahn lässt sich schon mit wenig Aufwand maximale Wirkung erzielen.

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Sieht man aber näher hin, entpuppen sich die Gewerkschaften doch eher als Scheinriesen – allen roten Fahnen, Trillerpfeifen und kämpferischen Reden zum Trotz.

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